Gizicki-Neundlinger Michael | Foto: KK

„Die jetzigen Profiteure müssen aufhören zu profitieren“

Michael Gizicki-Neundlinger hat eine Fallstudie zur Landwirtschaft rund um das niederösterreichische Schloss Grafenegg in den 1830er Jahren durchgeführt. Das daraus gewonnene Wissen ließe sich, so der Sozialökologe, auch für eine Einschätzung der gegenwärtigen, globalen Landwirtschaft nutzen.

Unzählige Stunden hat Michael Gizicki-Neundlinger im Staatsarchiv verbracht, wo Unterlagen aus dem Schloss Grafenegg lagern, die im Rahmen einer Stiftung an den Staat transferiert wurden. Eine bisher unbearbeitete Quelle ist das Naturalhauptbuch, ein „riesiges Bilanzierungstool“ aus den 1830er Jahren. Gizicki-Neundlinger hat diese handschriftlich verfassten Listen digitalisiert, in denen die gesamten Wirtschaftsjahre von Schloss Grafenegg in physischen Einheiten, wie beispielsweise Getreidebüscheln, dargestellt sind. Diese historische Beschäftigung mit dem Herrschaftsarchiv in Verbindung mit dem Franziszeischen Kataster, einem Art Grundbuch, ermöglichte es ihm, für seine Dissertation einen Vergleich zwischen verschiedenen sozioökonomischen Gruppen dieser Zeit zu ziehen. Damals stand die grundherrschaftliche Landwirtschaft im Gegensatz zu der kleinbäuerlichen, untertänigen Arbeit der Bauern. Erst nach der Revolution 1848 begannen Bauern mehr oder weniger frei über Grund und Boden zu verfügen. Das Interessante daran, so Gizicki-Neundlinger: „Wir können daraus sehr viel über heutige Konstellationen zwischen Arm und Reich lernen.“ Seine Fallstudie ist dabei eingebettet in ein internationales Forschungsprojekt zur langfristigen Entwicklung landwirtschaftlicher Systeme unter der Österreich-Leitung von Fridolin Krausmann am Institut für Soziale Ökologie.

Wie war es nun um die Landwirtschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestellt? „Die riesigen grundherrschaftlichen Betriebe haben agrarökologisch gut funktioniert. Sie waren an die lokalen Verhältnisse angepasst; und in vielerlei betrieben sie sogar so etwas wie relativ nachhaltige Landwirtschaft“, erklärt Gizicki-Neundlinger. Mit einem entscheidenden Fehler: Vieles ging auf Kosten der kleinstrukturierten Agrarwirtschaft. Der Sozialökologe hat die sogenannten Nachhaltigkeitskosten von Ungleichheit in seiner Arbeit aufgezeigt. In diesen vorindustriellen Systemen war die Ungleichheit relativ hoch, so stand die Ressource Land nur einer Elite zur Verfügung. Die kleinen Bauern waren prekarisiert, weshalb sie in eine Situation gedrängt wurden, in der sie kaum agrarökologisch nachhaltig arbeiten konnten. Konkret werden die Effekte, so zeigen die Ergebnisse, am Beispiel der Bodenfruchtbarkeit: „Wir konnten nachvollziehen, dass die Kleinen, die ohnehin am Existenzminimum schrammen, auch die größten Probleme mit der Bodenfruchtbarkeit bekommen, weil sie von bedeutenden Nährstoffreservoirs im System abgeschnitten sind“, erläutert Gizicki-Neundlinger. Errechnet wurde dies gemeinsam mit Dino Güldner mit der Methode der Nährstoffbudgets.

Ungleichverteilung von landwirtschaftlicher Fläche und Produktion werfe also große Probleme auf, so die Schlussfolgerung. Michael Gizicki-Neundlinger betont die Notwendigkeit, daraus zu lernen: „Die Lage im globalen Süden zeigt uns wieder ähnliche Strukturen auf: Große Konzerne übernehmen Land, kleine Bauern sind die Verlierer des Systems.“ Spricht man mit Gizicki-Neundlinger, wird die soziale Komponente seiner Arbeit deutlich. Er sucht die Schnittstelle zur Praxis und will nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs, der „häufig zu viel auf sich selbst referiert“, verharren. Es müsse sich etwas ändern. Und um das zu erreichen, brauche es eine gerechtere Verteilung der landwirtschaftlichen Ressourcen: „Die jetzigen Profiteure müssen aufhören zu profitieren“, so der junge Wissenschaftler. Darin innewohnend ist auch Radikalität: Blickt man vor dem Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung auf die Ernährungssicherheit, werde rasch klar, dass der Hunger nicht von selbst verschwinden werde. Die Landwirtschaft der Zukunft brauche also ein Lernen aus dem Vergangenen. Weiterlernen möchte auch Michael Gizicki-Neundlinger: Nach Abschluss seines Doktoratsstudiums in ein paar Wochen ist sein weiterer beruflicher Werdegang noch offen. Ernährungssicherheit und -souveränität werden für ihn aber weiter wichtige Themen bleiben. Ob in der Wissenschaft oder in einem (Non-Profit-)-Unternehmen: Für den jungen Vater ist es prioritär, dort zu leben, wo seine Familie lebt und seine Arbeit in den Dienst einer nachhaltigen Gesellschaft der Zukunft zu stellen.

 

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Auf ein paar Worte mit … Michael Gizicki-Neundlinger

Was hätten Sie in den letzten Jahren gemacht, wenn Sie nicht Wissenschaftler geworden wären?

Ich hätte wohl versucht, meine zweite große Leidenschaft zu verfolgen: den Musikjournalismus.

Verstehen Ihre Eltern, woran Sie arbeiten?

Gerade in den interdisziplinären Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaften ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, konsequent gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen. Und das kann nur gelingen, wenn man immer wieder auf allzu wissenschaftliches Jargon verzichtet und die Menschen direkt anspricht. Insofern bin ich gerne mit meinem engeren Umfeld in Austausch, was meine Forschung betrifft.

Was machen Sie im Büro morgens als erstes?

In den letzten Monaten habe ich mich gleich morgens hingesetzt, um an meinen Publikationen zu schreiben. Da ich ein Morgenmensch bin, nütze ich so meine Energie am besten.

Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an die Arbeit zu denken?

Ja, mit Abschalten hab ich – glücklicherweise – kein Problem.

Was bringt Sie in Rage?

Gut versteckte Rechenfehler in meiner Datenbank.

Und was beruhigt Sie?

Zeit mit meiner jungen Familie zu verbringen.

Wer ist für Sie die größte WissenschaftlerIn in der Geschichte und warum?

Mit Sicherheit der leider 2016 verstorbene Umwelthistoriker Rolf-Peter Sieferle. Seine umfassenden und auch leicht zugänglichen Einblicke in die gemeinsame, von vielen Wechselwirkungen geprägte Geschichte von Natur und Gesellschaft haben meine Arbeit sicher stark beeinflusst.

Wofür schämen Sie sich?

Ich bin ein Mensch, der (privat) relativ wenig nach Hinten blickt.

Wovor fürchten Sie sich?

Spinnen aller Art und Größe, was die Arbeit mit historischem Material manchmal nicht gerade erleichtert.

Worauf freuen Sie sich?

Gemeinsam mit meiner wunderbaren Frau unserer kleinen Tochter beim Großwerden zuschauen.