Klaudija Sabo | Foto: KK

Wenn Körper in Filmen politischen Widerstand ausdrücken

Klaudija Sabo hat gemeinsam mit Kolleginnen einen Sammelband zu „Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen“ herausgegeben. Sie fragt darin unter anderem „Können der sexualisierte Körper oder der sexuelle Akt zu politischen Waffen werden?“ Mit uns hat sie über die Themen des Buches gesprochen.

Frau Sabo, der Titel des von Ihnen mitherausgegebenen Buches lautet „Sexualität und Widerstand“. Ich frage mich: Widerstand wogegen?

Widerstand wird in dem Buch vornehmlich in Verbindung mit filmischen Darstellungsweisen von Sexualitäten verhandelt. Eine zentrale Frage ist dabei, ob die Darstellung von sexualisierten Körpern oder des sexualisierten Akts zu einer politischen Waffe werden kann? Hierbei findet also Widerstand – in einer visuellen Art und Weise – oftmals gegenüber politischen und sozialen Missständen statt.

Warum eignen sich Körper und Sexualität denn für den Ausdruck von Widerstand?

Eine tabuisierte Darstellung von Sexualitäten sagt natürlich viel über die jeweiligen Gesellschaften aus, die sich nicht auf den Umgang mit Körperpolitiken beschränkt. Über das Aufbrechen der Tabus, über das Zeigen, das Thematisieren dieser können zudem auch andere politische oder auch soziale Zustände verhandelt werden, die vielleicht ansonsten nicht in so direkter Form angesprochen werden können – aufgrund beispielsweise von Zensur.

Nackte Haut, auch in sexuellen Kontexten gestellt, begegnet uns heute quasi auf jeder Plakatwand. Das Tabu scheint doch gebrochen, oder?

Ja, es ist sicherlich zu beobachten, dass in der Öffentlichkeit sehr viel Körperlichkeiten und Sexualitäten verhandelt werden. Gleichzeitig existiert in unserer westlichen Gesellschaft jedoch auch ein Rückzug in das Private, welcher von einem gewissen Konservativismus begleitet wird. Allerdings geht der Sammelband nicht nur mit seinen Beiträgen auf die gegenwärtigen Prozesse ein, sondern bildet auch eine historische Spanne ab, bei der zudem deutlich wird, dass man in gewissen Zeitperioden Sexualitäten offener gelebt hat, als man das vielleicht heutzutage vermuten würde. Die Darstellung von Sexualitäten im Film besteht also aus vielen Brüchen und Kontinuitäten.

Inwiefern?

Beispielsweise sind in den 1920er und 1930er Jahren die so genannten Flapper als Frauenfiguren aufgetreten, die kurze Röcke und kurzes Haar trugen und eine neue Sexualität verkörperten. Maskuline und feminine Attribute wurden dabei bewusst gemischt. Das hat oftmals mit den historischen Umständen zu tun, da der Erste und später dann auch der Zweite Weltkrieg es den Frauen ermöglichte, aufgrund des Wehrdienstes der Männer, einen Einstieg in Berufssparten zu erlangen, die zuvor eher von Männern dominiert wurden. Dieses neue Selbstverständnis wird sehr schön durch die Filme der Zeit sichtbar.

Nun ist man ja nicht überall gleichermaßen offen, wenn es darum geht, Körperlichkeit und Sexualitäten in Filmen zu thematisieren. Inwiefern konnten Sie solche kulturellen Unterschiede beobachten?

Jeder Kulturkreis hat seine eigenen Zugangsweisen und wir decken mit unserem Sammelband eine sehr breite Produktionsvielfalt ab. Sowohl thematisch als auch in Hinblick auf die Ästhetiken unterscheiden sich Filme, jeweils auch historisch betrachtet.

Wie steht es um den kommerziellen Film der Gegenwart? Wie progressiv ist er?

Es gibt den Versuch, im kommerziellen Film der Gegenwart unterschiedliche Sexualitäten und Genderpolitiken darzustellen. Beispielsweise sehen wir in „Game of Thrones“ durchaus ethnische und sexuelle Vielfalt, oder mit „Brokeback Mountain“ war ein Film sehr erfolgreich, der in einem neuartigen Western-Format Homosexualität thematisiert. Queerness hat es dabei weniger in den filmischen Mainstream geschafft; wenn wir aber an andere Elemente der Popkultur denken, können wir beispielsweise bei Lady Gaga oder Conchita Wurst erkennen, dass Queerness schon einen starken Unterhaltungsfaktor darstellt und visuell präsent ist. Diese Inszenierungen von Queerness bleiben aber eher auf einer exotischen und glamourösen Ebene – die Problematiken und Bipolaritäten, die gesellschaftlich damit einhergehen, finden dahingegen wenig Platz. Die erfolgreiche Serie „Transparent“ stellt dabei eine der wenigen Ausnahmen dar.

Früher gab es Kino, später Fernsehen, nun sind auch noch Streaming-Plattformen hinzugekommen. Was bewirkt das breite Angebot in Hinblick auf Ihre Fragestellungen?

Wir haben heute eine ungemein große Bandbreite an visueller Produktion. Sie eröffnet uns auch die Möglichkeit, das an Filmen zu konsumieren, was unseren thematischen und ästhetischen Bedürfnissen entspricht. Der Kanon ist heute weit weniger überschaubar, was auch solche Befunde wesentlich erschwert. Aus meiner Beobachtung kann ich sagen: Das Serien-Format, das sich heute ja großer Beliebtheit erfreut, beschreitet häufig neue Wege, Frauen als Heldinnen im Zentrum von Geschichten zu thematisieren. Und der Erfolg von Serien wie „Handmaid’s Tale“ oder „The Marvelous Mrs. Maisel“ zeigt, dass, wenn es solche Formate „on demand“ gibt, diese auch angenommen werden.

Zum Buch

Wie inszeniert das Medium Film das Zusammenspiel von Sexualität, Widerstand und Körperpolitiken? Welche Formen von Sexualität und erotischer Sinnlichkeit, die entweder als widerständige Handlungsweisen oder als Teil von politischem Widerstand adressiert werden können, wurden in den vergangenen Jahrzehnten in internationalen Filmkulturen visualisiert und damit hervorgehoben? Kann die Darstellung des sexualisierten Körpers oder sexuellen Akts in bestimmten Kontexten zu einer politischen Waffe werden? Welchen Raum erhalten dabei divergierende sexuelle Orientierungen und Praktiken etwa im Verbund mit homosexuellem Begehren?

Der Sammelband vereint eine Mischung aus interdisziplinären und künstlerischen Zugängen zum Thema Sexualität und Widerstand und spürt seinen (audio-)visuellen Vermittlungen aus lokaler und transnationaler Perspektive nach. Das breite Spektrum an Text­genres reicht von akademischen Reflexionen über Malerei bis hin zu Dichtkunst und Bildcollagen. Fragen der Film-, ­Medien-, Kultur- und Literaturwissenschaft sowie Geschlechterforschung und Zeitgeschichte treffen in diesem Band auf sexualwissenschaftliche und medizinhistorische Ansätze.

Basaran, A., Köhne, J.B., Sabo, K. & Wieder, C. (Hrsg.) (2018). Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen. Wien, Berlin: Mandelbaum Verlag.

Sexualität und Widerstand | Buchcover

Klaudija Sabo | Foto: KK

Zur Person

Klaudija Sabo ist Postdoc-Assistentin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft im Bereich „Visuelle Kultur“. Sie wuchs in Hamburg auf, studierte Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte an der Humboldt Universität zu Berlin. 2008 kam sie an das Institut für Zeitgeschichte an die Universität Wien, wo sie 2016 ihr Doktorat zu „Ikonen der Nationen. Mythische HeldInnen in Kroatien und Serbien nach Tito in visuellen Kulturen“ abschloss. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medientheorien, Intermedialität/Intervisualität, Visuelle Kultur.

Masterstudium Visuelle Kultur

Bilder sind heute mehr denn je Ausdruck und Agenten gesellschaftlicher Transformationen. Das Masterprogramm Visuelle Kultur fokussiert darauf, Wissen und Verständnis in Bezug auf die Wirkmächtigkeit von Bildern bzw. des Visuellen in der heutigen Gesellschaft zu stärken.

Es schafft eine interdisziplinäre Verknüpfung von Zugängen der Kunstgeschichte, der Bildwissenschaften, der Film- und Medienwissenschaften, der philosophischen Bildtheorien und deren Geschichte sowie der Kulturwissenschaften. Dem Programm liegt dementsprechend ein Verständnis von visueller Kultur zugrunde, das sowohl visuelle Populärkultur (Film, Fotografie, Fernsehen, Internet, Computerspiele, Werbung) als auch bildende und darstellende Künste umfasst. Mehr