Kiew | Foto: slava2271/Adobestock.com

Was machen soziale und politische Geschichte mit Sprache? Ukrainisch-russische und russisch-ukrainische Sprachvarietäten

Die heutige Ukraine ist ein mehrsprachiges Land mit einer dominierenden ukrainisch-russischen Zweisprachigkeit und gemischten Sprachvarietäten. Die bewegte politische und soziale Geschichte des Landes spiegelt sich in der Sprachverwendung seiner Bevölkerung wider. Der Slawist Tilmann Reuther begibt sich nun in einem D-A-CH-Projekt auf linguistische Spurensuche.

„Ukrainisch und Russisch sind zwei strukturell eng verwandte Sprachen. Aus diesen beiden hat sich ein gemischter Kode entwickelt, der ‚Suržyk‘ genannt wird und der – wie man annehmen kann – in zwei Varianten vorliegt, die die Geschichte des Landes abbilden“, so Tilmann Reuther, der das dreijährige österreichisch-deutsche FWF-DFG Projekt gemeinsam mit Gerd Hentschel (Universität Oldenburg) leitet.

Der ältere Suržyk stammt aus der Zeit der politischen und sozialen Dominanz des Russischen in der Ukraine. Seit der Zarenzeit – mit industriellem Wachstum im 19. Jahrhundert und russisch dominierter Kulturpolitik – und weiter auch in der Sowjetzeit mit Migrationen in die Städte passten sich ukrainischsprachige Menschen an die überwiegend russischsprachige Umgebung an. Erwachsene begannen untereinander und in Folge über mehrere Generationen auch mit ihren Kindern in informellen Kommunikationssituationen in einem gemischten Kode, dem „Alt-Suržyk“ zu sprechen.

Die zweite Variante des gemischten Kodes, der „Neu-Suržyk“, ist jüngeren Ursprungs. Er entwickelte sich bei Sprecherinnen und Sprechern, die sich hauptsächlich des Russischen bedienten, sich aber aufgrund der ukrainischen Sprachpolitik ab 1990 zumindest partiell dem Ukrainischen zuwenden mussten. „Der Neu-Suržyk hat somit entweder eine russische Basis oder zumindest einen viel größeren russischen Anteil, und ist – aufgrund der Siedlungsgeschichte – sehr wahrscheinlich neben dem Alt-Suržyk im Süden der Ukraine zu erwarten“, erläutert Tilmann Reuther.

Die österreichisch-deutsche Forschergruppe geht mit einer Reihe ukrainischer Projektpartnerinnen und -partner nun der Frage nach, ob eine linguistische Differenzierung zwischen zwei gemischten Kodes auf Basis eng verwandter Gebersprachen möglich ist. Von Bedeutung sind dabei der sprachbiographische Hintergrund der Sprecherinnen und Sprecher und soziodemographische Besonderheiten der Region.

Der methodische Zugang des Projekts besteht in einem korpuslinguistischen Ansatz, kombiniert mit analytischen Methoden der quantitativen Variationslinguistik, die mit soziodemographischen Daten korreliert werden. Die individuellen ‚Sprachbiographien‘ werden durch leitfadengestützte Tiefeninterviews erhoben und qualitativ-diskurslinguistisch ausgewertet.

 

Studienangebot am Institut für Slawistik

Das Institut für Slawistik bietet ein Bachelor- und ein Masterstudium an. Hier können Studierende unter den angebotenen Sprachen Bosnisch/Serbisch/Kroatisch, Russisch und Slowenisch auswählen (eine Schwerpunktsprache sowie Grundkenntnisse in einer zweiten slawischen Sprache). Darüber hinaus können Studierende das Lehramtsstudium Slowenisch sowie ein Erweiterungscurriculum Slawistik wählen. Mehr Informationen