Hans Karl Peterlini: „Im schriftlichen Austausch sind höhere Präzision und gedankliche Schärfe gefordert. Das ist ein Gewinn.“

Hans Karl Peterlini ist Universitätsprofessor für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Interkulturelle Bildung am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung. Seit Jänner 2020 ist er Prodekan der Fakultät für Kulturwissenschaften. Die Maßnahmen aufgrund der aktuellen COVID-19-Pandemie (Corona) machen es derzeit nötig, auf Präsenzlehre zu verzichten und die Lehre digital durchzuführen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen und gefragt, wie er die derzeitige Situation meistert.

Wie geht es Ihnen im Home-Office?
Die Gefühle sind gemischt. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Universität habe ich einen privilegierten Status, der Großteil meiner Arbeit lässt sich tatsächlich gut über Home-Office abwickeln. Der Austausch mit Kolleg*innen, die Arbeit an wissenschaftlichen Beiträgen und Konzepten, das alles kann ich auch zuhause erledigen. In der Lehre durchlebe ich einen Lernprozess: Der Austausch mit Studierenden in einem Seminar, interaktive Herangehensweisen, diskursive Reflexionsprozesse in der Gruppe, all das soll nun über Online-Medien abgehalten werden. Ich muss zuschauen, dass sich das einigermaßen retten lässt.

Welche Programme oder digitalen Lösungen nutzen Sie, um mit Ihren Studierenden in Kontakt zu bleiben? Auf welche eLearning Methoden setzen Sie?
Ich habe von Lehrveranstaltung zu Lehrveranstaltung – dero vier pro Semester – überlegt, welche Kanäle ich nutze. In einem Seminar arbeiten wir mit Texten, die in Gruppen interaktiv aufgearbeitet und inszeniert werden. Hierfür eine Online-Lösung zu finden, war schwierig. Wir haben es so organisiert, dass die Gruppenarbeit online erledigt werden kann und eine grafisch-visuelle Umsetzung des Textes erstellt werden soll. Zugleich werden zwei Schlüsselzitate herausgesucht und im Forum mit Fragen zur Diskussion gestellt. Das geht auf Moodle recht gut.
In einem anderen Seminar arbeite ich mit phänomenologischen Beobachtungen, die Studierende in pädagogischen Feldern machen. Diese werden dann im Seminar besprochen und auf Verstehensmöglichkeiten hin ausgelotet. Nun machen die Studierenden diese Beobachtungen im ihnen zugänglichen Ausschnitt Lebenswelt. Die Beobachtungen untersuchen wir auf sozialisatorische Einflüsse durch die Covid-19-Regelungen. Technisch passt hier ein Webinar recht gut, mit Zoom können die Beobachtungsprotokolle (kurze Vignetten) eingeblendet werden, dann werden dazu Fragen gestellt und Verstehenszugänge besprochen. Eine interessante Möglichkeit ist auch, dass die Studierenden Videos machen.

Vor welche Herausforderungen waren Sie bei der Umstellung von der klassischen zur digitalen Lehre gestellt?
Es geht sicher vieles verloren. Ich bin leibphänomenologisch orientiert, das heißt, dass für mich das, was in einem Seminar passiert, nicht nur über verbale Artikulation und kognitives Erfassen läuft, sondern auch eine Wahrnehmung, die alle Sinne, auch das Hineinfühlen in Situationen, einschließt. Eine weitere Schwierigkeit sind die Studienprojekte, aber auch da helfen wir uns damit, dass wir das Problem zum Thema machen: die Studierenden wenden phänomenologische Beobachtungsmethoden und Methoden der Aktionsforschung in den ihnen zugänglichen Bereichen an, und zwar zum Thema „Auswirkungen der Corona-Krise auf menschliche Beziehungsgestaltungen“. Das geht vom Einkaufen über das Grüßen bzw. Ausweichen auf der Straße bis hin zur Familienforschung. Und natürlich tut sich auch der Bereich des ins Elternhaus verlegten Unterrichts für die Lehr-Lernforschung auf.

Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Unterschiede, wenn man offline oder online unterrichtet?
Ich ermüde online schneller als im Seminarraum oder im Hörsaal. Die Arbeit mit Studierenden, der offene Austausch, das Sich-Aufeinander-Einlassen gibt mir Kraft, der Bildschirm nimmt mir eher Energie. Ich merke, dass früher Pausen gemacht werden müssen, dass es nicht so sprüht. Manches geht auch besser: Die schriftlichen Forum-Beiträge im Moodle sind beispielsweise präziser, punktueller und tiefgehender als Debatten im Seminarraum. Dort kann man sich in Alltagsanschauungen verlieren, im schriftlichen Austausch sind höhere Präzision und gedankliche Schärfe gefordert. Das ist ein Gewinn.

Haben Sie selbst Erfahrungen mit selbstgesteuertem, digitalem Lernen?
Mein Lernverständnis ist, dass ich nur lernend lehren kann. Erfahrungen mit E-Learning-Tools habe ich jetzt mehr als früher. Ich lerne immer im Lehren. Diesmal ging es darum, den Stier, dem ich eher ausweichen wollte, bei den Hörnern zu packen.

E-Learning bietet viele Chancen. Welche Grenzen sehen Sie bei der Online-Lehre?
Das, was wir in der phänomenologischen Pädagogik „Leiblichkeit“ nennen, kommt zu kurz. Online-Kommunikation ist entleiblicht, es ist schwerer zu fühlen, was die andere Person fühlt oder meinen könnte. Das Ungesagte hinter dem Gesagten, das Verdrängte hinter dem Vordergründigen zu erahnen, ist für mich in der Lehre sehr wichtig. Salopp gesagt: ich lehre nicht nur mit Kopf und Mund, sondern auch mit dem Bauch, mit dem, was ich als Raumklang wahrnehme. Diese Dimension kommt mir online abhanden.

Zur Person

Hans Karl Peterlini ist seit September 2014 Universitätsprofessor für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Interkulturelle Bildung am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung. Hans Karl Peterlini absolvierte 2006 das Studium der psychoanalytischen Erziehungswissenschaft sowie das psychotherapeutische Propädeutikum an der Universität Innsbruck. Zuvor war er Chefredakteur und Herausgeber gesellschaftspolitisch orientierter Medien in Südtirol sowie Autor zahlreicher Studien zu Mehrheits-Minderheiten-Fragen, Gewaltdynamiken und Prozessen des Zusammenlebens in historisch belasteten und ethnisierten Gesellschaften am Beispiel Südtirol. 2010 promovierte er an der Freien Universität Bozen. Vier Jahre später habilitierte Peterlini an der „School of Education“ der Universität Innsbruck. Von 2011 bis 2014 war Hans Karl Peterlini im Innsbrucker Forschungszentrum „Bildung-Generation-Lebenslauf“ und als Forschungsmitarbeiter der Freien Universität Bozen in Schul- und Migrationsprojekten tätig.


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