Mit schönen Algorithmen Videos smarter übertragen

Emanuele Artioli möchte Videostreaming besser machen – mit höherer Qualität, stärkerer Personalisierung und stabilerem Streaming auch unter schlechten Bedingungen, etwa während einer Zugfahrt oder an entlegenen Orten. Einer seiner Schwerpunkte dabei: Er versucht mit Hilfe von KI herauszufiltern, welche Teile eines Videos für die Betrachter:innen tatsächlich wichtig sind – und daher auch in höherer Qualität ausgespielt werden sollen. Im Herbst 2026 will er sein Doktoratsstudium an der Universität Klagenfurt abschließen.

Forscher:innen an der Universität Klagenfurt – allen voran Christian Timmerer, der die Arbeitsgruppe am Institut für Informationstechnologie der Universität Klagenfurt leitet – verfügen über mittlerweile jahrzehntelange Erfahrung in der Weiterentwicklung von Videostreamingtechnologien. „Aber es bleibt noch immer viel zu tun“, betont Emanuele Artioli, der in den vergangenen Jahren am CD-Labor ATHENA geforscht hat und nun vor dem Abschluss seines Doktoratsstudiums steht. Entwicklungspotenzial gebe es bei der Übertragung von klassischen 2D-Videos, aber insbesondere auch bei der Darstellung dreidimensionaler Bilder, beispielsweise mit neuen Anwendungen wie dem 3D Gaussian Splatting, das hochauflösende, immersive 3D-Videoübertragung möglich machen soll.

Emanuele Artioli hat sich in seiner Arbeit unter anderem auf die Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und klassischen, regelbasierten Kompressionsalgorithmen spezialisiert. Er erklärt die Technologie so: „Nehmen wir als Beispiel die Übertragung eines Tennismatchs: Für denjenigen, der das Match streamt, ist es wichtig, die Spielenden und den Ball genau zu sehen. Hingegen ist es nicht so wichtig, den Hintergrund in der gleich hohen Bildqualität ausgespielt zu bekommen. Während herkömmliche Codecs nun jedes Pixel gleich behandeln, versuchen wir, mithilfe von KI die tatsächlich wichtigen Bereiche des Bildes zu identifizieren und sie dann gezielt in höherer Qualität zu codieren, während wir beim restlichen Bild mit deutlich weniger Datenübertragung auskommen.“

Benötigt wird also eine Künstliche Intelligenz, die „nicht nur Pixel sieht“, sondern beispielsweise erkennt, dass sich hier ein Mensch bewegt und für das Video dementsprechend wichtig ist. In Summe sollen die neuen Algorithmen dazu beitragen, Videos schneller und stabiler zu übertragen. Die Erlebnisqualität der Nutzer:innen soll so positiv wie möglich sein, und gleichzeitig sollen so wenige Daten wie möglich übertragen werden müssen, auch, um den Energieaufwand in Grenzen zu halten.

Danach gefragt, ob es in allen Kontexten gut sei, wenn eine KI darüber entscheide, welche Bildbestandteile besonders wichtig seien, führt Emanuele Artioli aus: „Diese Debatte hätte man schon vor Jahrzehnten führen müssen, als die Streamingdienste aufkamen und damit begannen, Qualität zu komprimieren und zu reduzieren. Die meisten von uns haben sich schon längst damit arrangiert, auch Kunst in etwas geringerer Qualität zu konsumieren, im Austausch für die Bequemlichkeit, sie überall verfügbar zu haben.“

Die Arbeiten an seiner Dissertation hat Emanuele Artioli mittlerweile fast abgeschlossen. Im Herbst folgt das Rigorosum. Im November 2026 wird Emanuele Artioli Teile seiner Forschungsarbeiten zur 3D-Videoübertragung im Rahmen der ACM International Conference on Multimedia in Rio de Janeiro präsentieren. Dass Emanuele Artioli einmal in diesem Forschungsfeld landen wird, hätte er selbst auch nicht erwartet. „Das Thema hat mich gefunden, nicht ich das Thema“, sagt er rückblickend. Nach seinem Schulabschluss in Finale Emilia in der Emilia Romagna studierte er im Bachelor Engineering/Industrial Management an der Università di Bologna und später im Master Data Science an der Università degli Studi di Milano-Bicocca. Ein Erasmus-Semester führte ihn an die Universität Klagenfurt. Die Region – mit der Nähe zu Seen und Bergen – begeisterte ihn schon damals. Die Masterarbeit erarbeite er dann in schon in Kooperation mit Bitmovin, nach dem Studienabschluss kam er dann zurück nach Klagenfurt, um bei Bitmovin, einem Spin-Off der Universität Klagenfurt, zu arbeiten. Seit 2022 ist er nun als Prä-Doc-Forscher im Christian-Doppler-Labor ATHENA tätig.

Für jemanden, der heute mit strahlenden Augen von der „Eleganz von schönen Algorithmen“ schwärmen kann, auch „wenn das ein bisschen nerdig klingt“, war der Weg in die Informatik nicht immer geebnet. „Als Kind war ich ein begabter Schüler, besonders in den Naturwissenschaften, aber in den letzten Jahren der Oberstufe fing ich an, in Mathematik Probleme zu bekommen. Als ich bei meiner Abschlussprüfung schlechte Ergebnisse erzielte, beschloss ich, mir davon nicht meine Zukunft bestimmen zu lassen, und schrieb mich für ein Ingenieurstudium ein.“ Mit viel Ehrgeiz erschloss er sich die mathematischen Grundlagen, die er heute für seine Arbeit braucht – und wird wohl auch zukünftig davon profitieren.

 

Auf ein paar Worte mit … Emanuele Artioli



Wann haben Sie zuletzt mit jemandem außerhalb der Wissenschaft über Ihre Forschung gesprochen?

Ich kann den genauen Zeitpunkt nicht festmachen, wahrscheinlich vor ein paar Wochen, aber ich weiß genau, mit wem: mit meiner Mama. Sie hat zwar nie studiert, besitzt aber einen ausgesprochen neugierigen Geist. Deshalb macht es immer Spaß, Ideen mit ihr auszutauschen. Außerdem ist sie von Natur aus sehr gesprächig. Wenn ich nicht jedes erdenkliche Gesprächsthema ausschöpfen würde, wären unsere Telefonate wohl eher Monologe.

Was machen Sie im Büro morgens als Erstes?

Ich stelle mein Ragù oder Pesto in den Kühlschrank. Wenig überraschend nehmen wir Italiener unsere Pasta ziemlich ernst. Deshalb bereite ich meine Saucen selbst zu. Zum Glück verfügt das ATHENA-Labor über eine voll ausgestattete Küche, in der ich mir mein Mittagessen kochen kann.

Wer ist für Sie die größte Wissenschaftler:in der Geschichte und warum?

In dieser Frage vertraue ich Neil deGrasse Tyson. Er ist überzeugt, dass die Antwort Sir Isaac Newton lautet. Ich kann mir ein Leben vor der Entdeckung der Schwerkraft durch Newton kaum vorstellen.

Was bringt Sie in Rage?

Ich würde von mir sagen, dass ich ein eher gelassener Mensch bin – so schnell bringt mich nichts aus der Ruhe. Allerdings neige ich dazu, Autoritäten zu hinterfragen. In der Forschung sehe ich das eher als Stärke, auch wenn es mir im Laufe der Zeit schon den einen oder anderen Kopfschmerz bereitet hat.

Und was beruhigt Sie?

Eine Umarmung. Musik. Zeit. Am Ende des Tages sind wir alle gleich.

Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an Ihre Arbeit zu denken?

Eigentlich nicht nötig – ich liebe meine Arbeit. Natürlich ist es wichtig, die Rechnungen bezahlen zu können. Aber selbst wenn Geld keine Rolle spielen würde, würde ich weiterhin Wissenschaft betreiben. Und dazu gehört übrigens auch eine ganze Menge Reisen rund um die Welt – sozusagen ein Rundum-sorglos-Paket.

Wovor fürchten Sie sich?

Ich schätze mich unglaublich glücklich – vor allem wegen der Menschen, die mich lieben. Solange ich sie an meiner Seite habe, gibt es eigentlich nichts, wovor ich Angst haben müsste.

Worauf freuen Sie sich?

Mit dem Ende meiner Promotion beginnt ein neues Kapitel. Sehr wahrscheinlich werde ich Klagenfurt verlassen und irgendwo anders ein neues Leben beginnen. Wer weiß, wo. Das ist gleichermaßen beängstigend wie aufregend.

Technik studieren an der Universität Klagenfurt