„Alle Dinge sind Medien, aber nicht alle Medien sind Dinge.“

Wenn Migrant:innen sich aufmachen, um in einem anderen Land zu leben, sind es oft nur wenige Dinge, die sie dorthin begleiten. Christina Schachtner hat mit vielen von ihnen gesprochen: darüber, welche Bedeutung die Dinge für sie haben, wie sie sich in die Ding-Welten in ihren Migrationsländern einfügen und wie der Bezug zu den Dingen auch kulturell geprägt ist. Ihre Ergebnisse stellt sie in ihrem im Juli 2025 erschienenen Buch „Dinge als Medien. Soziomediale Verstrickungen im Migrationsalltag“ vor.

Wie passen Medien und Dinge denn zusammen?

Es gibt eine Gemeinsamkeit, die auch meine Definition von Medien widerspiegelt: Dinge und Medien sind Bedeutungsträger. Sie verkörpern und vermitteln Sinn. Das liegt oft nicht unmittelbar auf der Hand, sondern erschließt sich in der Interaktion. Dadurch können sich Bedeutungen verändern.

Können Sie Beispiele dafür nennen?

Wenn Kinder spielen, konstruieren sie aus Dingen häufig etwas ganz anderes; aus Stühlen werden beispielsweise Häuser gebaut. Alfred Lorenzer spricht hier von Interaktionsspielen. Aber auch Künstler:innen stellen Dinge häufig auf neue Weise zusammen. Es entstehen neue Dingfigurationen.

Sind Dinge eigenständig?

Dazu herrscht in der Ding-Forschung Uneinigkeit. Manche Autor:innen schreiben den Dingen eine relativ hohe Eigenständigkeit zu. Kurt Lewin spricht davon, dass die Dinge einen Aufforderungscharakter haben: Sie locken, sie schmeicheln, sie evozieren ein Lächeln. Das erfahren schon kleine Babys, die in ihren Kinderwagen mit ihren Rasseln spielen. Andere wiederum sagen, dass sich die Bedeutung der Dinge sehr stark verändern lässt. Das spielt beispielsweise in der Migration eine Rolle, wenn Menschen Dinge aus anderen Ländern mitbringen und sie neben Dinge aus dem Migrationsland stellen. Es bilden sich neue Ding-Landschaften.

Haben Sie auch dafür ein Beispiel aus Ihrer Forschung?

Die Dinge interagieren miteinander und gewinnen eine neue Bedeutung. Mir fällt dazu ein polnischer Migrant ein, der von einer Krakauer Krippe aus Silberpapier erzählte. Er sagte, diese Krippe sei für ihn zum Lebensbegleiter geworden. Wenn er nach Hause kommt, dann würde ihn diese Krippe begrüßen. „Sie lebt mit mir“, sagte er wörtlich. Die Krippe im Eingangsbereich einer Wohnung neben anderen Alltagsgegenständen hat eine andere Bedeutung als die Krippe unterm Weihnachtsbaum.

Im Fokus Ihrer Forschung steht schon seit längerer Zeit die Migration. Inwiefern ist dies in Hinblick auf Dinge als Medien interessant? Was bewirkt die durch die Migration erforderliche Reduktion von Dingen?

Migration spielt sich zwischen Diskontinuität und Kontinuität ab. Migration bedeutet häufig eine Brucherfahrung mit dem eigenen Selbstentwurf. Den Migrant:innen geht es durch das Mitnehmen von Dingen darum, Kontinuität zu bewahren, zumindest teilweise. Das sind in der Regel ausgewählte Dinge: der rote Teppich, den die Mutter gewebt hat oder der Ring, den die Oma getragen hat. Viele dieser Dinge werden so in der Wohnung platziert, dass der Blick immer wieder darauf hinfallen kann, oder der Ring wird – so erzählte mir eine Migrantin – getragen, wenn es ihr nicht gut geht und sie sich durch den Ring Stärke und Kraft erwartet. Es sind unterschiedliche Bedeutungen, die sich durch die Dinge vermitteln. Häufig stehen die Dinge für Verbundenheit mit der zurückgelassenen Familie oder für die Zugehörigkeit zu einer Kultur.

Sind Sie in Ihren Gesprächen auch auf Dinge gestoßen, die nicht mehr da sind?

Ja, nach denen wird dann gesucht. Mir fällt ein Migrant aus Syrien ein, der in Klagenfurt lebt. Für ihn war eine bestimmte Grünpflanze sehr wichtig, die Melochia, die seine Mutter verkocht hat. Seine Mutter ist bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Vor diesem Hintergrund gewinnt diese Pflanze für ihn eine besondere Bedeutung. Er hat sie schließlich in einem internationalen Laden in Klagenfurt gefunden. Er schildert seine Empfindungen, wenn er die Pflanze verkocht: „Ich bin hier, aber meine Gedanken, meine Gefühle, meine Gerüche, das, was ich bin, ist in Syrien.“ Ich habe die Suche nach der Pflanze so interpretiert, dass der Geruch und der Geschmack der Grünpflanze ihm dabei geholfen haben, den Verlust der Mutter zu bearbeiten.

Gegenwärtig gibt es einen starken Trend zur Reduktion von Dingen à la: Ich bin mir selbst genug. Viele junge Menschen möchten mit möglichst wenigen Dingen durchs Leben gehen. Wie sehen Sie diesen Zugang zu Dingen im Zusammenhang mit Ihrer Studie?

Mir fehlen dazu wissenschaftliche Daten, aber ich habe die Hypothese, dass dieses Prinzip der Selbstgenügsamkeit eine Illusion ist. Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass sich derzeit gerade junge Menschen häufig sehr einsam fühlen. Viele erleben einen Mangel dadurch, dass sie zu wenig in Verbindung sind – zunächst einmal mit anderen Menschen. Daher rührt meines Erachtens auch die Attraktivität von ChatGPT, das scheinbar soziale Beziehungen vermittelt. Materielle Dinge stellen Verbindungen zu real existierenden Menschen her; das macht sie wertvoll. In meinen Lehrveranstaltungen in Klagenfurt und Warschau habe ich Studierende darum gebeten, Dinge mitzubringen, die ihnen wichtig sind. Sie alle hatten solche Dinge und konnten ihre Geschichten dazu erzählen.

Ist der Zugang zu Dingen auch von unserer kulturellen Sozialisation geprägt?

Ja, ich glaube, unsere kulturelle Prägung hat einen Einfluss auf die Wahl der Dinge, die uns wichtig sind, und auf unsere Praktiken im Umgang mit Dingen. Ein Migrant aus Indien erzählte mir beispielsweise davon, wie er durch das Teilen und Verteilen von Dingen Irritation in Deutschland auslöste. Er hat seinen – in Indien gelernten – Umgang mit Dingen nach Deutschland transferiert und beispielsweise in seinem Wohnhaus zur Weihnachtszeit selbst hergestellte Dinge verteilt. Die Irritation wurde erst geringer, als mehr Migrant:innen in das Wohnhaus gezogen sind. Die Praktiken des Schenkens haben für den Migranten aus Indien ursprünglich eine andere kulturelle Bedeutung als das Schenken hierzulande. Geschenke sind jedenfalls in Indien oft eine Opfergabe an die Götter, wenn z.B. Speisen vor den Tempeln an bedürftige Menschen verteilt werden.

Können wir auch zu digitalen Medien Beziehungen haben, wie wir sie von materiellen Dingen kennen? Nehmen wir das Beispiel Musik: Kann ich den zur Musikdatei auf Spotify einen ähnlichen Bezug entwickeln wie zur Schallplatte im Regal?

Alle Dinge sind Medien, aber nicht alle Medien sind Dinge. Das sehen wir zum Beispiel bei der Musik. Ich bin mir nicht sicher, ob digitale Musik völlig von der Dinglichkeit losgelöst ist, weil man den Klängen ja auch eine physikalische Qualität zuschreiben kann. Nochmals komplexer wird die Betrachtung, wenn die Musik KI-gestützt erzeugt wird. Diese Musik wird perfekt sein. Was aber fehlt, ist die Persönlichkeit, die der/die Musiker:in in seine Komposition oder sein Musikspiel hineinlegt. Ein Saxophonist hat in meiner Studie gesagt: „Jeder Ton, den ich spiele, ist eine Grundessenz meines Lebens.“ Diese fehlt, wenn Algorithmen komponieren.

Die Künstliche Intelligenz durchdringt mittlerweile viele Lebensbereiche. Wie sehen Sie die Bedeutung der Dinge vor diesem Hintergrund in zukünftigen Gesellschaften. Geht die Bedeutung der Dinge verloren oder ist sie etwas historisch Konstantes?

Die Verbindung von Dingen und digitalen Medien wird noch enger werden. Das Mediale in Gestalt von Künstlicher Intelligenz wandert in die Dinge, beispielsweise in den Smart Ring oder die Smart Watch. Die Konsequenz sehe ich problematisch: Die KI-Modelle bringen uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Die KI wird trainiert an menschlichem Handeln und unseren Praktiken. Am Ende werden wir gleichgeschaltet und haben viel weniger Freiraum in unseren dingbezogenen Praktiken.

Wo wird das sichtbar?

Ich bemerke das Verschwinden der Persönlichkeit schon heute, wenn ich KI-gestützte Texte von Studierenden bekomme, die sie als Seminararbeiten abgeben. Das sind Texte, die formal und inhaltlich perfekt sind, aber ich bekomme kein Gefühl für den Autor oder die Autorin. Vielleicht werden wir uns in der Zukunft von dem mehr angesprochen fühlen, das nicht so perfekt, das brüchig, das disharmonisch, das fehlerhaft ist.

Welche Vorteile hat das Materielle gegenüber dem Immateriellen?

Die materiellen Dinge sprechen all unsere Sinne an: Wir riechen sie, wir können um sie herumgehen, wir fühlen sie, wir können sie aus Wut in die Ecke werfen oder sie aus Freude streicheln. Ich glaube, dass  Dinge im traditionellen Sinn eine wichtige Rolle behalten werden oder vielleicht noch wichtiger werden, je mehr wir gezwungen sind, uns in einer immateriellen Welt zu bewegen. Mit meinem Smart Ring oder meiner Smart Watch werde ich Teil der digital kontrollierten Welt.  Alle meine Bewegungen und Gedanken können aufgezeichnet werden; das birgt das Risiko der Vermessung des Menschlichen. Es reduzieren sich die Freiräume, mit den Dingen spielerisch umzugehen.

 

Zum Buch



Welche Bedeutung haben Medien und Dinge im Migrationsalltag? Christina Schachtner richtet den Fokus auf Medien und Dinge, die für Migrant:innen im Herkunftsland eine wichtige Rolle gespielt haben – die zurückgelassen, erinnert oder mitgenommen, gefunden, entdeckt oder selbst hergestellt, als Geschenk erhalten oder im Migrationsland erworben wurden. Damit eröffnet sie ein wissenschaftlich fundiertes Panorama der medial-dinglichen Verflechtungen von Menschen, die sich zwischen verschiedenen soziokulturellen Räumen bewegen und sich in der Interaktion mit Dingen und Medien ihrer Vergangenheit vergewissern, aber auch ihre Gegenwart konstruieren und ihre Zukunft entwerfen.

Schachtner, Christina (2025). Dinge als Medien. Soziomediale Verstrickungen im Migrationsalltag. Bielefeld: transcript.



Dinge als Medien Buchcover

Zur Person



Christina Schachtner ist emeritierte Professorin für Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Digitale Medien an der Universität Klagenfurt. Sie studierte an der LMU München und war dort unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Ihre erste Professur trat sie an der Universität Marburg an. Im Jahre 2003/04 folgte sie einem Ruf an das Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Klagenfurt. Christina Schachtner war vielfach international tätig, unter anderem als Gastprofessorin oder -forscherin an der University of California in Berkeley und San Francisco/USA, an der University of Western Sydney/Australien, an der Universidade do Vale do Rio dos Sinos in São Leopoldo/Brasilien, am Massachusetts Institute of Technology/USA, am Goldsmiths, University of London/Großbritannien, an der Shanghai International Studies University/China, an der University of Jyväskyla/Finnland, an der University of Halmstad/Schweden und an der Universität Warschau/Polen.