Die Dichterin als Übersetzerin: Bachmanns Übersetzungen aus dem Italienischen

Ingeborg Bachmanns enge Verbindung zu Italien zeigt sich nicht nur in ihren Lebensstationen, sondern auch in ihrer intensiven Übersetzungsarbeit. Die Germanistin Natalia Lecce untersucht am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv systematisch Bachmanns Übertragungen von Gedichten Giuseppe Ungarettis – und geht der Frage nach, wie viel Bachmann in den deutschen Fassungen steckt.

Ingeborg Bachmann wurde 1926 in Klagenfurt geboren und starb 1973 in Rom. Diese Klammer zieht sich auch durch ihr Leben: Die bedeutende deutschsprachige Lyrikerin und Prosaschriftstellerin war bereits in den 1950er Jahren für längere Aufenthalte in Italien. Ihre erste römische Adresse hatte sie im Frühjahr 1954, ab 1965 lebte sie hauptsächlich in Rom. Schon bald begann sich Ingeborg Bachmann auch für die Vermittlung italienischer Lyrik zu interessieren; schließlich wirkte sie als Übersetzerin von Gedichten des Poeten Giuseppe Ungaretti.

Die Germanistin Natalia Lecce forscht nun in ihrem Dissertationsprojekt, gefördert durch ein DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv zu dieser Übersetzungsarbeit von Ingeborg Bachmann vom Italienischen ins Deutsche. Insgesamt hat Bachmann 53 Gedichte übersetzt, davon stammen 38 aus Ungarettis erstem Gedichtband „L’Allegria“, 6 aus dem Band „Sentimento del Tempo“, 6 aus „Il Dolore“, 2 aus „Il taccuino del Vecchio“ und ein Gedicht aus „La Terra Promessa“. „Darüber hinaus habe ich im Österreichischen Literaturarchiv noch weitere unveröffentlichte Übersetzungsentwürfe gefunden“, berichtet Natalia Lecce. Aktuell stellt Natalia Lecce, die an der Universität Klagenfurt von Anke Bosse (Professorin für Neuere Deutschsprachige Literatur) betreut wird, einen komparatistischen Vergleich zwischen den italienischen Originalgedichten und den Übersetzungen her und versucht auch, den unterschiedlichen Phasen der Übersetzung textgenetisch auf die Spur zu kommen.

Der Clou sind jedoch das Typoskript und der Probedruck, die Natalia Lecce und Anke Bosse im September 2024 im Deutsches Literaturarchiv Marbach entdeckt haben. Diese Textzeugen gehen der Erstveröffentlichung beim Suhrkamp Verlag voraus und sind von Bachmann und vom Suhrkamp-Lektorat handschriftlich überarbeitet. Somit machen sie Bachmanns sorgfältige Übersetzungsarbeit unmittelbar nachvollziehbar, in den Worten von Natalia Lecce: „Man sieht, wie die Übersetzung organisch wächst“. Außerdem rekonstruiert Natalia Lecce den Entstehungskontext der Übersetzungen durch die Auswertung von Bachmanns Korrespondenzen mit italienischen Partnern und den Verlagen Piper und Suhrkamp: „Ungaretti und Bachmann haben sich ausgetauscht, auch wenn sich leider nur wenige Briefe erhalten haben.“

Danach gefragt, ob Giuseppe Ungaretti mit Ingeborg Bachmann als Übersetzerin einverstanden war, erklärt Natalia Lecce: „Wir wissen aus einem Brief von Ungaretti, den dieser an Leone Piccioni geschrieben hat, dass er sehr zufrieden war: Mit Bachmann und Celan habe er gar die beste Dichter für seine deutschsprachigen Übersetzungen gehabt.“ Doch will man als Autor überhaupt, dass eine so sprachlich prägnante Schriftstellerin die eigene Lyrik in eine andere Sprache überträgt? Und wie viel Bachmann steckt in den übersetzten Gedichten? „Es ist wirklich interessant, die Übersetzung einer Dichterin zu analysieren. Ich frage mich dabei immer, wie viel Bachmann in den Versübertragungen zu sehen ist, und wie viel Nähe zu den ursprünglichen Zeilen von Ungaretti bestehen bleibt. Dafür untersuche ich u.a. Semantik; besonders anschaulich sind bspw. die Metaphernübertragungen. Meist ist es wohl eine Mischung von beidem – der Treue zum Original und der dichterischen Kreativität der Übersetzerin.“

(Nahezu) muttersprachlich ist Natalia Lecce mittlerweile auch in den beiden Sprachen, dem Italienischen und dem Deutschen. Mit zehn Jahren hat sie bereits ihren ersten Deutschkurs belegt und auch im Gymnasium Deutsch gelernt. Von 2016 bis 2020 hat sie dann an der Università degli Studi di Udine in den Sprach- und Literaturwissenschaften ihr Bachelorstudium abgeschlossen, danach hat sie gleich das Masterstudium „Germanistik im interkulturellen Kontext“, das die Universität Udine gemeinsam mit der Universität Klagenfurt in einem Double-Degree-Programm anbietet, angeschlossen. Gleich nach ihrem Abschluss im Jahr 2023 setzte sie mit dem Doktoratsstudium fort, seit September 2025 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv. Ihre Dissertation verfasst sie im Rahmen des Doktoratsprogramms COINT – Vergleichende Literaturwissenschaft, Intermedialität und Transkulturalität. Doch was veranlasst eine italienische Schülerin, sich für deutschsprachige Literatur zu interessieren: „Mein Vater hörte zuhause immer klassische Musik. Ich wuchs also mit Schubert-Liedern oder der Zauberflöte auf, und wollte auch verstehen, wovon gesungen wird“, erzählt Natalia Lecce, die parallel zu ihrer schulischen und universitären Ausbildung ein Klavierstudium an den Konservatorien in Triest und Udine mit Auszeichnung abschloss.

 

Auf ein paar Worte mit … Natalia Lecce



Wann haben Sie zuletzt mit jemandem außerhalb der Wissenschaft über Ihre Forschung gesprochen?
Mittlerweile habe ich mein Dissertationsprojekt unzählige Male offiziell vorgestellt. Am liebsten rede ich aber mit meiner Familie und Freund:innen darüber, weil ich dort von ihnen  manchmal ganz neue Einsichten – außerhalb der akademischen Perspektive – bekomme.

Was machen Sie im Büro morgens als Erstes?
Ich beginne meinen Arbeitstag gerne mit E-Mails, bevor ich mich ganz dem Lesen und Schreiben widme.

Wer ist für Sie die größte Wissenschaftler:in der Geschichte und warum?
Der Einfluss von Newton und Einstein ist weltbekannt, aber meine Sympathie – in einem Moment gesunden Patriotismus – gilt Galileo Galilei, der für eine neue Sicht des Kosmos gekämpft hat. Seit ich Das Leben des Galilei gelesen habe, mag ich ihn sogar noch mehr.

Was bringt Sie in Rage?
Besonders irritieren mich Unehrlichkeit, Inkonsequenz und eine gewisse stumpfe Oberflächlichkeit.

Und was beruhigt Sie?
Mich beruhigt das Schöne und Edle in der Kunst und in der Natur: eine mitreißende Melodie, ein eindringlicher Vers, ein kraftvoller Pinselstrich oder das Fresko eines Sonnenuntergangs am Himmel.

Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an Ihre Arbeit zu denken?
Nein, mein Kopf ist nicht wirklich für völlige Entspannung gemacht. Ich denke ständig – über alles Mögliche. Das hat aber auch seine guten Seiten: Man weiß nie, wann einem die richtige Idee kommt. Beim Gedichteschreiben erlebe ich das genauso – manchmal stellen sich Bilder ganz unvermittelt ein, und es wäre schade, sie zu ignorieren. Und wenn man das Glück hat, in einem Bereich zu arbeiten, den man liebt, sehe ich keinen Grund, im Urlaub innerlich komplett abzuschalten.

Wovor fürchten Sie sich?
Ich fürchte mich von einer möglichen Zombie-Apokalypse. Spaß beiseite: Tatsächlich fürchte ich mich davor, die Menschen zu enttäuschen, die ich liebe.

Worauf freuen Sie sich?
Auf eine Zukunft, in der Kultur und Bildung weiter geschätzt und gefördert werden. Und ein bisschen wie alle freue ich mich auch darauf, dass meine eigenen Träume Wirklichkeit werden.