Das Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung hat mit dem Arbeitsbereich Schulpädagogik und historische Bildungsforschung einen Raum geschaffen, in dem demokratiefördernde, Differenzen und Ungleichheiten berücksichtigende und geschlechterbewusste Qualitätsentwicklung an Schulen in Lehre, Forschung und Fortbildung im Fokus steht. Um einen näheren Einblick zu erhalten, haben wir mit Matthias Huber gesprochen. Der Professor für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung erzählt von der Bedeutung der Emotionen und warum diese Erkenntnis heute so relevant ist.

Können Sie uns etwas Näheres zu Ihrer LV „Boys don’t cry?! – Bildung und Geschlecht aus emotionstheoretischer Perspektive“ erzählen? Worum geht es dabei genau?

Emotionen charakterisieren den Menschen; sie machen ihn zu dem, der er ist und zu dem, der er in Zukunft gerne sein möchte. Emotionen geben unserem Leben Sinn und schaffen Realitätsbewusstsein. Darüber hinaus sind sie aber auch Voraussetzung von Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis, Sprache, Moral, Kreativität, Problemlösekompetenz oder Entscheidungsfähigkeit. Im Seminar „Boys don’t cry“ geht es jetzt speziell um das interdependente Verhältnis von Bildung, Emotion und Geschlecht. Dabei wird zum einen deutlich, dass geschlechtsspezifische Stereotype besonders hinsichtlich des Ausdrucks und der Wahrnehmung von Emotionen im Bildungskontext nach wie vor wirkmächtig sind und in weiterer Folge den Bildungsweg vieler Menschen zentral beeinflussen. Ebenso wird im Seminar aber auch klar herausgearbeitet, dass gerade emotionstheoretische Studien offenlegen, dass es hinsichtlich Bildung, Lernen oder Leistung keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt, sondern, dass diesbezügliche Differenzen in entsprechenden Studien meist auf der fälschlichen Annahme geschlechtsstereotyper Vorstellungen beruhen oder schlichtweg methodologischen Fehlschlüssen geschuldet sind. Somit ermöglicht uns der Blick auf unsere Emotionen den Menschen, unabhängig seines Geschlechts, ganzheitlich zu verstehen.

Was wollen Sie Ihren Studierenden mitgeben?

Im Seminar arbeiten wir mit unterschiedlichen Zugängen. Neben der Reflexion sozialwissenschaftlicher, naturwissenschaftlicher und philosophischer Texte müssen die Studierenden unter anderem auch ein Filmprojekt erstellen, in dem sie sich mit alltäglichen Phänomenen von Gender auseinandersetzen. Ziel all dieser Zugänge ist es, dass die Studierenden über die Auseinandersetzung mit der Emotionsforschung verstehen, dass Menschen unabhängig ihres Geschlechts oder anderer Diversitätsdimensionen gleich sind und, dass viele traditionelle Vorstellungen, zum Beispiel, dass Mädchen schlechter in Mathematik oder Burschen weniger emotional sind, sich nach wie vor so hartnäckig halten, weil wir sie der nächsten Generation so weitergeben. Dies betrifft beispielsweise heteronormative Darstellungen in Schulbüchern, geschlechtsspezifische Spielsachen und vieles mehr.

Warum ist Ihre Lehrveranstaltung gerade heute relevant?

Nicht nur in Kärnten gibt es bezüglich der Akzeptanz von Diversitätsmerkmalen noch viel zu leisten. Unterschiede müssen in unserer Gesellschaft als Ressource verstanden werden, um jemals die Vorstellung einer inklusiven Gemeinschaft realisieren zu können. Dies betrifft nicht nur die Genderproblematik oder die Tatsache, dass sich jeder fünfzehnte Mensch nicht eindeutig dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordnen kann, sondern es betrifft alle Diversitätsdimensionen. So sind 20% der Österreicher*innen über 65 Jahre alt, 18% der Österreicher*innen leben mit einer Behinderung und 10% der Österreicher*innen sind nicht heterosexuell, sondern eben schwul, lesbisch, bi-, inter-, trans-, pan-, asexuell etc. Überdies gibt es in Österreich offiziell sechs unterschiedliche Geschlechter, neun ethnische Minderheiten, 44 unterschiedliche Staatsgruppen und neun anerkannte Religionen. Die Lehrveranstaltung soll hierzu einen Beitrag leisten und Bewusstsein dafür schaffen, dass all diese Unterscheide zwar existent sind, aber die Menschen in ihrem Wesen dennoch gleich. Und Emotionen verdeutlichen dies auf außergewöhnliche Weise.

Zur Person

Matthias Huber ist als externer Lehrender an der Universität Klagenfurt tätig. Er forscht und lehrt zu den Themen Schule, Bildung und Emotion.

Matthias Huber