Freiwillige Fluktuation in der (Intensiv-)Pflege: Geld allein wird das Problem nicht lösen!

„Es gibt nicht das Problem und die Lösung. Das Problem ist vielschichtig, genauso wie die Lösungen“, so Tanja Lesnik. Die Doktorandin untersucht, warum Intensivpflegekräfte ihren Beruf freiwillig verlassen. Ihre Erkenntnisse zeigen: „Allein an der Schraube Gehalt zu drehen, löst das Problem noch lange nicht.“

Wollen wirklich so viele Pflegekräfte aus dem Beruf aussteigen?

Es ist ganz gut belegt, dass die Zahl der Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegekräfte, die den Pflegeberuf verlassen, im globalen Kontext seit Jahren ansteigt und somit auch zum globalen Pflegepersonalmangel beiträgt. Der International Council of Nurses und die WHO sowie diverse Wissenschaftler:innen untersuchen die Facetten dieses Problems seit Jahren. Die Zahlen, die man zur globalen Fluktuation von diplomierten Gesundheits- und Pflegekräften in der wissenschaftlichen Literatur findet, sind leider sehr heterogen. Es kommt vor allem darauf an, was gemessen wird. Es ist aber sehr wichtig, Langzeiterhebungen über die freiwillige und unfreiwillige Fluktuation im gesamten Pflegebereich durchzuführen, da nur dann eine umfassende Einschätzung des Problems möglich ist. Was die wissenschaftliche Literatur zeigt, ist, dass sich die Fluktuationsabsicht von Intensivpflegekräften seit Covid-19 weiter verschärft hat, da sich bereits bestehende Probleme durch die Pandemie verschlechtert haben (z.B. strukturelle Rahmenbedingungen, Verhältnis von Pflegekraft zu Patienten, Überstunden, Einspringen etc.). Hierbei ist es allerdings wichtig, zwischen Absichten und tatsächlicher Fluktuation zu unterscheiden.

Sie beschäftigen sich mit dem Bereich der Intensivpflege. Was ist dort besonders?

Die Pflegekräfte in dem Umfeld müssen eine hohe fachliche Kompetenz aufweisen und sich auch einer aufwändigen Ausbildung unterziehen. Hinzu kommen der hohe moralische Stress und diverse ethische Herausforderungen, die auftreten, wenn Menschen in einer kritischen Phase medizinisch und pflegerisch betreut werden müssen. In diesem Bereich der Pflege können kleine Fehler letale Auswirkungen haben. Auch die strukturellen Rahmenbedingungen in (öffentlichen) Krankenanstalten erzeugen Druck. Es sind viele Faktoren, die den Wunsch und die Entscheidung auszusteigen, auslösen. In der qualitativen Interviewstudie, in der ich ehemalige Intensivpflegekräfte zum Thema freiwillige Fluktuation befragt habe, haben mir Interviewpartner:innen z.B. gesagt: „Mir ist das zu viel geworden, ich habe das nicht mehr ausgehalten. Dies Betreuung von einem Intensivpatienten war für mich unter solchen Bedingungen nicht mehr machbar.“

Verlassen diese Personen dann komplett den Pflegeberuf oder nur die Intensivpflege oder das Krankenhaus?

Das ist ganz unterschiedlich. Die Hälfte meiner Interviewpartner:innen hat den Pflegeberuf komplett verlassen. Die anderen wechselten lediglich den Fachbereich. Interessant war in der Auswertung jedoch, dass mehr als die Hälfte der befragten Personen eine Rückkehr auf die Intensivstation eindeutig ablehnten.

Welche Faktoren sind verantwortlich, wenn jemand den Beruf verlässt? Reicht es, mehr zu bezahlen?

Das hören und lesen wir immer in den Medien: Die Pflege ist zu schlecht bezahlt. Wir brauchen mehr Geld. Ich möchte dies nicht leugnen, da vor allem Verbesserungen am Grundgehalt sinnvoll wären. Sie wird aber von den Intensivpflegekräften nicht als Hauptgrund für ihren Verbleib angeführt. Mir ist daher wichtig zu betonen, dass die treibenden Kräfte, die Pflegepersonen im Intensivbereich halten, vielschichtig sind und genau unter die Lupe genommen werden müssen. Daher ergeben sich auch multiple Bindungsfaktoren, allein an der Schraube Gehalt zu drehen und sonst nichts zu ändern, ist kein nachhaltiger Weg.

Wo sind die Ursachen zu finden?

Auf allen Ebenen: Wir müssen uns die individuelle Perspektive der Pflegefachkraft genau anschauen. Außerdem müssen wir uns fragen, welche Faktoren auf der organisationalen Ebene relevant sind und die freiwillige Fluktuation fördern. Auch gesundheitspolitische Aspekte und Entscheidungen spielen in dieser Problematik eine Rolle.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Intensivpflegekräfte absolvieren eine umfassende Ausbildung, die weit über die Basisausbildung hinausreicht. Sie zeigen daher große Bereitschaft, neues Wissen zu erwerben und sich Herausforderungen zu stellen. Sind sie aber dann auf der Station tätig, bekommen sie oft zu wenig attraktive Möglichkeiten, sich – auch karrieretechnisch – weiter zu entwickeln. Das passt für viele nicht zusammen. Hier bräuchte es attraktivere Weiterbildungsmöglichkeiten, die dann auch von der Institution genutzt und entlohnt werden. Außerdem entscheiden sich die meisten für den Beruf, weil sie gerne direkt mit Patient:innen arbeiten. In der Realität zeigt sich aber häufig, dass oft nur wenig Zeit für die pflegerischen Tätigkeiten an der einzelnen Patient:in bleibt und individuelle bedürfnisorientierte Pflege für Pflegekräfte aufgrund von strukturellen Rahmenbedingungen oft nur schwer möglich ist.

Sie haben bereits ethische Herausforderungen angesprochen. Welche Aspekte spielen hier eine Rolle?

Auf Intensivstationen müssen folgenreiche Entscheidungen getroffen werden, und es kommt immer wieder zu fehlgeleiteten Entscheidungen am Lebensende der Patient:innen. Viele Pflegekräfte sagen, dass sie mit diesen Entscheidungen nicht konform gehen. Auch wenn es manchmal eine gut funktionierende Abstimmung im Team gibt, ist die Stimme der Pflege aufgrund der Hierarchie im Krankenhaus etwas leiser als die der Medizin. Diese Strukturen sind für die heutigen Standards eher ein Hindernis als förderlich. Entscheidungen sollten daher flächendeckend im intradisziplinären Team getroffen werden.

Wie geht es den Intensivpflegekräften nach ihrer Zeit auf der Station? Welche Kompetenzen nehmen diese Personen mit?

Zweifellos lernt man als Intensivpflegekraft das Setzen von Prioritäten. In einem 12-Stunden-Dienst muss man durchgehend priorisieren, da man lebenswichtige Entscheidungen treffen muss. Wenn man dann aus dem Beruf aussteigt, erscheint vieles außerhalb der Station relativiert. Man ist ruhiger und entspannter, weil man weiß, was es bedeutet, wenn es wirklich akut wird. Und selbst wenn es akut wird, hat man gelernt, Ruhe zu bewahren.

Was kann die Gesundheitspolitik tun, um dem Personalmangel in der Pflege entgegenzuwirken?

Die Herausforderung ist groß. Laut der Bedarfsprognose vom BMSGPK und der GÖG Österreich brauchen wir alleine im österreichischen Gesundheitssystem bis zum Jahr 2030 76.000 zusätzliche Pflegekräfte (inklusive derjenigen, die durch Pensionierungen etc. zu ersetzen sind). Man muss daher klar etwas tun, um einerseits neue Personen für den Beruf zu gewinnen und andererseits diejenigen, die bereits im Beruf sind, zu halten. Wenn Pfleger:innen nach 20 Jahren das Krankenhaus verlassen, geht sehr viel Wissen und Erfahrung verloren, hier bräuchte es auch Ansätze, um dieses Wissen greifbar zu machen und nicht zu verlieren. In der Betriebswirtschaftslehre nennen wir solche Ansätze “Knowledge Management“. Das bringt sowohl ökonomische als auch qualitative Konsequenzen mit sich. Die Pflegequalität und damit auch die Patient:innen leiden dann als erstes unter diesen Verlust.

Kann man die pflegerischen Ressourcen, die da sind, noch besser nutzen?

Ja, die Ressourcen unserer Pflegekräfte werden nicht zur Gänze genutzt. Wenn man in die skandinavischen Länder blickt, sieht man, dass vor allem im extramuralen (außerklinischen) Bereich Ressourcen und Kompetenzen von Pflegefachkräften umfassender genutzt werden, die dann wiederum den intramuralen (innerklinischen) Bereich entlasten. Natürlich gibt es feine Unterschiede in der Grundausbildung, aber hierfür bräuchte es nur minimale rechtliche Anpassungen auf gesundheitspolitischer Ebene. Zudem könnte durch Weiter- und Fortbildungsangebote, die vor allem auch den Einsatz der Pflege im präventiven, kurativen und palliativen Bereich außerhalb der Krankenanstalten fördern, viel gemacht werden. Wir haben top ausgebildete Pflegekräfte, die sehr viel mehr können, als von der Gesellschaft angenommen wird. Im Intensivpflegebereich können Pfleger:innen im kurativen Bereich viel eigenständig machen; dennoch wünschen sich viele beispielsweise eine Weiterbildung in der Wundpflege oder Palliativpflege, die jedoch vielerorts nicht ermöglicht werden kann. Auch dafür gibt es diverse Gründe. Ich möchte also sensibilisieren: Es gibt diverse Ursachen für die jetzigen und zukünftigen Herausforderungen in Bezug auf den Pflegemangel. Daher ist die Ausbildungsumstellung (z.B. Akademisierung) definitiv nicht „Schuld“ an dem Personalmangel, den wir in der Pflege haben und noch haben werden.

Sie sind selbst Intensivpflegekraft und haben den Beruf verlassen. Warum sind Sie diesen Weg gegangen?

Während meiner Arbeit auf der Intensivstation habe ich das Masterstudium Betriebswirtschaft an der Universität Klagenfurt belegt. Durch meine jahrelange Praxiserfahrung habe ich Einblicke in die Dinge, die wirklich sehr gut funktionieren, aber auch in die Probleme gewonnen, die ich in meiner Position als Intensivpflegekraft nicht adressieren konnte. Daher entschied ich mich für den Weg in die Wissenschaft, um spezifische Problemstellungen bearbeiten zu können. Die Kombination von beiden Bereichen war leider nicht möglich: Dafür hätte ich mich „zerreißen“ müssen.

Was möchten Sie erreichen?

Wir haben, verglichen mit anderen globalen Systemen, ein sehr gutes Gesundheitssystem, und ich fände es verheerend, wenn es durch die Probleme, die ja bearbeitet werden können, einen unheilbaren Schaden erleiden würde und die Betreuungs- und Behandlungsqualität weit unter dem heutigen Standard fallen würde. Optimierungsmaßnahmen sind vor allem auf der gesundheitspolitischen Ebene, aber auch auf den organisationalen Ebenen, die ja gesundheitspolitisch stark abhängig sind, notwendig. Und zum Erhalt eines guten Gesundheitssystems möchte ich einen Beitrag leisten.

Zur Person



Tanja Lesnik ist seit Juli 2022 Universitätsassistentin am Institut für Öffentliche Betriebswirtschaftslehre. Sie hat 2015 die Schule für Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege am Universitätsklinikum Graz abgeschlossen. Danach nahm sie das Bachelorstudium für Gesundheits- und Pflegemanagement an der FH Kärnten auf. Von 2015 bis 2022 war sie als Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin im Langzeit- als auch im Intensivpflegebereich tätig. Von 2018 bis 2021 absolvierte sie das Masterstudium für Betriebswirtschaft und fokussierte sich währenddessen schon auf die Herausforderungen im öffentlichen Gesundheitswesen.