„Städte ohne Grenzen“: Antonio Cerquitelli forscht zu urbanen Transformationen

„Die Stadt ist heute kein begrenzter Raum mehr und keine stabile, festgelegte Form. Vielmehr haben wir zunehmend mit globalisierten Städten zu tun, die durch materielle wie auch digitale Infrastrukturen miteinander verbunden sind.“ Der Philosoph Antonio Cerquitelli untersucht an der Universität Klagenfurt, wie sich die Idee der Stadt im Zeitalter globaler Vernetzung grundlegend wandelt und welche Folgen das für Gesellschaft, Arbeit und Demokratie hat.

Städte haben sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert. Der Philosoph Antonio Cerquitelli, der aktuell als Postdoktorand mit einem Ernst-Mach-Stipendium des OeAD sowie als Gastprofessor am Institut für Philosophie der Universität Klagenfurt tätig ist, weiß zahlreiche Beispiele zu nennen: „Die historischen Stadtzentren sind zunehmend auf den Konsum durch Tourist:innen ausgerichtet. Die Kurzzeitvermietung von Wohnungen an Tourist:innen hat einen maßgeblichen Anteil daran, dass die Mieten oft in horrende Höhen gestiegen sind – und damit zunehmend unleistbar für Studierende oder junge Familien werden.“ Er hat sich in Berlin konkret mit diesen Problemen auseinandergesetzt: mit den hohen Mieten, der geringen Verfügbarkeit von Wohnungen aufgrund der touristischen Kurzzeitvermietungen und der Tatsache, dass sich viele die Miete einer Wohnung nicht mehr leisten können. „Die ‚Stadt als Ware‘ ist inzwischen ein globales Problem“, so Antonio Cerquitelli.

In seinem aktuellen Forschungsprojekt steht das „Ende der Idee der Stadt, wie wir sie ursprünglich verstanden haben“, im Zentrum. Antonio Cerquitelli nimmt dabei Bezug auf die traditionelle Vorstellung von Stadt auch in Abgrenzung zum Land: „Dieser Unterschied existiert in dieser Form nicht mehr. Die Stadt ist heute kein begrenzter Raum mehr und keine stabile, festgelegte Form. Vielmehr haben wir zunehmend mit globalisierten Städten zu tun, die durch materielle wie auch digitale Infrastrukturen miteinander verbunden sind.“ Zu verstehen, was der urbane Raum heute geworden ist, bedeutet, sich mit dem Aufkommen der Logistik auseinanderzusetzen, die die „materielle“ Grundlage der Globalisierungsprozesse bildet: „Früher war die Produktion territorial klar definiert, an einem bestimmten Ort: der Fabrik. Heute sind viele Unternehmen zugleich mit einem Produkt befasst – und das weltweit verstreut: die sogenannten ‚globalen Wertschöpfungsketten‘. Das ist die logistische Revolution.“

Diese „Fabriken ohne Mauern“ haben enorme politische Auswirkungen auf die „Städte ohne Grenzen“, wie Antonio Cerquitelli erklärt. Denn es würden sich – abseits des Staates – zunehmend Parallelstrukturen entwickeln: „Unternehmen kooperieren und es bilden sich neue juristische und ökonomische Konstrukte, die über Staatsgrenzen hinweg reichen. Es ergeben sich also neue Grenzen, die nicht mehr der territorialen Logik der Staaten entsprechen. Die Logistik spielt eine entscheidende Rolle bei der Produktion und Neudefinition von Räumen und Grenzen; wie von vielen Logistikforschenden betont wird, ist die logistische Neudefinition von Räumen auch ein zentrales Element, um die Form der gegenwärtigen Kriege zu verstehen, jenseits der Geopolitik, die versucht, Kriege ausgehend von der Logik der Staaten zu erklären. Doch die Geopolitik, der Logik der Staaten folgend, ist nicht in der Lage, die Veränderungen in der materiellen Struktur der heutigen Gesellschaft zu erfassen.“

Entlang der Wertschöpfungskette oder „Infrastrukturkorridore“ entstehen spezielle administrative Zonen, die mit der Rechtsordnung der Staaten in Konkurrenz treten. Welches Arbeitsrecht gilt? Welches Steuerrecht gilt? Globale Unternehmensverbünde erzeugen spezifische Governance-Mechanismen. Auf diese Weise ist der Staat nicht mehr der einzige politische Akteur, in einem offenen Bruch mit dem Paradigma der modernen politischen Philosophie, das auf Thomas Hobbes zurückgeht.

Besonders im Arbeitsrecht werden die Effekte für das Individuum offensichtlich, so Antonio Cerquitelli: „In diesen Governance-Formen beobachten wir häufig das Ende der Kollektivverträge und eine eklatante Ausbreitung prekärer Arbeitsverhältnisse.“

Die Transformation der vergangenen Jahre spiegelt sich auch in Antonio Cerquitellis Lebenslauf wider. Geboren im 10.000-Einwohner-Dorf Atri in den Abruzzen, ging er nach dem Schulabschluss für das Philosophie-Studium an die Universität Roma Tre in die große Metropole. Sein Doktoratsstudium absolvierte er später an der Universität Padua. Für einen längeren Forschungsaufenthalt wechselte er an die Humboldt-Universität zu Berlin. 2024 promovierte er in Politischer Philosophie mit einer Doktorarbeit über die Begriffe des Individuums und der Kontingenz in der Philosophie von Karl Marx. „Meine Generation steht vor vielen Problemen: Viele von uns können keine Wohnung oder kein Haus kaufen, entweder, weil Immobilien zu teuer sind, oder, weil unsere Jobs prekär sind. Vor dem Hintergrund der Unsicherheit wird es schwieriger, etwas Stabiles aufzubauen.“ Die Transformation der Arbeitswelt, die zunehmend von Prekarisierung und Flexibilisierung geprägt ist, hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Forschungsarbeit: „Die aktuellen europäischen Aufrüstungspolitiken haben erhebliche Auswirkungen auf die Universitäten und die Beschäftigten in der Forschung. In Italien hat die Forschung kürzlich erhebliche Kürzungen erlitten. In Österreich ist dies derzeit ein aktuelles Thema. Die Frage, die wir uns alle stellen sollten, lautet: Welche Rolle der Forschung in Europa zugeschrieben wird und ob sie tatsächlich frei sein wird, sich autonom zu äußern, oder ob sie künftig dazu bestimmt ist, sich der Logik des sogenannten ‚Dual Use‘ anzupassen.“

Sein Forschungsaufenthalt am Institut für Philosophie der Universität Klagenfurt in der Gruppe von Alice Pechriggl wird aktuell über ein Ernst-Mach-Stipendium des OeAD finanziert. Sein Projekt steht unter dem Titel „The body and the city“.

Die theoretische Arbeit der Philosophie, die von einer bedeutenden Tradition vor allem als „Kritik“ verstanden wurde, besteht darin, neue „Möglichkeiten“ und „Spielräume“ gegenüber einer bestehenden Realität zu eröffnen, die hingegen neue Möglichkeiten oder bessere Zukunftshorizonte zu negieren scheint. Wie Antonio Cerquitelli betont: „Die Theorie ist leer ohne Praxis, und die Praxis ohne Theorie läuft Gefahr, wirkungslos zu sein.“

In der Zuwendung zur Vergangenheit, in der oft durch die nostalgische Brille alles besser gewesen sei, sieht Cerquitelli allerdings keine Lösung: „Der Lauf der Geschichte kreiert Transformationen, die sowohl positive als auch negative Aspekte mit sich bringen und überall sichtbar werden – in meinem Heimatdorf Atri und in Rom, Berlin oder Klagenfurt. Es ist zudem wichtig, die historischen Tendenzen, die unsere Gesellschaft prägen, auf theoretischer Ebene zu verstehen. Das bedeutet zugleich, sowohl auf theoretischer als auch auf politischer Ebene Gegentendenzen zu entwickeln, die die Welt zumindest zu einem lebenswerten Ort machen, insbesondere wenn diese historischen Tendenzen die Welt in Richtung einer Katastrophe führen.“

Antonio Cerquitellis Vertrag als Gastprofessor in Klagenfurt endet im August 2026. Seine nächste Station ist die Universität Basel in der Schweiz, wo er im Rahmen eines Forschungsprojekts erneut als Postdoktorand tätig sein wird: „Der Aufbau von Kooperationsnetzwerken zwischen Forschenden auf internationaler Ebene ist von grundlegender Bedeutung. Die eigene Forschung mit anderen zu teilen, trägt nicht nur dazu bei, die Isolation zu überwinden, sondern ist auch eine Voraussetzung für die Weiterentwicklung der individuellen Forschung, die sich nur aus der kollektiven und transnationalen Intelligenz heraus verfeinern kann“.

Vortrag



„Karl Marx und die Kritik des Gesellschaftsvertrags“
Antonio Cerquitelli
Mittwoch, 3. Juni 2026, um 17 Uhr im N.1.42

Der Vortrag setzt sich mit der Kritik von Karl Marx an der Tradition des Gesellschaftsvertrags auseinander. Diese Tradition begründete die moderne politische Philosophie und wurde von Thomas Hobbes eingeleitet. Noch heute denken wir Politik anhand von Konzepten, die typisch für die Theorie des Gesellschaftsvertrags sind: Individuum, Volk, Freiheit, Gleichheit, politische Repräsentation, menschliche Natur, Souveränität. In seinen frühen Schriften hat Marx diese Konzepte kritisiert. Durch eine intensive Auseinandersetzung mit der modernen politischen Philosophie entwickelte Marx andere Begriffe, anhand derer Politik gedacht werden kann. Dabei ging es nicht nur um neue Konzepte, sondern auch um eine transformative politische Praxis, die eine vollständige Entfaltung der Individuen ermöglichen sollte.