Weibliche Begriffe in der ukrainischen Sprache: Olena Synchak geht in MSCA4Ukraine-Projekt auf historische und politische Spurensuche

Die wechselhafte ukrainische Geschichte mit den immer wiederkehrenden Interventionen des Russischen spiegelt sich auch in ihrer Sprache wider. Die ukrainische Linguistin Olena Synchak untersucht nun, wie dies anhand von femininen Bezeichnungen zum Ausdruck kommt. Gefördert wird sie dabei durch hochkompetitiv eingeworbene Mittel mit einem MSCA4Ukraine Postdoctoral Fellowship durch die Europäische Kommission. Im Interview spricht sie über den Wandel ihrer Sprache – und wie dieser auch in berührenden Geschichten von Ukrainerinnen zum Ausdruck kommt.

Wie hält es das Ukrainische mit der geschlechterinklusiven Sprache? Sprechen Sie von Lehrerinnen und Lehrern, von Lehrer:innen, oder nur von Lehrern und meinen damit die Lehrerinnen auch mit?

Wir sehen hier regionale Unterschiede. Ich komme aus dem Westen der Ukraine, wo wir weniger Einflüsse des Russischen hatten als in den anderen Teilen des Landes. Für mich war die gleichzeitige Verwendung der femininen Form immer natürlich. Wenn ich aber mit Menschen im Zentrum oder im Osten der Ukraine spreche, nehme ich wahr, dass sie eher dazu tendieren, eine andere Wahrnehmung femininer Begriffe und des generischen Maskulinums zu haben. In meiner Forschung möchte ich nun also beleuchten: Woher stammt dieser Unterschied? Welchen Einfluss haben multikulturelle Kontexte, wie sie im Westen stärker sind, und welchen Einfluss hat die sowjetische Sprachpolitik?

Wie gehen Sie dabei vor?

Vorwiegend führe ich aktuell Interviews mit meist älteren Frauen in zwei Städten. Die eine Stadt ist L‘viv in der Westukraine, in deren Nähe ich aufgewachsen bin und wo ich auch studiert habe. L‘viv ist von dem Einfluss vieler verschiedener Kulturen geprägt: Als Lemberg war sie Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie mit damals wie heute starken polnischen, jüdischen und ukrainischen Gemeinschaften, die miteinander leben. Gleichzeitig forsche ich auch in München. Vor und während des Zweiten Weltkriegs zogen viele Westukrainer:innen nach München. Sie etablierten dort eine starke Gemeinschaft – auch mit Kirchen und Samstagsschulen und sogar die Ukrainische Freie Universität  – und unterstützten einander. Diese Menschen haben die vor-sowjetische ukrainische Sprache, die sie vor 80 Jahren nach München mitgenommen haben, stärker erhalten als anderswo. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten ukrainischen Flüchtlinge in München Frauen, deren Ehemänner an der Front gefallen oder unter der sowjetischen Herrschaft verfolgt worden waren. Es gelang ihnen, in München Frauenorganisationen zu gründen, um ukrainische Flüchtlinge zu unterstützen. Ich recherchiere derzeit in den Archiven dieser Organisationen aus den 1940er- und 1950er-Jahren und bin absolut beeindruckt von ihrem Aktivismus und der Sprache, die sie verwendeten. Während der Sowjetzeit stand die ukrainische Sprache in der Ukraine unter starkem Einfluss des russischen Standards, sodass diese Dokumente wertvolle Spuren des vorsowjetischen Ukrainischen bewahren.

Wie weit ist denn die russische Sprache vom Ukrainischen entfernt?

Die ukrainischen und russischen Sprachstandards sind ganz unterschiedlich entstanden. Grob zusammengefasst lässt sich feststellen, dass sich das Ukrainische historisch eher aus dem Gesprochenen entwickelt hat, während das Russische seine Wurzeln eher in der schriftlichen Sprache hat. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass das Ukrainische näher dem Weißrussischen, dem Polnischen, dem Slowakischen und dem Tschechischen ist als dem Russischen. Ich habe das Gefühl, dass das Ukrainische sich ziemlich anders entwickeln hätte können, wenn es weniger ideologische Interventionen während der Sowejt-Zeiten gegeben hätte.

Wie ging und geht man in der Ukraine generell mit dem Einfluss der russischen Sprache um?

In Zeiten der Sowjetunion gab es starke Repressionen, die das Ukrainische betrafen. Beispielsweise gab es lange Listen von Wörtern, die verboten wurden. Öffentliche Stellen, aber auch Medien erhielten diese Listen mit der Aufforderung, diese nicht mehr zu verwenden. Nachdem die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit erlangt hatte, entstand eine Bewegung zur Wiederherstellung von Wörtern, die während der Sowjetzeit verboten worden waren. Es gibt jedoch noch immer keine eindeutigen Beweise dafür, dass weibliche Begriffe zu den verbotenen Wörtern gehörten. Dies versuche ich in meiner Forschung aufzudecken. Heute sehen wir eine starke Bewegung der Entrussifizierung und Dekolonialisierung: Wir ändern beispielsweise die Bezeichnung von Plätzen und Straßen. Das ist in gewisser Weise auch ein symbolischer Weg, das ukrainische Verständnis ihrer Geschichte, Sprache und Kultur zu verteidigen.

Wie ergeht es dabei den weiblichen Bezeichnungen?

Derzeit gibt es einen starken Boom für eine geschlechterinklusive Sprache in der Ukraine. Meistens verwenden die Medien und der Menschenrechtssektor sowohl männliche als auch weibliche Formen. Unser Präsident würdigt häufig sowohl Frauen als auch Männer, darunter weibliche und männliche Soldat:innen. Die Verwendung der weiblichen Form zeigt sich auch im Namen unseres Nationalfeiertags – dem Tag der Verteidiger:innen der Ukraine –, der ausdrücklich beide Geschlechter einschließt.  Damit bildet sich auch eine Realität ab: Es sind zunehmend Frauen an der Front.

Gibt es auch Kritik?

Ja, natürlich, es gibt auch Stimmen, die sagen, dass die Verwendung dieser weiblichen Formen gegen die Logik der ukrainischen Sprache sei. In meiner Forschung stoße ich aber auf Hinweise, die zeigen: Das Feminine in unserer Sprache ist nichts Neues, sondern hat lange Tradition, die nur unterbrochen wurde.

Wie wird denn das Weibliche im Ukrainischen sichtbar? Mit einem Suffix, wie das im Deutschen meist der Fall ist?

Ja, wir verwenden auch Suffixe. Wir haben aber nicht wie im Deutschen ein Suffix, sondern wir haben ungefähr zwanzig davon. Es ist für die Sprecher:innen und Schreiber:innen des Ukrainischen nicht so einfach zu entscheiden, welches man verwenden muss. Besonders wenn neue Begriffe auftauchen,  ist das ein Aushandelungsprozess. Bei Berufsbezeichnungen gab es immer wieder Diskussionen darüber, ob die Abwandlung des Nomens nicht dazu führt, dass beispielsweise die weibliche Ärztin als weniger professionell wahrgenommen wird als der männliche Arzt. Wir haben also viel Diskussion darüber.

Wie schafft man hier Klarheit?

Ich verstehe mich ja schon seit jeher als angewandte Linguistin. Ich habe also viel Freude daran, faszinierende Theorie im echten Leben anzuwenden und zu schauen, wie Lösungen funktioniereb. Als ich während meiner akademischen Laufbahn auf die Gender Studies gestoßen bin, habe ich viel von meinem Wissen in meine Rhetorikkurse und Kurse zu akademischem Schreiben eingebaut. Und dann merkte ich: Ich werde dauernd gefragt, wie man in einem konkreten Fall die weibliche Form kreiert. Menschen schrieben mich auf allen möglichen Kanälen an. Dann dachte ich mir: Ich bin kein Wörterbuch. (lacht) Aber ich sollte eines machen. So habe ich ein elektronisches Wörterbuch mit rund 2.000 Begriffen erstellt, das erste Wörterbuch weiblicher Begriffe im Ukrainischen, veröffentlicht im Jahr 2022 auf der r2u.org.ua-Plattform.

Wenn Sie Menschen interviewen, bekommen Sie auch viele Geschichten zu hören. Was lernen Sie aus diesen Geschichten?

Die Leben dieser Menschen sind eng mit ihrer Sprache verknüpft. Politische und ideologische Einflüsse werden dadurch sichtbar, wie diese Menschen sprechen. Wir sehen beispielsweise in München auch die Veränderungen über Generationen hinweg, wo auch das Deutsche einen Einfluss auf ihre Sprache hatte. Mich beeindruckt auch, wie die Gemeinschaft der Ukrainerinnen damals wie heute in München aufgestellt ist und sich gegenseitig stark unterstützt. Und wie sie es geschafft haben, ihre Sprache 80 Jahre lang in der Diaspora zu bewahren und an ihre Kinder und Enkel weiterzugeben. In L‘viv haben mich besonders die Gespräche mit Menschen beeindruckt, deren Familien während der Herrschaft Stalins wegen ihrer pro-ukrainischen Haltung nach Sibirien deportiert worden waren. Es war nicht ungewöhnlich, dass Familien im Exil auseinandergerissen wurden, dass Kinder ihren Müttern weggenommen und in einem russischsprachigen Umfeld aufgezogen wurden. Ähnliche Praktiken sehen wir auch heute noch. Als Stalin starb, kehrten diese Kinder in die Ukraine zurück, wo sie es schwer hatten, weil sie Russisch sprachen. Gleichzeitig durften sie als Kinder sogenannter „Volksfeinde” nicht den Pionieren beitreten. Heute sprechen sie perfekt Ukrainisch, aber sie streuen immer noch russische Wörter oder Redewendungen in ihre Sprache ein. Diese Fälle zeigen, wie brutal Stalins repressive Politik gegenüber Ukrainer:innen mit pro-ukrainischen Ansichten war, da Kinder aus solchen Familien häufig gezwungen wurden, die russische Sprache zu übernehmen. Die Sprache derjenigen, die dies in ihrer Kindheit erlebt haben, trägt auch im Alter noch Spuren dieses sprachlichen Traumas.

 

Zur Person



Olena Synchak ist mit dem Projekt „„Lviv and Munich in the 20th Century: Ukrainian Feminization Practices in Multilingual Contexts with a Focus on Language Change“ MSCA4Ukraine Postdoctoral Fellow (Marie Skłodowska Curie Actions for Ukraine, EU Horizon Europe) am Institut für Slawistik der Universität Klagenfurt. Sie wird dabei von Ursula Doleschal als Mentorin unterstützt. Das Projekt läuft von Juli 2025 bis Juni 2027. MSCA4Ukraine wurde von den Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen finanziert, einem speziellen Programm der Europäischen Kommission zur Unterstützung von vertriebenen Forscher:innen aus der Ukraine, damit diese ihre Arbeit in Europa sicher fortsetzen können. Im Jahr 2024 gab es 500 Bewerbungen aus allen Wissenschaftsbereichen für 50 verfügbare Plätze.
Olena Synchak hat in L‘viv Linguistik, Cultural Studies und Gender Studies studiert und dort auch promoviert. Neben ihrer Forschungstätigkeit in Klagenfurt lehrt sie als assoziierte Professorin nach wie vor ukrainisches wissenschaftliches Schreiben an der Ukrainian Catholic University in L‘viv.