Dialog statt Spaltung: EU-Projekt DIACOMET entwickelt Strategien gegen Hassrede und Desinformation

Wie gelingt Dialog im digitalen Zeitalter? Das EU-Projekt DIACOMET zeigt Wege gegen Hassrede und Desinformation. Die Ergebnisse des Projekts – unter anderem Richtlinien für dialogorientierte Kommunikation, eine Accountability-Toolbox und das Online-Spiel „Dialogue Lab“ – stellt das Projektteam am 19. Mai 2026 ab 18:00 Uhr im Presseclub Concordia vor.

Der Konversationston im digitalen Medienumfeld ist rau geworden. Immer wieder schlägt einem in den Kommentarspalten journalistischer Nachrichtenanbieter oder auf Plattformen wie Facebook, Instagram und X blanker Hass entgegen. Dabei galten die Partizipationsmöglichkeiten im Onlineraum einst als große Chance für mehr Gleichberechtigung in der öffentlichen Kommunikation – und damit auch als Motor für mehr gesellschaftliche Teilhabe. Zuletzt befassten sich Politik und Medien allerdings vorwiegend mit den Folgeproblemen der Digitalisierung: Was tun angesichts zahlloser Beispiele von Hate Speech und Falschinformationen im Netz?

Die Frage, wie sich Dialogprozesse unter digitalen Vorzeichen möglichst gewinnbringend gestalten lassen, stand im Mittelpunkt eines groß angelegten Horizon Europe-Projekts, das nun nach drei Jahren Laufzeit zu Ende geht. An der Studie mit dem Titel DIACOMET (Dialogic Communication Ethics and Accountability) waren insgesamt zehn europäische Partnerinstitutionen aus allen Teilen des Kontinents beteiligt. Für Österreich war das Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung (CMC) dabei, das gemeinsam von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Klagenfurt getragen wird. Das CMC-Team um Projektleiter Tobias Eberwein beteiligte sich sowohl an mehreren empirischen Studien als auch an der Entwicklung einiger praktischer Instrumente zur Förderung von Qualität und Verantwortung in Kommunikation und Medien.

„Die Erforschung dialogischer Kommunikation ist eine der zentralen Aufgaben, wenn man verstehen möchte, was demokratische Gesellschaften im Digitalzeitalter zusammenhält“, betont Tobias Eberwein. „Wir werden derzeit – in Österreich und in der ganzen Welt – mit unglaublich vielen Beispielen gesellschaftlicher Polarisierung konfrontiert. Soziale Medien können derartige Spaltungsprozesse verstärken. Im schlimmsten Fall wird dadurch sogar das demokratische System untergraben. Mit unseren Studien im Rahmen von DIACOMET wollen wir zeigen, wie Dialoge auch unter schwierigen Bedingungen gelingen können. Letztlich geht es uns damit auch um einen Dienst an der Demokratie.“

Um dieses Versprechen einzulösen, hat das DIACOMET-Konsortium einen innovativen Mehrmethodenansatz entwickelt. Damit ließen sich ganz unterschiedliche Perspektiven rund um die Ausgestaltung einer dialogischen Kommunikationsethik untersuchen. So wurden beispielsweise mehr als 400 Ethik-Kodizes für verschiedene Felder der öffentlichen Kommunikation gesammelt und ausgewertet. Fokusgruppengespräche mit mehr als 500 Teilnehmenden verwiesen auf Leerstellen dieser Dokumente und legten konkrete Wünsche und Bedürfnisse von Mediennutzenden offen. Eine Delphi-Befragung mit Medienexpert:innen zeigte schließlich Lösungswege auf – bis hin zu konkreten Empfehlungen für Journalismus und Medienpolitik.

Die Studien zeigen, dass es bei diesem Thema jede Menge Nachholbedarf gibt – nicht nur in Österreich. Die Frage, wie sich konstruktive Dialoge gestalten lassen, taucht in den meisten Kommunikationskodizes allenfalls am Rande auf. Dabei erkennen Bürgerinnen und Bürger aus verschiedensten Bereichen der Zivilgesellschaft gerade hier ein Problem: Viele Mediennutzende sehen sich aus zentralen gesellschaftlichen Diskursen ausgegrenzt und hätten gerne mehr Möglichkeiten zur Mitsprache. Die Potenziale einer gesamtgesellschaftlichen Debatte über Qualität in der öffentlichen Kommunikation unterstreichen auch die dazu befragten Medienfachleute. Sie empfehlen mehr niedrigschwellige Formate des Austauschs über Fragen der Medienverantwortung – und machen dazu einige ganz konkrete Vorschläge.

Diesen Anregungen folgend konnte das DIACOMET-Projekt einen eigenen Kodex mit Richtlinien für dialogorientierte Kommunikation entwickeln. Daneben entstand eine Accountability-Toolbox mit unterschiedlichen Instrumenten, die mehr Bürgerbeteiligung in der Medienregulierung ermöglichen sollen. Ein besonderer medienpädagogischer Output ist das sogenannte „Dialogue Lab“ – ein Onlinespiel, bei dem Userinnen und User typische kommunikationsethische Probleme diskutieren und Lösungsoptionen abwägen. Ein internationales NGO-Netzwerk, das während der Projektlaufzeit aufgebaut wurde, soll die Ideen von DIACOMET auch nach dem Auslaufen der EU-Förderung weiterpflegen.

„Die meisten empirischen Forschungsprojekte enden bei der Diagnose von Problemen“, resümiert Projektleiter Tobias Eberwein. „Es ist ein besonderer Verdienst von DIACOMET, dass dieses Projekt eine ganze Reihe von Anwendungsoptionen bietet und diese für die Medienpraxis aufbereitet. Darauf sind wir auch ein wenig stolz.“

 

Terminhinweis: Die wichtigsten Ergebnisse der österreichischen Teilstudien im Rahmen von DIACOMET stellt das Projektteam vom CMC am 19. Mai 2026 ab 18 Uhr im Presseclub Concordia, 1010 Wien, vor. Zu der Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Zwischen Schlagzeile und Lebenswelt: Journalismus im Dialog“ sind alle Interessierten herzlich eingeladen. Anmeldung: cmc [at] oeaw [dot] ac [dot] at.

Link: Weitere aktuelle Informationen zum DIACOMET-Projekt: https://diacomet.eu