Kann Psychotherapie auch in wenigen Sitzungen wirksam sein? Sylke Andreas mit Deutschem Psychodynamik Preis 2025 ausgezeichnet
Sylke Andreas erforscht die Brief Dynamic Interpersonal Therapy (DIT) – eine psychodynamische Kurzzeittherapie, die bereits nach 16 Sitzungen spürbare Veränderungen bewirken kann. Im Gespräch erklärt die jüngst mit dem Deutschen Psychodynamik Preis 2025 ausgezeichnete Forscherin, für wen sich diese Therapieform besonders eignet und welche Aspekte für die Forschung dazu besonders interessant sind.
Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung intensiv mit Kurzzeittherapieformen. Ist es etwas fundamental Neues, das Psychotherapie auch von kurzer Dauer sein kann, oder war Psychotherapie und – in ihren Ursprüngen – Psychoanalyse immer etwas lange Andauerndes?
Wenn wir historisch an die Anfänge zurückgehen, sehen wir, dass Sigmund Freud Menschen zuerst sehr kurz behandelt hat, noch viel kürzer, als wir es heute in Kurzzeittherapien kennen. Oft waren es nur einige Wochen bis wenige Monaten, meist auch eingebettet in Spaziergänge, im Rahmen derer er seine „Redekur“ entwickelt hat. Weil schon Freud sich dafür ausgesprochen hat, die psychoanalytische Behandlung als Verbindung von Forschen und Lehren zu begreifen, wurden mit der Anzahl seiner Kontakte auch die Behandlungen länger und gleichermaßen die Theorien und Behandlungsformen ausdifferenzierter. In der klassischen Psychoanalyse wurde dann das spezifische Setting entwickelt, das viele kennen: mit dem Klienten bzw. der Klientin auf der Couch liegend und der Analytikerin bzw. dem Analytiker am Kopfende. Wenn nun der Klient quasi in freier Assoziation spricht, passiert das in einem Raum, im dem es gefühlt ewig viel Zeit gibt. Diese Form hat sich über viele Jahrzehnte hinweg etabliert.
Eine Annahme, warum Psychotherapie wirkt, ist ja, dass über die Beziehung zwischen Therapeut:in und Klient:in Heilung geschieht. Der Aufbau von Beziehung braucht aber Zeit. Was haben Sie dem aus der Perspektive der Kurzzeittherapie entgegenzuhalten?
Eine Kurzzeittherapie ist sehr intensiv. Sie kann nur von Therapeut:innen durchgeführt werden, die schon Behandlungserfahrung mitbringen. Und ja, in kürzester Zeit muss sich eine stabile und gute therapeutische Beziehung entwickeln, damit man in der mittleren Phase der Kurzzeittherapie gut mit Patient:innen arbeiten kann. Wenn es in der therapeutischen Beziehung zu Störungen kommt, wird das oft als Chance begriffen, die Störung zu thematisieren und so sich wiederholende Beziehungsmuster zu besprechen und erlebbar zu machen.
Ist die Grundidee der Kurzzeittherapie die gleiche wie bei der Langform, nur einfach komprimiert?
In der Langform haben wir einen weitläufigen Zeithorizont, in dem man verschiedene Themen und Foki bearbeiten kann. In der Kurzzeittherapie ist es ein Themenkomplex, der gezielt unter die Lupe genommen wird.
Welche Rolle spielt es für den Erfolg der Behandlung, dass die Kurzzeittherapie ein definiertes Ende hat?
Wir wissen aus Studien, dass die Prozesse in der Kurzzeittherapie deshalb so intensiv sind, weil die Patient:innen von Anfang an wissen, wie viel Zeit sie haben und wann die Therapie endet. Es ist auch vorgesehen, dass man mit der Patientin ungefähr den Zeitlauf abstimmt und schon zu Beginn alle Termine für die 16 Sitzungen vereinbart. Für uns ist aber auch klar: Das Ende steht fest, aber die Tür steht auch immer offen. Sollte es einem Patienten im Verlauf nach der Behandlung wieder schlechter gehen, kann er sich auch wieder an uns wenden.
Liegen dem Einsatz von Kurzzeittherapien auch ökonomische Gründe zugrunde, immerhin kann man so mehr Patient:innen mit weniger Ressourceneinsatz behandeln?
Ja, sicherlich. Auf diesem Weg kann man in kürzerer Zeit mehr Patient:innen versorgen und die Evidenz zeigt uns ja auch, dass das für viele Problemfelder eine hohe Wirksamkeit hat. Für uns steht dieser Aspekt aber nicht so stark im Vordergrund. Ich stehe dafür ein, dass wir individuell betrachten müssen, welche Therapie bei welcher Art von Problematik indiziert ist. Das heißt, dass selbstverständlich auch Langzeittherapien ökonomisch vertretbar sind und ihre Berechtigung haben, genauso wie Kurzzeittherapien.
Wenn die Kurzzeittherapie nicht für jeden und jede passt: Wer sind die Personen, die davon besonders angesprochen sind?
Wir sprechen damit in der Regel Patient:innen an, die sozial eher gut integriert sind und die eher eine leichtere Symptomatik wie eine leichtere Depression oder Angsterkrankung aufweisen, sodass sich in den Sitzungen gar nicht so viele Themen aufdrängen. In diesen Fällen ist eine Kurzzeittherapie auch stärker indiziert, weil wir sonst viele auch zu lange behandeln, die das gar nicht nötig haben. Bei uns in der Psychotherapeutischen Forschungs- und Lehrambulanz der Universität Klagenfurt (PUK) führen wir gerade auch eine Pilotstudie durch, die untersuchen soll, für welche Patient:innengruppe dieses Verfahren besonders geeignet und besonders wirksam ist. Da kommt auch ein anderer Forschungsschwerpunkt, die mentalisierungsbasierte Psychotherapie hinzu, zu der wir die Hypothese aufgestellt haben, dass eher leicht belastete Patient:innen, die gut über ihr Leben nachdenken können, vermutlich besser von der Kurzzeittherapie profitieren können, als wenn sie beispielsweise ein Selbsthilfe-Online-Programm durchlaufen.
Leichte Symptome sind für viele vielleicht nicht so einfach einzuordnen. Wie merkt man an sich, dass man eventuell in diese Gruppe fallen könnte?
Wenn man den Eindruck hat, niedergeschlagen und in gedrückter Stimmung zu sein, es einem schwer fällt, die Wohnung zu verlassen oder man Angstsymptome wie Schwitzen entwickelt – sei es in Menschenmengen, in der Warteschlange im Supermarkt oder auch in anderen Situationen – das wäre der Zeitpunkt, sich an unsere Ambulanz zu wenden. In einem Erstgespräch kann man dann klären, ob eine Kurzzeittherapie der richtige Weg wäre.
Wie fügen sich diese Therapieformen in die Lebensverläufe von Menschen ein? Ist es nicht mehr eine lange Therapie, die man einmal im Leben macht, sondern kommt man in herausfordernden Situationen immer wieder?
Unsere Hoffnung ist, dass wir Patient:innen für eine bestimmte Lebensphase mit einem eingegrenzten Fokus etwas an die Hand geben können, womit sie erstmal gut weiterarbeiten können. Anderntags können sich dann auch andere Themen aufdrängen.
Wie werden die Therapeut:innen ausgebildet?
Die Mindestvoraussetzung ist eine fortgeschrittene oder abgeschlossene Ausbildung in einem psychodynamischen Verfahren. Ein mehrtägiger Workshop führt dann in die Methode ein; danach startet man mit supervisorischer Begleitung in der Praxis. Die „Brief Dynamic Interpersonal Therapy“ wurde am Anna Freud Centre in London entwickelt, wo Caroline von Korff, die therapeutische Leiterin unserer Psychotherapeutischen Forschungs- und Lehrambulanz (PUK), und ich unsere Ausbildung gemacht haben. Heute sind wir beide zertifizierte Supervisor:innen; und ich bin auch zertifizierte Trainerin, die Workshops im deutschsprachigen Bereich anbieten kann. Damit versuchen wir auch, Therapeut:innen zu ermuntern, sich diese Methode anzueignen. Auf diesem Weg können wir die Methode und ihre Wirkweise auch weiter erforschen und zusätzliche Evidenz schaffen.
Zur Person
Sylke Andreas ist seit 2018 Universitätsprofessorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt. Sie war von 2002 bis 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin und von 2008 bis 2011 Arbeitsgruppenleiterin im Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. 2011 hat sich Sylke Andreas mit einer Arbeit zur Erfassung des Schweregrades von psychischen Erkrankungen habilitiert. Von 2011 bis 2018 war sie Assoziierte Professorin für Klinisch-Psychologische Diagnostik am Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt und seit 2016 bis zu ihrer Berufung Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Sylke Andreas ist Leiterin der Psychotherapeutischen Forschungs- und Lehrambulanz an der Universität Klagenfurt (PUK) und Lehrtherapeutin im Salzburger Arbeitskreis für Psychoanalyse (SAP). Sie ist psychoanalytisch-orientierte Psychotherapeutin, Supervisorin in Mentalisierungsbasierter Psychotherapie sowie Supervisorin und Traininerin in Dynamic Interpersonal Therapy
2025 gab sie das erste deutschsprachige Werk zur Kurzzeittherapie unter dem Titel „Brief Dynamic Interpersonal Therapy (DIT). Psychodynamische Kurzzeittherapie bei Depressionen und Angststörungen“ bei Klett-Cotta heraus, das auf den Arbeiten von Alessandra Lemma, Mary Hepworth, Patrick Luyten, Deborah Abrahams sowie Peter Fonagy (Anna Freud Centre, London) basiert.
Für ihre umfassende Forschungsarbeit erhielt Sylke Andreas kürzlich den „Deutschen Psychodynamik Preis 2025“ der deutschen Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie / psychodynamische Psychotherapie.










Daniel Waschnig

