„Literatur gibt dem Unsagbaren einen Platz“
Was geschieht, wenn Erzählen zur Heimsuchung wird? Jutta Fortin zeigt, wie sich das Verdrängte in Rhythmus, Syntax und Bild einschreibt und im literarischen Text fortwirkt. Im Interview spricht die Literaturwissenschaftlerin Jutta Fortin, die am Institut für Romanistik forscht und lehrt, über das nur indirekt Dargestellte in Geschichten und literarischen Texten. 2025 erschien dazu ihr 650 Seiten umfassendes Buch Heimsuchungen. Phantomatische Schreibweisen von Verlust und Erinnerung.
Frau Fortin, in Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit Verlust, Erinnerung und dem, was in literarischen Texten oft nur indirekt sichtbar wird. Was interessiert Sie daran?
Mich interessiert vor allem, wie Erfahrungen, die sich einer unmittelbaren Darstellung entziehen, dennoch in literarischen Texten wirksam werden. Ich spreche dabei von einer „phantomatischen“ Präsenz: Etwas kehrt wieder und wird spürbar, ohne ausdrücklich benannt oder zum eigentlichen Thema gemacht zu werden. Dabei kann es um private Verluste gehen, etwa um den Verlust von Familienangehörigen, einer geliebten Person, einer Beziehung oder der Heimat. Zugleich interessieren mich kollektive Verlusterfahrungen, insbesondere die Nachwirkungen der Shoah. Solche häufig traumatischen Erfahrungen erscheinen in der Literatur oft nicht als offen formuliertes Thema und auch nicht als einfache Allegorie. Sie schreiben sich vielmehr in Bilder, intertextuelle Anspielungen, wiederkehrende Motive sowie in Rhythmus, Syntax und Erzählform ein. Gerade im Blick auf ein Gesamtwerk wird sichtbar, wie diese Spuren zirkulieren, sich verschieben und immer wieder neu lesbar werden.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Konzept der „toten Mutter“. Was ist damit gemeint?
Der Begriff geht auf den Psychoanalytiker André Green zurück, der das Konzept der „toten Mutter“ in den 1980er-Jahren entwickelt hat. Gemeint ist nicht eine tatsächlich verstorbene Mutter, sondern eine Mutterfigur, die innerlich abwesend und emotional nicht mehr erreichbar ist, etwa aufgrund einer Depression oder eines schweren Verlustes, über den sie nicht sprechen kann. Für das Kind bedeutet das, dass es sich nicht mehr gesehen, gespiegelt oder gehalten fühlt. Es erlebt also einen Verlust, der nicht unbedingt äußerlich sichtbar ist, aber psychisch tief wirkt.
Mich interessiert, wie solche Erfahrungen in literarischen Texten Gestalt annehmen. Methodisch verbinde ich Greens Konzept der „toten Mutter“ mit einem phantomatischen Lektüremodell und frage, wie sich psychische Verlusterfahrungen in Figuren, Bildern, Motiven und Erzählformen niederschlagen. Besonders spannend ist für mich, wie Literatur solche Erfahrungen nachträglich, fragmentarisch und oft nur schrittweise sichtbar macht. Anders als im realen Leben kann in einem Text nichts einfach unausgesprochen bleiben, ohne dennoch eine Form zu bekommen. Literatur muss und kann Bilder, Motive und Erzählweisen finden, um auch das nur indirekt Sagbare wahrnehmbar zu machen.
Welche Rolle spielen dabei Märchen und andere bekannte Erzählungen?
Eine sehr große. Besonders wichtig sind für mich Märchen und Mythen, vor allem Hans Christian Andersens philosophisches Märchen Die Schneekönigin, das bei mehreren Autor:innen der Gegenwart als diskreter Intertext eine zentrale Rolle spielt. Aber auch Peter Pan oder Alice im Wunderland sind wichtige Bezugstexte. In der Schneekönigin begegnen uns unterschiedliche Mutterfiguren, Wärme und Kälte, Bewegung und Erstarrung. Viele Motive, die auch für den Komplex der „toten Mutter“ relevant sind, finden sich dort wieder. Solche Texte wirken wie kulturelle Bezugspunkte, vielleicht sogar wie kollektive Übergangsobjekte. Sie tauchen in Romanen, Filmen oder anderen Kunstformen immer wieder auf. Wenn Leser:innen diese Geschichten erkennen, entsteht ein Echo-Effekt: Selbst wenn etwas nicht ausdrücklich benannt wird, wird es durch die Erinnerung an andere Texte vorstellbar.
Die Bedeutung von Märchen liegt außerdem in der besonderen Erzählsituation, die der Roman aufruft. Viele Menschen verbinden Märchen mit dem Vorlesen, mit Nähe, Stimme und Geborgenheit. Walter Benjamin hat das Erzählen als eine besondere Form der Weitergabe von Erfahrung beschrieben. Geschichten wirken also nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch die Art, wie sie erzählt, gehört und erinnert werden.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Intertextualität und Intermedialität. Was fasziniert Sie daran?
Mich fasziniert, wie Literatur mit anderen literarischen Texten und Medien in Dialog tritt. Das können Märchen, Mythen und Lieder sein, aber auch Fotografien, Filme, Installationen oder bildende Kunst. Besonders die Fotografie spielt in vielen zeitgenössischen Romanen eine wichtige Rolle. Fotografien erscheinen dabei oft nicht nur als Bilder in praesentia oder in absentia, sondern auch als Metaphern – etwa, wenn etwas „entwickelt“ wird, langsam sichtbar wird oder latent bleibt. Solche Bildwelten eröffnen neue Möglichkeiten, über Erinnerung, Verlust und Identität zu erzählen. Außerdem arbeiten viele Autor:innen selbst medienübergreifend: Sie kooperieren mit Fotograf:innen, der Oper oder anderen Kunstformen. Diese Intermedialität findet also nicht nur im Werk, sondern oft auch im künstlerischen Leben statt.
Kann Literatur helfen, Worte für das Unsagbare zu finden?
Das ist für mich eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben von Literatur. Literatur findet Worte für Erfahrungen, für die viele Menschen zunächst keine Sprache haben. Wenn wir solche Texte lesen, können wir plötzlich etwas benennen, das wir vorher vielleicht nur gefühlt haben. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass dadurch alles „gelöst“ ist. Eine Verlusterfahrung verschwindet nicht, nur weil sie ausgesprochen wird. Sie kehrt oft wieder, verändert ihre Form und bleibt manchmal unruhig präsent. Literatur kann ihr aber einen Platz geben, einen Ort, an dem Erinnerung, Schmerz und Ambivalenz bestehen dürfen, ohne vollständig aufgelöst werden zu müssen.
Gibt es neben diesen schweren Themen auch Raum für positive, hoffnungsvolle Erzählungen?
Natürlich. Es gibt auch „euphorische“ Texte. Märchen sind dafür ein gutes Beispiel in meinem Textkorpus, weil sie per definitionem versöhnlich enden und über Generationen weitergegeben werden. Ähnliches gilt für Klassiker der Literatur, die ebenfalls als gemeinsame kulturelle Bezugspunkte wirken und in späteren Texten Erinnerungen, Bilder und Gefühle wachrufen können.
Im Roman zeigt sich eine vergleichbare Euphorie aber auch auf der Ebene der literarischen Form. Die Schönheit der Sprache, ihre Bildlichkeit und Musikalität, ihr Rhythmus und ihre Erzählkunst entfalten eine eigene Faszination. Gerade dadurch entsteht eine interessante Spannung, weil diese ästhetische Wirkung nicht einfach über die dysphorischen Erfahrungen hinwegtäuscht, sondern sie auf besondere Weise sichtbar und lesbar macht.
Heute erzählen wir Geschichten oft über soziale Medien. Verändert das unseren Blick auf uns selbst?
Ich denke schon. Soziale Medien verändern nicht nur die Art, wie wir erzählen, sondern auch die Vorstellung davon, an wen wir uns richten. In der Medienforschung spricht man von einer „imagined audience“, also einem vorgestellten Publikum, und von „context collapse“: Unterschiedliche Publika rücken in einem digitalen Raum zusammen, ohne dass man genau weiß, wer tatsächlich mitliest. Dadurch wird Selbstdarstellung stärker auf Sichtbarkeit, Anerkennung und mögliche Reaktionen hin entworfen.
Das berührt Fragen, die mich auch in Heimsuchungen interessieren: Wie entsteht ein Selbstbild? Wie hängt es davon ab, gesehen, gespiegelt oder anerkannt zu werden? Und was bleibt unsichtbar, obwohl es weiterwirkt? Digitale Medien verdichten solche Selbsterzählungen oft stark und richten sie auf schnelle Resonanz aus. Literatur hat dagegen mehr Raum für Ambivalenzen, Zwischentöne und Widersprüche. Sie kann zeigen, dass sich Identität nicht nur in sichtbaren Bildern formt, sondern auch in Leerstellen, Wiederholungen, Erinnerungen und unbewussten Nachwirkungen.
Denken Sie, dass sich diese Themen für alle Leser:innen erschließen?
Ja, durchaus. Ich glaube sogar, dass viele Menschen einen sehr unmittelbaren Zugang dazu haben. Nicht unbedingt zu den literaturtheoretischen Konzepten, mit denen ich arbeite, aber zu den Fragen, die dahinterstehen: Verlust und Erinnerung, Familie und Geschichte, Beziehungen, Sprache, Identität und Zugehörigkeit. Das sind Erfahrungen und Themen, die alle Menschen kennen. Literatur macht sie auf eine besondere Weise wahrnehmbar, weil sie nicht nur erklärt, sondern zeigt, wie solche Erfahrungen nachwirken. Deshalb entstehen oft Gespräche, in denen deutlich wird, dass diese Fragen weit über den akademischen Kontext hinaus relevant sind.
Was möchten Sie mit Ihrer Forschung sichtbar machen?
Mich interessiert, wie Literatur mit Erfahrungen umgeht, die sich einer einfachen Darstellung oder Erklärung entziehen. Wie Erinnerungen weiterwirken. Wie Verluste Spuren hinterlassen. Und wie Geschichten, Bilder und andere Kunstformen dazu beitragen können, solche Erfahrungen wahrnehmbar zu machen. Vielleicht geht es letztlich darum, dem, was uns begleitet und manchmal heimsucht, eine Form zu geben, ohne es festzuschreiben oder vollständig auflösen zu wollen.
Zum Buch
Was geschieht, wenn Erzählen zur Heimsuchung wird? Jutta Fortin zeigt, wie sich das Verdrängte in Rhythmus, Syntax und Bild einschreibt und im literarischen Text fortwirkt. Ausgehend von André Greens Konzept der „toten Mutter“ entwickelt sie ein Lektüremodell, das eine neue Poetik des Verlusts entfaltet. Das Phantomatische erweist sich dabei als ästhetischer und ethischer Modus, in dem sich private und kollektive Traumata verbinden – von der familiären Leerstelle bis zur Nachwirkung der Shoah. Von Camille Laurens über Alain Fleischer und Yves Ravey bis zu Erri De Luca verdeutlicht Fortin, wie sich seit den 1980er Jahren Verlust und Erinnerung zu einer gemeinsamen Form verschränken. Zwischen Fotografie und Schrift, zwischen Mythos, Märchen, Körper und Raum wird das Unsagbare nicht erklärt, sondern spürbar. Das Schreiben gibt dem Verlorenen kein Ende, sondern eine Gestalt, die wandert, zirkuliert und weiterlebt. In den Texten bewahrt sich so die Gegenwart des Abwesenden – als Spur, als Nachhall, als leises Fortleben in der Sprache der Literatur.
Zur Person
Jutta Fortin studierte Romanistik sowie Anglistik/Amerikanistik an den Universitäten Salzburg, Portsmouth und Paris 3–Sorbonne Nouvelle. Sie schloss ihr PhD-Studium 2003 an der Cambridge University ab. Ihre Dissertation beschäftigte sich mit der Bedeutung psychischer Abwehrmechanismen in der französischen phantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Von 2006 bis 2008 wurde ihre Forschung an der Universität Jean Monnet–Saint-Étienne mit einem Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendium des FWF gefördert. Von 2010 bis 2017 war sie Elise-Richter-Stipendiatin des FWF an der Universität Wien und der Universität Genua. Jutta Fortin habilitierte 2019 an der Universität Wien im Bereich Romanische und Vergleichende Literaturwissenschaft und ist heute als Senior Scientist für französische und italienische Literaturwissenschaft an der Universität Klagenfurt tätig.
Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der französischen und italienischen Gegenwartsliteratur, in hybriden Texten aus Text und Fotografie, in der phantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts sowie in den französischen Tristan-Texten des Mittelalters. Weitere Schwerpunkte sind Intertextualität und Intermedialität, Literatur und Psychoanalyse, Literatur und Geschichte, die Dialogizität der Genres sowie Literatur und Ökologie.










aau/Müller


