Ingrid Gritschacher (c) Grischu

„Wenn Zahlen Geschichten erzählen“

Ingrid Gritschacher hat Angewandte Betriebswirtschaft an der Universität Klagenfurt studiert und 2008 abgeschlossen. Heute ist sie Steuerberaterin, Unternehmerin und Präsidentin der Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen Kärnten. Im Interview spricht sie über Verantwortung und Vertrauen in Zeiten des Wandels, über die Chancen, die Digitalisierung und KI für ihren Berufsstand eröffnen – und über die Rolle, die ihre Alma Mater dabei spielt.

Sie sind Steuerberaterin, Unternehmerin und seit Juni 2025 auch Präsidentin der Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen Kärnten. Was motiviert Sie, diese unterschiedlichen Rollen zu übernehmen?

Mich motiviert vor allem der Respekt vor jenen, die vor mir diese Verantwortung übernommen haben. Zugleich ist es für mich eine Form von Wertschätzung: Man zeigt Dankbarkeit nicht nur in Worten, sondern durch eigenes Tun. Viele Rollen kamen als Einladung auf mich zu – und ich habe gerne zugesagt. Schon während meiner Angestelltenzeit habe ich ehrenamtlich Verantwortung übernommen. Vielfalt, Entwicklung und das Gestalten gemeinsam mit anderen – das begleitet mich bis heute.

Steuerberatung gilt oft als sehr zahlenorientiert – gleichzeitig geht es um Vertrauen, Kommunikation und Zukunftsgestaltung. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Beruf?

Mich begeistert, Wirtschaft von „innen“ tagtäglich an der Seite von Klient:innen zu erleben und sie bei ihrem unternehmerischen Wirken zu unterstützen. Steuerberatung ist mehr als Steuergesetze und Zahlen – sie erzählt Geschichten, zeigt Entwicklungen und ermöglicht es, Unternehmen aktiv zu gestalten. Genau diese Mischung aus Zahlen, Zukunftsthemen und persönlicher Zusammenarbeit macht den Beruf für mich so spannend.

Welche Veränderungen prägen Ihrer Meinung nach aktuell das Berufsbild der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen – etwa durch Digitalisierung, KI oder gesellschaftliche Entwicklungen?

Aktuell prägen drei Entwicklungen unseren Berufsstand besonders: Erstens verändern KI und neue Technologien Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen grundlegend. Zweitens führt die europäische Regulierung zu einem wachsenden Bedarf an integrierten Lösungen. Drittens wird Nachhaltigkeit – trotz adaptierter Berichtspflichten – langfristig ein zentrales Thema bleiben. Klimawandel und gesellschaftlicher Wandel liegen nicht vollständig in unserer Hand, werden aber wesentlich bestimmen, wie wir Geschäftsmodelle zukunftsfit gestalten.

Sie haben sich stetig weitergebildet, etwa im Bereich Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder KI. Wie wichtig sind solche Zusatzqualifikationen für die Karriere?

Zusatzqualifikationen sind entscheidend. Wir begleiten unsere Klient:innen täglich sehr praxisnah – deshalb ist es essenziell, aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen wirklich zu verstehen. Ich halte wenig davon, nur über Themen zu sprechen. Man muss sie von innen kennen, um kompetent beraten zu können. Deshalb übernehme ich bewusst, teilweise ehrenamtlich unterschiedliche Rollen, bilde mich weiter und bringe diese Erfahrungen wieder in die Beratung ein. So kann ich Unternehmen authentisch und wirksam unterstützen.

Welche Themen möchten Sie in Ihrer Funktion als Präsidentin der Kammer besonders vorantreiben?

Erstens ist es entscheidend, die technologischen Entwicklungen – von der e-Rechnung bis hin zur KI – aufmerksam zu beobachten und so weit möglich aktiv mitzugestalten, weil sie unser Berufsbild nachhaltig verändern werden. Zweitens liegt mir der Berufsnachwuchs besonders am Herzen. Trotz technologischer Unterstützung brauchen wir weiterhin engagierte junge Menschen, die diesen Beruf mit Freude ergreifen. Es geht darum, sie in ihrer Sprache abzuholen, zu begeistern und gut zu begleiten. Und drittens ist Kooperation für mich zentral: Zukunft lässt sich nur gemeinsam gestalten. Fachliche Exzellenz entsteht im Miteinander – nur so können wir echte Qualität erreichen.

Sie haben „Angewandte Betriebswirtschaft“ an der Universität Klagenfurt studiert. Was verbinden Sie heute mit Ihrer Studienzeit?

Nach meinem Start der Rechtswissenschaften in Wien wollte ich beides – Recht und BWL – verbinden und bin zurück nach Kärnten gekommen. Besonders prägend war der unmittelbare Vergleich: Dort große Hörsäle mit bis zu 500 Studierenden, hier kleine Gruppen mit sieben bis 15 Personen. Diese persönliche Betreuung war außergewöhnlich – man wurde wirklich begleitet.

Gab es Lehrveranstaltungen, Personen oder Erlebnisse, die Sie besonders geprägt oder inspiriert haben?

Für mich war vor allem die persönliche Betreuung und das Engagement der Lehrenden beeindruckend – man wurde abgeholt und für die Inhalte begeistert. Besonders in Erinnerung geblieben sind die praxisnahen Einblicke in Steuerlehre, Controlling, Strategie und Geschäftsmodellentwicklung, sowie die Abschlusswoche, in der wir gruppendynamische Prozesse ausprobieren konnten. Auch das verpflichtende Praxissemester war großartig, weil man schon während des Studiums direkt Kontakt zur Wirtschaft hatte.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Verbindung zwischen Universität und Praxis – gerade im Bereich Wirtschaft, Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung?

Sehr wichtig. Theorie wird erst lebendig, wenn man sie direkt in der Praxis erlebt – beim ersten Lohnzettel, Blick in einen Kollektivvertrag oder Vergleich von Kauf und Leasing-Optionen. So zeigen Zahlen, dass sie Geschichten erzählen und Zusammenhänge sichtbar machen. Besonders gut gelingt das aktuell über Schnuppertage, Praxissemester oder Ferialpraktika, weil die jungen Menschen so unmittelbar sehen, wie spannend der Beruf ist. Kooperationen zwischen Lehrveranstaltungen und Mitgliedern des Berufsstands verbinden Theorie und Praxis zusätzlich und zeigen Studierenden die Möglichkeiten und Perspektiven des Berufs.

Was würden Sie heutigen Studierenden mitgeben, die sich für eine Laufbahn in der Steuerberatung oder Wirtschaftsprüfung interessieren?

Es ist einer der spannendsten Berufe überhaupt: kein Tag gleicht dem anderen, man ist am „Puls der Wirtschaft“, lernt Unternehmen und deren Dynamik hautnah kennen und übernimmt verantwortungsvolle Aufgaben. Steuern und Abgaben stellen öffentliche Budgets sicher, Steuerberatung findet täglich im Zentrum des Interessenausgleiches zwischen Individuen und staatlichem Gemeinwesen statt. Unser Berufsstand zeichnet sich auch durch eine gesetzlich verankerte Verschwiegenheitspflicht aus, und basiert somit auf einem hohen Maß an Vertrauen – das alles macht ihn einzigartig und lebendig.

Sie sind in Oberkärnten verwurzelt und auch beruflich eng mit der Region verbunden. Welche Bedeutung hat dieser regionale Bezug für Sie und Ihre Arbeit?

Zu Beginn war es eine ideale Lebensumgebung, um Familie und Beruf zu verbinden. Gleichzeitig haben wir hier früh engagierte Mitarbeiter:innen gefunden, mit denen wir – schon damals – mutig in die Digitalisierung gestartet sind. Heute kommen unsere Klient:innen und Partner:innen aus ganz Österreich – die Region ist für mich dennoch ein wichtiger Anker. Sie steht auch für Stabilität, während der Austausch mit anderen Perspektiven uns – auch geographisch weit darüber hinaus – offen und beweglich hält.

Sie engagieren sich in zahlreichen Initiativen und Vereinen – von Wirtschaft über Gesellschaft bis Kultur. Warum ist Ihnen dieses Engagement über den Beruf hinaus so wichtig?

Für mich ist es ein Privileg, in Österreich leben zu dürfen – und dieses Privileg bringt die Verantwortung mit sich, etwas zurückzugeben. Gleichzeitig möchte ich Themen, die mich beruflich begleiten, auch in der Praxis erleben und mitgestalten. Und schließlich fasziniert mich die Energie von Menschen, die für etwas brennen. Wo Leidenschaft spürbar ist, unterstütze ich gerne dabei, gute Ideen Wirklichkeit werden zu lassen.

Wenn Sie an den Beginn Ihrer Karriere zurückdenken: Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute raten?

Sei mutig – und bleib neugierig. Beides öffnet Türen, die man vorher nicht sieht.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Gritschacher.

 

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