Erziehungs- und Bildungswissenschaft studieren: Juliane Achleitner hat die Forschung für sich entdeckt

Juliane Achleitner kommt aus Bad Goisern am Hallstättersee und ist die erste in ihrer Familie, die sich für ein Studium entschieden hat. Letztes Jahr hat sie ihr Bachelorstudium „Erziehungs- und Bildungswissenschaft“ abgeschlossen. Derzeit studiert sie „Erwachsenen- und Berufsbildung“ und „Sozial- und Integrationspädagogik“, ist als Tutorin und Studienassistentin tätig und engagiert sich in der MaturantInnenberatung der Österreichischen HochschülerInnenschaft. Was sie zu Tränen gerührt hat, welche Erfahrungen sie weitergeben möchte und warum ihr Herz für die Forschung schlägt, erzählt sie uns im Interview.

War für dich von Anfang an klar, dass du studieren willst?
In meiner Familie ist es nicht ‚üblich‘ zu studieren. Das war und ist noch immer eine Herausforderung für mich. Trotz einer wirklich guten Beziehung zu meinen Brüdern, glaube ich nicht, dass sie wirklich wissen was mein Studiengang ist oder was ich an der Uni genau mache. Vor Studienbeginn wusste noch nicht einmal ich sicher, dass ich überhaupt studieren werde. Im Oktober entschloss ich mich dazu, Erziehungs- und Bildungswissenschaft zu inskribieren, da ich vor meinem Umzug nach Klagenfurt in Oberösterreich als Kindergartenpädagogin tätig war und mich Pädagogik sehr interessierte. Ich glaube, dass man auch über Umwege früher oder später dorthin gelangt, wo man glücklich wird. Ich kann für mich sagen: geplant war es nicht, dafür ist es umso genialer.

Du engagierst dich neben deinem Studium stark für Studierende, woran liegt das?
Zu Beginn meines Studiums habe ich wirklich viel falsch gemacht. Kurse gewählt, die man erst am Ende des Studiums wählen sollte, Lehrveranstaltungen besucht, die dann doch nicht für ein bestimmtes Modul anrechenbar waren und kein Leistungsstipendium bekommen, obwohl ich genügend ECTS und nur 1er und 2er hatte.

Wie kam es dazu?
Ich habe nicht gewusst, dass man die Leistung nicht auf mehrere Studien aufteilen kann. Aus dieser schmerzlichen Erfahrung habe ich gelernt. Ich möchte aber auch, dass andere davon profitieren. Deswegen bin ich zur Studierendenberatung der Österreichischen HochschülerInnenschaft gekommen, war Studienrichtungsvertreterin und arbeite derzeit am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung als Tutorin und als Studienassistentin. Ich bin der Ansicht, dass man sich gegenseitig unterstützen sollte und möchte auch über mögliche Fallstricke informieren.

Wie erklärst du Freunden und Familie den Inhalt deines Studiums?
In erster Linie bin ich noch immer damit beschäftigt zu erklären, dass ich nicht in die Schule, sondern in die Uni gehe und, dass dies etwas anderes ist. Eigentlich ist das aber egal. Sie freuen sich, wenn ich mich freue und darüber, dass ich hier so glücklich bin.
Der Inhalt meines Studiums in Kurzfassung: man lernt sich mit pädagogischen Hintergründen, Forschung und wissenschaftlichem Denken in Bezug auf pädagogische Themen auseinanderzusetzen. Dabei spielen Reflexion, kritisches Hinterfragen und historische als auch zukunftsorientierte Aspekte eine Rolle. Der Bachelor bietet eine solide Grundlage pädagogischer und wissenschaftstheoretischer Hintergründe. Im Master gibt es unterschiedliche Spezialisierungen. Generell sind die Inhalte sehr interessant! Nach dieser Erklärung sehen mich sicher vier von fünf Personen mit einem Fragezeichen über dem Kopf an und eine davon murmelt: „Also irgendwas mit Menschen und Pädagogik“.

Hast du ein Lieblingsfach oder einen Lieblingsschwerpunkt?
Ganz besonders mag ich, vermutlich zur Verwunderung meiner Mathematiklehrerin aus dem Gymnasium und der meisten Personen, die dies nun lesen, Quantitative Verfahren der empirischen Sozialforschung. Das war absolut nicht vorhersehbar. Viel hängt von den Lehrenden ab. Alle haben unterschiedliche Vortragsweisen und Methoden und genau das macht das Studium interessant. Außerdem ist die Unterstützung von Seite der Vortragenden in der Regel sehr gut. Auf Fragen folgt eine rasche und wertschätzende Antwort. Das ist nicht in jedem Studiengang, auch nicht in jeder Bildungseinrichtung so.
Den Studierenden meines Studienganges ist es größtenteils möglich, Lehrveranstaltungen nach Interesse zu wählen. Für mich aber gab es bis jetzt keine einzige LV, in der ich nichts Neues gelernt hätte. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich Inhalte wie ein Schwamm aufsaugen, irgendwas bleibt immer hängen. Man muss aber zu den Lehrveranstaltungen hingehen, um das zu ermöglichen.

Gibt es prägende Situationen, die du an der AAU erlebt hast, von denen du uns erzählen kannst?
Als mein Großvater mit über 90 Jahren das erste Mal bei einer (meiner) Sponsion dabei sein durfte. Da ich die erste in der Familie bin, die einen Uni Abschluss erlangte und er weiß, wie hart es neben Arbeiten und Privatem für mich manchmal ist. Ich habe geweint aufgrund der Freude und Zuneigung, als er verspätet in den Saal kam und zum Platz ging, während schon alle (auch wir Absolvent*innen nach dem Einzug) saßen, weil er seine Medikamente noch nehmen musste und dafür erst mal Wasser brauchte. Er war extra mit meiner Mutter 200 km gefahren, nur um die Sponsion seiner Enkelin zu erleben.

Hat sich dein Blick auf die Welt durch das Studium verändert?
Oh ja! Mein Umfeld von früher versteht das teilweise nur schwer. Sowohl die Wortwahl und der Dialekt, obwohl der noch immer oberösterreichisch klingt, als auch die Prioritäten haben sich komplett verändert. Ich bin viel offener und noch zielstrebiger, als ich es ohnehin schon war, geworden. Außerdem bin ich jetzt kritischer, auch mir selbst gegenüber. Ich reflektiere viel mehr und versuche mir meiner eigenen Vorurteile gegenüber anderen bewusst zu werden. Solche hat jeder Mensch. Sie sind tief verankert. Man kann aber, so wie ich, lernen sich mit diesen auseinanderzusetzen und versuchen, sich in andere Personen hineinzuversetzen, um weniger schnell voreilige Schlüsse zu ziehen. Das funktioniert mal mehr und mal weniger. Es hat aber bereits zwei Weihnachtsfeste mit meiner Familie „gerettet“.

Was gefällt dir an Klagenfurt besonders?
Dass die Uni relativ klein ist, die Nähe zwischen Lehrenden und Studierenden, die einen guten Austausch ermöglicht und natürlich die Lage der Uni. Ich bin froh, wenn ich Frischluft atmen kann, zum Laufen oder in den Pausen einige Minuten am See bin – An welcher Uni kann man dies sonst machen?! Außerdem war der Master Erwachsenen- und Berufsbildung für mich absolut interessant und ein Grund hier zu studieren.

Warum findest du sollte man hier studieren?
Die Größe der Uni hat schon seine Vorteile. Es ist gut, nicht nur Student*in Nummer X zu sein, sondern sich mit Lehrenden und Studierenden austauschen zu können, die wissen wer du bist.

Worauf freust du dich, wenn du an die Uni kommst?
Auf die Lehrveranstaltungen! Natürlich nicht immer, aber fast immer. Außerdem darauf Freunde und Freundinnen zu treffen und vor allem auf den Haselnusskaffee. Mehr Zuckerschock als Koffeinkick, aber absolut genial.

Wo siehst du dich in 10 Jahren? In welchem Feld willst du beruflich tätig sein?
Hoffentlich nach wie vor in der Wissenschaft. Ich habe die Forschung für mich entdeckt und würde gerne dabeibleiben. Eine Anstellung an einer Universität wäre großartig. Sollte dies aber nicht funktionieren, werde ich einen anderen Weg finden. Wie gesagt: es gibt viele Wege. Wohin diese führen, sieht man oft erst, wenn man angekommen ist.

Was ratest du Studienanfängerinnen und Studienanfängern?
Gestaltet euch das Studium nach eurem Interesse. Ihr habt die Möglichkeit dazu, nutzt sie! Wählt eure Lehrveranstaltungen aus, weil sie euch interessieren und ihr was lernen wollt und nicht, weil es leicht verdiente ECTS sind. Dieses Wissen kann euch keiner mehr nehmen. Denkt zukunftsorientiert – in welchem Bereich möchtest du mal arbeiten, welcher Bereich interessiert dich? Idealerweise ist das Praktikum euer Sprungbrett in die Arbeitswelt. Und: bei Fragen, Wünschen und Anregungen einfach immer nachhaken. Es gibt keine blöden Fragen.

Wort-Rap

Mein erster Tag an der UNI war… absolut chaotisch. Ich war in einer LV, welche erst am Ende des Studiums besucht werden sollte, da ich keine Ahnung hatte, wie man sich einen Semesterplan selbst erstellt. Weil ich eben dieses Gefühl kenne, berate ich heute Erstsemestrige.

Mein großartigstes LV Erlebnis war… als ich das erste Mal eine LV selbst halten durfte.

Meine Uni ist… wie Treffen mit Freunden: bunt, unberechenbar, teilweise langatmig aber immer lustig.

Mein Studi-Leben geht nicht ohne… Haselnusskaffee.

Mich inspiriert… mehr Haselnusskaffee, Freunde & Lehrende und ehrlicherweise Cocktails, die ich, als gelernte Barkeeperin/Kellnerin, Gott sei Dank selbst zubereiten kann.

Mein Studium in 3 Worten… Engagement, Haselnusskaffee und Zukunftsorientierung