Arbeitskreis akqualiklu | Foto: aau/Müller

„Wir reden mit den Leuten.“: Arbeitskreis für Qualitative Forschung startet mit Veranstaltungsprogramm

Die drei NachwuchswissenschaftlerInnen Irene Straßer, Jasmin Donlic und Julio Brandl haben einen Arbeitskreis für Qualitative Forschung mit dem Titel „AKquali|Klu“ begründet. Ziel ist der Austausch von Wissen und Vernetzung zwischen (u.a. qualitativ arbeitenden) Forscherinnen und Forschern. Der Arbeitskreis lädt bereits im Oktober und im November zu Veranstaltungen bzw. Workshops ein.

Was machen bzw. was können qualitative Forschungsmethoden, was andere nicht können?

Julio Brandl: Kurz zusammengefasst: Wir reden mit den Leuten, es geht vor allem um die intersubjektive Verständigung über einen Gegenstand.

Irene Straßer: Das besondere Potenzial qualitativer Forschungsmethoden liegt im offenen Zugang gegenüber Perspektiven und Sichtweisen. Wir fragen nicht etwas ab, sondern interessieren uns dafür, wie eine Sicht auf die Welt von Grund auf von jemanden erfahren wird. Dabei soll nichts vorausgesetzt sein. Wir wollen wissen: Wie sieht mein Interviewpartner die Welt?

Jasmin Donlic: Qualitative Forschungsmethoden entfalten ihre Wirksamkeit besonders dann, wenn wenig von der sozialen Wirklichkeit sichtbar ist. Wir lassen uns als Forscherinnen und Forscher ein, hören zu, entdecken fremde Lebenswelten durch die Erzählungen von Menschen. Im Zentrum ist der Wunsch, die Zielgruppe des Interesses möglichst zu Wort kommen zu lassen, um subjektive Sichtweisen erfassen zu können, Muster des Umgangs mit sozialen Situationen herauszuarbeiten, um empirisch fundierte Daten zu erhalten und um Modelle und Theorien zu entwickeln.

Wie kann die Sicht von Einzelnen zu objektiven Ergebnissen führen, die Aussagen über viele zulassen?

Irene Straßer: Das kommt darauf an, welchen Objektivitätsbegriff man anlegt. Ich kann glauben, dass ich Objektivität dadurch erziele, dass ich Fragen formuliere, in Bezug auf die sich andere nur einschätzen müssen. Das ist aber für mich nur eine Seite. Eine andere sieht Objektivität in der Betrachtung verschiedener Standpunkte, die nicht durch die Brille eines von mir festgelegten Blicks auf die Welt vordefiniert sind. Wir sprechen zum Beispiel zu einer meist gröberen Fragestellung mit unterschiedlichen Personen mit unterschiedlichen Biographien und in unterschiedlichen Lebenssituationen. Das deckt dann viel ab. Und wenn trotzdem jemand kritisiert, dass das immer nur eine einzelne subjektive Sicht ist, dann erinnere ich mich an etwas, das eine Workshopleiterin, die zu biographischer Fallrekonstruktion arbeitet, mal eingebracht hat: Wenn wir uns ehrlich sind, so besonders und einzigartig sind wir alle auch wieder nicht! Es gibt sehr viele ähnliche, geteilte Sichtweisen und Muster, wie der Einzelne und die Gesellschaft funktionieren. Es ergibt sich also auch aus Einzelfallstudien eine Form von Objektivität.

Julio Brandl: Schon während der Gespräche versucht man ja, solche Muster zu erkennen. Und das Besondere an den qualitativen Methoden ist, dass man gleich nachfragen kann, wenn etwas unklar ist. Der Interviewpartner oder die Interviewpartnerin kann sich viel umfassender erklären. So lassen sich mehr Facetten aufzeigen, indem man tiefer in die Materie eindringt.

Nun haben Sie den Arbeitskreis für Qualitative Forschung an der Alpen-Adria-Universität gegründet. Wie ist es dazu gekommen?

Jasmin Donlic: Irene Straßer und ich hatten uns unabhängig voneinander zum Berliner Methodentreffen angemeldet und uns im Vorfeld in einem Gespräch am Gang darüber ausgetauscht. Dabei haben wir festgestellt, dass es eigentlich auch vor Ort eine interdisziplinäre und gebündelte Plattform brauchen würde, um Expertise über qualitative Forschungsmethoden zu verorten und auch sichtbar zu machen. Wir wollen vor allem vernetzen, um es Forscherinnen und Forschern zu ermöglichen, über auftauchende Fragen bei der eigenen Arbeit zu sprechen und auch interessierten Studierenden eine Plattform bieten, um sich über qualitative Forschung zu informieren oder daran zu arbeiten. Deshalb haben wir an der KUWI-Fakultät den Arbeitskreis gegründet.

Braucht die qualitative Forschung einen solchen Arbeitskreis?

Irene Straßer: Ich glaube schon. An der AAU gibt es viele, die mit verschiedenen Zugängen und Methoden qualitativ forschen. Man weiß aber wenig darüber, wie Kolleginnen und Kollegen an anderen Instituten oder Fakultäten arbeiten und wen man fragen könnte, wenn man mehr zu einem bestimmten Ansatz erfahren möchte. Wir wollen nichts Neues erfinden, sondern Vorhandenes bündeln, sichtbarer machen und die Vernetzung fördern. Auch das Veranstaltungsangebot, das da ist, soll zugänglicher gemacht werden.

Wie verhält sich dies zu quantitativen Forschungsmethoden?

Julio Brandl: Die qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden werden oftmals einander gegenübergestellt. Dieses Dichotomisieren wollen wir aber eigentlich nicht. Vielmehr ist qualitative Forschung notwendig, um durch einen exploartiven Zugang Theorie aufzubauen. Es ist unser Anspruch, den interdisziplinären und integrativen Charakter in den Mittelpunkt zu stellen. Viele qualitative Methoden – sei es die Inhaltsanalyse, die Grounded Theory oder die Diskursanalyse, haben auch Gemeinsamkeiten deshalb lohnt sich auch der Austausch zwischen jenen, die in einzelnen Ansätzen Expertinnen und Experten sind, seien sie hier an der AAU beschäftigt oder anderswo. Außerdem gibt es auch gemischte Zugänge, also qualitative und quantitative Forschung in einer Triangulation, also in einer verbindenden Art und Weise.  Diese Mixed-Methods Ansätze werden aktuell vermehrt auch in der Forschung eingesetzt.

Wie steht es um die Akzeptanz qualitativer Methoden im Wissenschaftsbetrieb?

Irene Straßer: Ein Kollege, der innerhalb der Weiterentwicklung von qualitativer Forschung sehr sichtbar ist, erklärt das so: Man kann die Bedeutung qualitativer Methoden als Erfolgsnarrativ erzählen, oder als Marginalisierungsnarrativ. Es gibt viele Ambivalenzen. Einerseits ist in meinem Fach, der Psychologie, das Arbeiten mit quantitativen Methoden klar führend. Aber nebenher werden auch qualitative Ansätze immer wichtiger. Das zeigt sich aktuell auch darin, dass wir die Professur für Methoden am Institut für Psychologie mit einem qualitativen Schwerpunkt ausgeschrieben haben.

Jasmin Donlic: In den Erziehungswissenschaften wird mit qualitativen und quantitativen Methoden  geforscht, am Institut hier gibt es eine Tendenz zu qualitativen Methoden. Ob Interviews, Dokumentenanalyse, Beobachtungsmethoden, Einzelfallanalysen hängt von den Zielsetzungen des jeweiligen Forschungsprojektes ab.

Sie sagen, Ihnen sei Interdisziplinarität wichtig. Wie weit soll diese reichen?

Irene Straßer: Sie reicht durchaus überall dorthin, wo es Projekte gibt, die qualitative Forschungszugänge verfolgen, auch in sehr unterschiedlichen Ausmaßen. Für uns ist es wichtig, offen zu sein, weil wir überzeugt sind, dass man auch vom Wissen aus ganz entgegengesetzten Disziplinen profitieren kann. Das kenne ich auch von Methodentreffen: Durch die Arbeit am Material oder an der Methode erkennt man Gemeinsamkeiten über Fächergrenzen hinweg.

Welche Aktivitäten bietet der Arbeitskreis nun an?

Jasmin Donlic: Wir laden Expertinnen und Experten zu Vorträgen und Workshops ein. Daran können alle teilnehmen: von den Studierenden bis zu den Habilitierten. Dabei sollen sich auch Gruppen bilden können, die unterstützen, wenn es darum geht, gemeinsam Material durchzugehen oder aktuell auftretende Fragen zur Methode zu diskutieren. Besonders den DoktorandInnen fehlt oft dieser Austausch. Wir wollen also mit unserer Arbeit die Vernetzung unter qualitativ Forschenden fördern. Unterstützend ist dabei auch das Peer-Mentoring-Programm der Fakultät für Kulturwissenschaften

Vielen Dank für das Gespräch.               

Aktuelle Veranstaltungen

12. Oktober: Vortrag von Prof. Franz Breuer (Universität Münster) | Reflexive Grounded Theory (16-18 Uhr/E.1.05)

13./14. November: Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussion zu Partizipativer Forschung (Montag, 13 Uhr, Vorträge, Dienstag, 9-16 Uhr Workshops und Podiumsdiskussion, Stiftungssaal)

Alle Infos auch unter www.aau.at/qualiklu
Kontakt: qualiklu [at] aau.at