Reinhard Schlemmer (c) VINCI Energies

Vom Informatik-Studium in Klagenfurt zur internationalen Top-Führungskraft in der Industrie

Reinhard Schlemmer begann seine akademische Laufbahn an der Universität Klagenfurt. Heute ist er Vorstandsmitglied der VINCI Energies S.A. und verantwortet sämtliche europäische Länder östlich von Frankreich – rund 30.000 Mitarbeitende und ein Umsatz im Milliardenbereich. Im Alumni-Porträt spricht er über seinen Weg von Osttirol in die Welt, über Führung, Innovation – und über bleibende Eindrücke aus seiner Studienzeit in Klagenfurt.

Herr Schlemmer, Sie stammen aus einer Osttiroler Bauernfamilie und sind als eines von elf Kindern aufgewachsen. Welche Werte aus Ihrer Kindheit begleiten Sie heute noch im Berufsleben?

Auf einem Bauernhof lernt man schnell, dass die Arbeit nicht wartet – ich habe viele Jahre auf dem Bergbauernhof meines Onkels geholfen, der keine Kinder hatte. Ob Heu machen oder den Stall ausräumen – jeder packt dort an, wo er gebraucht wird, und trägt seinen Teil zum Ganzen bei. Ausdauer, Verantwortung und Teamgeist entstehen ganz selbstverständlich, ebenso wie Demut, wenn man eines von elf Kindern ist. Diese Werte und diese Haltung begleiten mich bis heute und sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit bei VINCI Energies.

Als Vorstandsmitglied von VINCI Energies S.A. tragen Sie heute die Verantwortung für alle europäischen Länder östlich von Frankreich, dies entspricht rund 30.000 Mitarbeitenden und einen mehrmilliarden Euro hohen Umsatz – allein in Deutschland sind es mehr als 3,7 Milliarden. Was motiviert Sie, diese enorme Verantwortung täglich zu tragen?

Mich motiviert vor allem die Arbeit mit Menschen. Verantwortung bedeutet für mich nicht, alles alleine zu tragen, sondern gemeinsam mit meinem Team Lösungen zu finden, aus Erfolgen wie auch aus Fehlern zu lernen und uns stetig weiterzuentwickeln. Ein früherer Chef hat einmal zu mir gesagt: „Wirtschaft ist der Umgang mit Menschen“ – genau das gibt mir Antrieb. Es geht nicht nur um Zahlen, sondern darum, Potenziale zu fördern, Vertrauen zu schaffen und eine Organisation zu gestalten, die offen, inklusiv und werteorientiert ist. Bei VINCI Energies habe ich die Chance, all das umzusetzen.

Wollten Sie immer schon ein Spitzenmanager in der Industrie werden?

Ich hatte immer Ziele, aber keinen fixen Karriereplan. Als jüngster Sohn einer Bauernfamilie sollte man traditionell Pfarrer oder Lehrer werden – für die Kirche war ich wohl zu undogmatisch und für den Lehrerberuf damals zu ungeduldig. Als Manager verbinde ich heute das Beste aus beidem.

Bedeutet dies, dass in jedem Manager ein wenig Pfarrer und ein wenig Lehrer steckt?

Ein Manager muss Werte nicht nur an die Wand schreiben, sondern sie vorleben und Orientierung geben – wie ein Pfarrer, der für eine gemeinsame Haltung steht. Gleichzeitig ist er Lehrer, indem er Menschen begleitet, fördert und ihnen hilft, ihr Potenzial zu entfalten – genau das prägt auch unsere Kultur bei VINCI Energies.

Welche Werte sind für VINCI Energies besonders wichtig – und wie gelingt es, diese in der Praxis wirklich zu leben?

Vertrauen, Unternehmergeist, Eigenständigkeit, Solidarität und Verantwortung prägen unser tägliches Handeln. Die Umsetzung beginnt dabei immer bei mir selbst und meinem Führungsteam. In Englisch sagt man so schön: „walk the talk“. Wenn wir die Werte nicht ganz selbstverständlich vorleben, kann man nicht erwarten, dass sie im Unternehmen wirken. Wir schulen Führungskräfte gezielt, machen neue Mitarbeitende von Anfang an im Onboarding mit unserer Philosophie vertraut und fördern aktiv Vernetzung statt internen Wettbewerb. In unserer VINCI-Akademie zeigen wir, wie diese Werte im Alltag konkret gelebt werden können und schaffen Räume für Austausch und Zusammenarbeit. So entstehen Teams, die Verantwortung übernehmen, Ideen vorantreiben und gemeinsam erfolgreich sind.

Sie begleiten die Entwicklung von VINCI Energies bereits seit 22 Jahren. Wie hat sich das Unternehmen in dieser Zeit verändert – und welche Rolle spielt es heute bei der Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft?

Als ich 2002 zu VINCI Energies kam, war der Konzern stark in Frankreich verankert, mit einem Umsatz von knapp drei Milliarden Euro und ersten Schritten ins Ausland. Heute sind wir in über 50 Ländern aktiv, mit mehr als 20 Milliarden Umsatz – international, vielfältig und stark gewachsen. Was sich verändert hat? Wir haben unsere Organisation internationalisiert und professionalisiert, ohne unsere Werte zu verlieren. Früher wurde die Philosophie eher informell weitergegeben – heute ist sie klar formuliert, kommuniziert und weltweit gelebt. Dabei war uns immer wichtig: Wachstum mit Maß. Wir investieren nicht nur in neue Unternehmen, sondern vor allem in Menschen. Denn Integration braucht Zeit und Aufmerksamkeit – nur so können wir unsere gemeinsame DNA stärken. In einer Welt im Wandel leisten wir so einen Beitrag zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation – mit technischen Lösungen, aber vor allem mit Haltung.

Wie bereitet sich das Unternehmen auf kommende technologische Entwicklungen vor – etwa in den Bereichen künstliche Intelligenz, Automatisierung oder Cybersicherheit?

Wir verstehen uns als Systemintegrator – unser Fokus liegt darauf, neue Technologien sinnvoll in die Praxis zu bringen. In Bereichen wie OT-Security oder KI bauen wir gezielt Know-how auf, testen in unserer Digital-Schmiede neue Ansätze und kooperieren mit Start-ups. Aber: Nicht jeder Trend ist schon reif für den Einsatz. Unsere Aufgabe ist es, zwischen Hype und belastbaren Lösungen zu unterscheiden – und unseren Kunden das anzubieten, was wirklich funktioniert. Gleichzeitig setzen wir dabei auf unsere dezentrale Struktur: Über 2.000 Business Units entwickeln eigenständig Strategien und Innovationen – nahe an den Kunden, nahe an den Märkten.

Sie haben an der Universität Klagenfurt Angewandte Informatik studiert. Inwiefern hat Sie dieses Studium auf Ihre beruflichen (Führungs-)Aufgaben vorbereitet?

Das Studium hat mir eine solide fachliche Basis gegeben – mit Informatik, BWL und Wirtschaftspsychologie als zentralen Bausteinen. Ich habe gelernt, Systeme zu analysieren, komplexe Zusammenhänge zu abstrahieren und technologische Entwicklungen richtig einzuordnen – Fähigkeiten, die ich als Führungskraft täglich brauche. Besonders geprägt hat mich der Kurs Systemanalyse und Design von Prof. Roland Mittermeir – dieses Denken in Systemen begleitet mich bis heute. Auch die Einblicke in Managementtheorie und Führung durch Prof. Linda Pelzmann, mit starken Referenzen zu den Werken von Peter Drucker und Fredmund Malik, haben mir früh vermittelt, worauf es im Umgang mit Menschen ankommt.

Gibt es etwas, das Ihnen aus Ihrer Studienzeit in Klagenfurt besonders in Erinnerung geblieben ist?

Definitiv – ich habe unheimlich gern in Klagenfurt studiert. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die familiäre Atmosphäre: Der direkte Kontakt zu Professor:innen und Assistent:innen hat sehr geholfen, gerade am Anfang. Wer wollte, wurde mitgenommen. Und nicht zuletzt: Klagenfurt im Frühling und Sommer – das ist einfach ein Traum.

Wie würden Sie Ihre Studienzeit an der Universität Klagenfurt in drei Worten beschreiben?

Basis. Wachstum. Reife. Ich bin in Klagenfurt nicht nur fachlich gewachsen, sondern auch persönlich – und war danach bereit, in die Welt hinauszugehen.

Was war rückblickend der wichtigste Unterschied zwischen Ihrem Studium und Ihren späteren beruflichen Erfahrungen in der internationalen Industrie?

Das Studium ist ein geschützter Raum mit klaren Regeln – wer mitzieht, kommt voran. In der Industrie ist das anders: Da wird’s komplex, dynamisch, manchmal auch rau. Erfolg hängt nicht nur vom Fachwissen ab, sondern stark von Überzeugungskraft, Anpassungsfähigkeit und dem Umgang mit Menschen. Das Studium hat mir das nötige Rüstzeug gegeben. Wie man sich im „Dschungel“ behauptet, lernt man erst draußen.

Die VINCI-Tochter Axians Informa ist erfolgreicher Partner des Klagenfurt-Stipendiums. Welche Bedeutung hat die Förderung junger Talente für Ihr Unternehmen – und welche weiteren Wege sehen Sie, um den Nachwuchs frühzeitig zu erreichen und zu unterstützen?

Nachwuchsförderung ist für uns essenziell – nicht nur in schönen Worten, sondern fest verankert in der Strategie jeder Business Unit. Wir investieren gezielt in Aus- und Weiterbildung, zum Teil bis zu 8 % der jährlichen Lohn- und Gehaltssumme. Programme wie „Fit for Management“ oder der „Förderpool“ bereiten junge Talente auf Fach- und Führungsrollen vor. Kooperationen mit Unis – wie das Klagenfurt-Stipendium – entstehen dezentral vor Ort. Unser Ziel: Mitarbeitende zu entwickeln, die besser sind als wir selbst. Denn gute Führung zeigt sich auch daran, was nach einem kommt.

Wo sehen Sie generelle Schnittstellen zwischen Industrie und Wissenschaft, die aus Ihrer Sicht noch stärker genutzt werden sollten?

Es gibt viele gute Ansätze – etwa duale Studiengänge oder gemeinsame Projekte, wie wir sie zum Teil bereits mit Universitäten umsetzen. Als Systemintegrator sehen wir großes Potenzial, gemeinsam an praxisnahen Innovationen zu arbeiten – vor allem bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit. Unsere Digital-Schmiede ist ein Raum für genau solche Kooperationen – auch mit Start-ups und Hochschulen. Hier könnten wir in Zukunft noch mehr Brücken schlagen, etwa durch stärkere Einbindung Studierender in reale Projekte oder Forschungskooperationen auf Augenhöhe.

Sie haben beruflich viel erlebt, mehrere Länder und Branchen kennengelernt. Gibt es einen Ratschlag, den Sie jungen Menschen geben würden, die eine Karriere an der Schnittstelle zwischen Technologie, Wirtschaft und gesellschaftlicher Entwicklung anstreben?

Wirtschaft ist immer auch der Umgang mit Menschen – das sollte man nie vergessen. Eine solide technologische Basis ist hilfreich, gerade am Anfang, wenn man in Führung gehen möchte. Noch wichtiger ist aber, mit wem man startet: Der erste Job ist nicht entscheidend – die erste Chefin oder der erste Chef schon. Man sollte gezielt nach Menschen suchen, von denen man lernen kann. Und dann gilt: Lehrjahre sind keine Herrenjahre – es braucht Einsatz, Neugier und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln.

Was motiviert Sie persönlich – auch nach vielen Jahren in leitender Funktion – täglich aufs Neue?

Ich arbeite gern mit Menschen – es erfüllt mich, wenn ich sehe, wie sich Teams weiterentwickeln, Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas bewegen. Ich kann die Welt nicht im Großen verändern, aber im Kleinen sehr wohl – mit meinem Team, in meinem Umfeld. Und wenn wir es schaffen, jeden Tag ein Stück besser zu werden, dann leisten wir auch einen Beitrag für eine offene, zukunftsfähige Gesellschaft.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schlemmer. 

 

Alumni im Porträt

Die Universität Klagenfurt ist stolz auf ihre Absolvent:innen. In unseren Alumni-Porträts erfahren Sie mehr über die Erfolge, Karrieren und Geschichten unserer Alumni, deren Pioniergeist für sich und die Universität Klagenfurt spricht. Sie kennen ein:e Absolvent:in mit inspirierendem Karriereweg? Dann schreiben Sie uns.

Alumni-Netzwerk der Universität Klagenfurt

Das Alumni-Netzwerk versteht sich als Plattform für den weltweiten und langjährigen Kontakt und die persönliche und berufliche Unterstützung und Vernetzung von Studierenden, Absolvent:innen und der universitären Öffentlichkeit. Der Alumni-Newsletter informiert regelmäßig über Aktuelles, Weiterbildungen und Events rund um die Universität Klagenfurt.