Wenn Buchstaben ausgrenzen: Forschung zur Teilhabe von geringliteralisierten Erwachsenen am politischen Leben

Wie funktioniert Teilhabe am politischen Leben, wenn man Texte nicht richtig lesen bzw. nicht richtig versehen kann, wenn in einem Text zu viele oder widersprüchliche Informationen verpackt sind? Dieser Frage geht Laura Pfennig, Senior Scientist am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, in ihrem Dissertationsprojekt nach. Sie ist eine der Doktorand:innen, die von 14. bis 18. September 2026 am diesjährigen Klagenfurt Research Retreat (KRR) on Education and Transformation: Mapping Possibilities and Embracing Complexity an der Universität Klagenfurt teilnehmen.

„Insgesamt 19% der in Österreich geborenen Menschen, deren Erstsprache Deutsch ist, sind auf einem sehr niedrigen Kompetenzniveau beim Lesen und gehören damit zu den geringliteralisierten Erwachsenen“, führt Laura Pfennig zu den Ergebnissen der PIAAC-Studie aus den Jahren 2022 und 2023.  Diese Personen erleben nicht nur reichlich Herausforderungen dabei, ihren Alltag – in einer digitalisierten Welt, in der Lesen vielfach an Bedeutung zugenommen hat – zu bestreiten, sondern sehen sich häufig auch einer Stigmatisierung ausgesetzt, die durch die Wissenschaft und die mediale Repräsentation reproduziert wird. Nur sehr wenige der geringliteralisierten Erwachsenen suchen dabei durch Maßnahmen und Kurse der Erwachsenenbildung einen Ausweg aus ihrer Situation: Eine deutsche Studie kam jüngst zum Ergebnis, dass nur 1 Prozent der Personen an solchen Angeboten teilnehmen.

Laura Pfennig möchte mit ihrem Dissertationsprojekt nun eruieren, warum dies der Fall ist und ob sich geringliteralisierte Personen von entsprechenden Kampagnen überhaupt angesprochen fühlen. Derzeit führt sie zu zwei Themenfeldern eine umfassende Literaturrecherche durch, danach möchte sie ein partizipatives Projekt mit Erwachsenenbildner:innen und Teilnehmer:innen solcher Kurse durchführen.

Hinter dem Thema ortet Laura Pfennig einen großen Problemkomplex, der auch politische Dimensionen annimmt: „Wir wenden den Literalitätsbegriff nicht nur für die Schriftsprache per se an, sondern wollen auch im Sinne von media literacy sowie critical literacy untersuchen, wie geringliteralisierte Menschen oft durch sehr einfache – mitunter rechtspopulistische – Kampagnen angesprochen werden. Über eine gute Lesekompetenz zu verfügen, bedeutet dabei auch oft, kritisch auf politische Prozesse blicken zu können.“ Dadurch, dass die geringe Literalität häufig zu Ausgrenzung führt, entstünden Nachteile für Personen, die häufig ohnehin schon von Armut und Bildungsarmut betroffen sind. „Die Schere zwischen den gesellschaftlichen Gruppen geht immer weiter auseinander. Ich denke, dass Wissenschaft und Politik die Verantwortung haben, politische Bildung allen Menschen zugänglich zu machen – auch jenen, die gering literalisiert sind.“

Ihren Weg zu diesem Thema fand Laura Pfennig über mehrere Stationen: Sie hat an der Universität Magdeburg das Bachelor-Studium Psychologie absolviert, danach folgte an der Universität Erfurt das Master-Studium Psychologie. Während ihres Psychologiestudiums kam sie für ein Erasmus-Semester nach Klagenfurt: „Und weil es hier so schön war, habe ich auch ein zweites Erasmus-Semester hier verbracht.“ Die Zeit nutzte sie unter anderem für das Erweiterungsstudium „Gender und Diversität“. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie als Mitarbeiterin im psychologischen Dienst für eine berufsvorbereitende Maßnahme in Leipzig, die sich an Jugendliche und junge Erwachsene richtet. „Dort sah ich sehr deutlich, wie stark die generationale Weitergabe von Bildungsungleichheiten ausgeprägt ist“, erzählt sie. Laura Pfennig ist selbst eine First Academic in ihrer Familie, also die erste, die eine Hochschulausbildung absolviert hat. Daher kennt sie das Gefühl, nicht in einem Umfeld mit akademischen Habitus aufgewachsen zu sein: „Ich habe mich in den ersten Seminaren an der Uni sehr unwohl gefühlt und mich lange nicht getraut, mich zu Wort zu melden. Erst im Gender-Studies-Studium hier in Klagenfurt wurde mir bewusst, wie stark der Nachteil wirkt. Langsam bin ich dann in diese Welt hineingewachsen und fühle mich dort mittlerweile sehr wohl.“ Als dann die Karenzvertretungsstelle als Universitätsassistentin in der Forschungsgruppe von Monika Kastner am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung frei wurde, war für Laura Pfennig klar, dass sie das Doktoratsstudium in Angriff nehmen möchte und sich mit Fragen der Bildungsungleichheit und Erwachsenenbildung beschäftigen möchte.

Ihre wissenschaftliche Arbeit findet aktuell noch vorwiegend in ihrem Büro über Büchern und Artikeln sitzend statt. Die Feldarbeit wird in den nächsten Monaten folgen. Das im Herbst 2026 stattfindende Klagenfurt Research Retreat (KRR) on Education and Transformation: Mapping Possibilities and Embracing Complexity bietet Doktorand:innen wir ihr die Möglichkeit zum Austausch über Methodik und Inhalt. „Spannend ist auch, von anderen zu erfahren, wie sie ihr Doktoratsstudium organisieren. Mit anderen offen über Herausforderungen zu sprechen und einander Tipps zu geben, ist besonders wertvoll. Da ich selbst aus der – in Deutschland stark quantitativ ausgerichteten – Psychologie komme, freue ich mich auch auf den Input zu qualitativen Methoden, die meine Forschung hoffentlich bereichern“, so Laura Pfennig.

Zur Person



Wann haben Sie zuletzt mit jemandem außerhalb der Wissenschaft über Ihre Forschung gesprochen?

Letzte Woche. Meine Freund:innen haben zwar eine ungefähre Idee davon, was ich mache, aber ich versuche im Privaten die Forschung Forschung sein zu lassen.

Was machen Sie im Büro morgens als Erstes?

Das Fenster auf – und dann einen Kaffee holen.

Was bringt Sie in Rage?

Wenn ich weiß, dass ich etwas Bestimmtes in einem Paper gelesen habe, aber einfach nicht mehr finde, in welchem und mich durch meine gesamte Bibliothek wühlen muss. Und der 50-Cent Aufpreis für Hafermilch im Café Como.

Und was beruhigt Sie?

Meine Ordner auf dem Laptop sortieren und Dateien richtig benennen. Außerhalb der Arbeit: auf die Berge schauen, am See liegen, Rad fahren.

Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an Ihre Arbeit zu denken?

Ich versuche es, aber irgendwo schwingt es immer mit. Und wenn mir im Urlaub oder im Gespräch eine gute Idee kommt, bin ich da auch nicht böse drum.

Worauf freuen Sie sich?

Im Sommer Zeit für meine Familie und Freund:innen in Deutschland zu haben und vielleicht nochmal in Kroatien zu schnorcheln.