„Es gibt keine unpolitische Wissenschaft.“


Forschung, die die Perspektive der Menschen in der Gesellschaft miteinbezieht, gilt häufig als Hoffnungsträgerin für nachhaltige, gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Helge Kminek, Erziehungswissenschaftler am Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung, hat in einer aktuellen Publikation gemeinsam mit Kolleg:innen ausgelotet, wie die Idee, gesellschaftliche Transformationen anzuregen, in Konzepten transdisziplinärer Forschung angelegt ist. Das Paper erschien nun im hoch renommierten Environmental Sciences Europe.

Helge Kminek, Sie beschäftigen sich mit transdisziplinären Forschungsansätzen. Wie lassen sich diese Ansätze erklären?

Transdisziplinäre Forschung zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen außerhalb der Wissenschaft oder zumindest deren Fragen und Perspektiven aktiv in Forschungsprozesse einbezogen werden. Es geht also nicht nur darum, dass Forschende Fragen entwickeln und beantworten, sondern auch darum, die Perspektiven von Menschen aus der Gesellschaft einzubinden. Wenn beispielsweise über die Zukunft des Verkehrssystems einer Stadt geforscht wird, dann ist auch interessant, was die Bürger:innen selbst über Radwege oder Mobilität denken.

Kritiker:innen würden sagen: Das klingt zwar demokratisch, aber wird Forschung dadurch nicht oberflächlicher?

Einfach ist das sicher nicht. Die verschiedenen Ansätze transdisziplinärer Forschung gehen sehr unterschiedlich damit um. Manche betonen, dass man zu Beginn viel Zeit investieren muss, um eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis der Forschungsfrage zu entwickeln. Andere sehen das zentrale Element eher in der Verständigung auf gemeinsame Ziele. Es gibt also nicht den einen Weg. In unserer Publikation haben wir sieben verschiedene Ansätze identifiziert und ihre verschiedenen Positionen und Konzepte analysiert.

Ist das Ziel von Forschung nicht immer Erkenntnisgewinn?

Das bleibt natürlich ein zentrales Ziel. Gleichzeitig wird argumentiert, dass Forschung, die von der Gesellschaft finanziert wird, auch gesellschaftliche Wirkung entfalten sollte. Zudem sind viele Herausforderungen unserer Zeit – etwa die Klimakrise oder der Verlust biologischer Vielfalt – so komplex, dass unterschiedliche Perspektiven notwendig sind, um sie überhaupt angemessen zu verstehen. Deshalb vertreten manche Kolleg:innen sogar die Position, dass transdisziplinäre Forschung in bestimmten Bereichen bessere Erkenntnisse hervorbringen kann als klassische Grundlagenforschung.

Hat sich die Bedeutung solcher Ansätze in den vergangenen Jahren verändert?

Mein Eindruck ist eindeutig: Ja. Auf europäischer Ebene wird zunehmend betont, dass inter- und transdisziplinäre Forschung stärker gefördert werden soll. Gleichzeitig sehen Förderorganisationen durchaus, dass solche Projekte es oft schwerer haben als klassische Projekte. Das ist auch ein strukturelles Problem, weil Gutachter:innen Anträge immer aus ihrer eigenen wissenschaftlichen Perspektive bewerten. Für manche Ansätze transdisziplinärer Forschung müssten wir auch unsere Definition der Institution Universität weiten: Wenn Universitäten durchlässiger wären – man also im Laufe seines Berufslebens immer wieder an die Universität zurückkehren würde – kämen automatisch mehr Perspektiven aus der Gesellschaft in die Forschung. Letztlich müssen wir uns aber bewusst sein: Es gibt keine unpolitische Wissenschaft. Selbst wenn wir von „purer Wissenschaft“ ausgehen, die den Austausch nur in den wissenschaftlichen Gemeinschaften sucht, gibt es gesellschaftlich relevante und damit politische Dimensionen.

In Ihrem aktuellen Beitrag untersuchen Sie verschiedene Konzepte transdisziplinärer Forschung. Was war der Ausgangspunkt?

Wir wollten genauer verstehen, wie unterschiedliche transdisziplinäre Ansätze zur gesellschaftlichen Transformation beitragen sollen. Denn obwohl häufig gesagt wird, transdisziplinäre Forschung sei besonders geeignet, gesellschaftliche Probleme zu lösen, wird selten genauer analysiert, welche Vorstellungen von Transformation dahinterstehen.

Transformation ist also das Schlüsselwort?

Ja. Alle von uns untersuchten Ansätze verbindet die Annahme, dass transdisziplinäre Forschung besonders geeignet ist, große gesellschaftliche Herausforderungen zu bearbeiten – etwa Klimawandel, Biodiversitätsverlust oder Gesundheitsfragen. Die eigentliche spannende Frage lautet aber: Was verstehen wir überhaupt unter Transformation?

Ist das nicht einfach Wandel?

Genau das ist der Punkt. Gesellschaftlicher Wandel findet ständig statt. Transformation hat aber den Anspruch, tiefgreifendere Veränderungen zu beschreiben. Wir sind bei unserer Analyse zu dem Schluss gekommen, dass hier noch erheblicher theoretischer Klärungsbedarf besteht. Wann ist etwas tatsächlich transformativ und wann handelt es sich lediglich um Veränderung? Das ist eine wichtige Forschungslücke.

Der Klimawandel zeigt besonders deutlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht automatisch zu gesellschaftlichem Handeln führen. Wie kann Forschung wirksamer werden?

Ein interessanter Ansatz stammt von Kolleg:innen aus Südafrika. Sie argumentieren, dass Wissenschaft zunächst Vertrauen aufbauen muss. Dort sind Forschende teilweise zu den Menschen in Siedlungen gegangen und haben gemeinsam mit Bewohner:innen praktische Arbeiten erledigt, bevor überhaupt Forschung stattfand. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Kommunikation nicht funktioniert, wenn das Vertrauen fehlt. Leider müssen wir in diesen oft von starker Polarisierung geprägten Tagen feststellen, dass das Vertrauen in die Wissenschaft bei vielen nicht gegeben ist.

Brauchen wir so etwas auch in Europa?

Möglicherweise. Unsere Gesellschaften sind an vielen Stellen stark fragmentiert. Es könnte sein, dass Wissenschaft bestimmte Gruppen aktiver aufsuchen muss, um überhaupt in einen Dialog zu kommen. Das gilt nicht nur für Forschungsthemen wie den Klimawandel, sondern ganz grundsätzlich. Wir brauchen dieses Vertrauen, damit gesellschaftliches Lernen stattfinden kann.

Kann eine Gesellschaft überhaupt lernen?

Das ist eine der großen Fragen. Es gibt historische Beispiele dafür, dass Gesellschaften aus Krisen gelernt haben. Es gibt aber ebenso Beispiele für das Gegenteil. Für mich lautet die entscheidende Frage, ob wir als Menschheit lernen, uns selbst Grenzen zu setzen und gemeinsam zu entscheiden, welche Formen von Fortschritt zu unserer aller Vorteil sind. Nehmen wir ein Beispiel aus Island: Dort musste man irgendwann festlegen, wie viele Nutztiere auf welchen Flächen gehalten werden können, um den Boden zu schützen. Auch das ist gelungen. Gesellschaften haben immer wieder Regeln entwickelt, um gemeinsame Ressourcen zu schützen oder Lebensqualität zu verbessern.

Sind Sie optimistisch, dass uns so etwas gelingen kann?

Vorsichtig optimistisch. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass Menschen gemeinsam Lösungen entwickeln können. Wenn Forschende und Praktikerinnen miteinander ins Gespräch kommen, stellen sie oft fest, dass sie viele Ziele teilen. Anfangs gibt es häufig Vorurteile auf beiden Seiten. Mit der Zeit entsteht aber oft ein besseres Verständnis für die Perspektive des Gegenübers.

Was nehmen Sie persönlich aus Ihrer Forschung mit?

Zum einen die Erkenntnis, dass transdisziplinäre Forschung viel vielfältiger ist, als oft angenommen wird. Zum anderen, dass wir genauer darüber nachdenken müssen, wie gesellschaftliche Transformation eigentlich funktioniert. Und schließlich die Überzeugung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse allein nicht ausreichen. Entscheidend ist, ob sie in der Gesellschaft verstanden, diskutiert und gemeinsam weiterentwickelt werden.

Mit anderen Worten: Forschung muss nicht nur Wissen schaffen, sondern auch Verständigung ermöglichen.

Genau. Denn Erkenntnisgewinn allein genügt nicht, wenn er nur in wissenschaftlichen Fachzeitschriften bleibt. Wissenschaft kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Gesellschaften voneinander lernen und gemeinsam tragfähige Lösungen entwickeln.

Zur Person



Helge Kminek ist seit 2024 Senior Scientist am Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Universität Klagenfurt. Vor und während seines Studiums der Erziehungswissenschaften bzw. nach dem Lehramtsstudium war er selbst über zehn Jahre in der in der stationären und ambulanten Kinder- und Jugendhilfe sowie in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit tätig. 2017 promovierte er an der Goethe-Universität Frankfurt, wo er danach auch als Vertretungsprofessor bzw. Postdoktorand wissenschaftlich tätig war. Helge Kminek ist Vorstandsmitglied der Kommission Bildung für nachhaltige Entwicklung innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft DGfE sowie Mitglied des Editorial Board der Sektion Allgemeine Erziehungswissenschaft innerhalb der Österreichische Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen.

 

Zur Publikation



Kminek, Helge, Böhning-Gaese, Katrin, Friedrich, Thomas, Hollert, Henner, Kramm, Johanna, Schlottmann, Antje, Völker, Carolin & Schneider, Flurina (2026). About transformation in transdisciplinary approaches. Environ Sci Eur (2026). https://doi.org/10.1186/s1230 2-026-01402-y.

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