Überlebensfrage für Öffentlich-Rechtliche Medien: Wer sind die Menschen, für die sie arbeiten?

Sind die öffentlich-rechtlichen Medien in Österreich, Deutschland und in der Schweiz tatsächlich Medien für alle? Dieser Frage gingen Medienwissenschaftler:innen in allen drei Ländern in der Public-Value-Studie nach, die von Larissa Krainer (Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft) und Josef Seethaler (Institut für Vergleichende Medien- und Kommunikationswissenschaften/ÖAW) koordiniert und herausgegeben wurde. Auftraggeber sind die öffentlich-rechtlichen Medien im DACH-Raum; die Studienreihe wird vom ORF verantwortet. Die Ergebnisse wurden kürzlich präsentiert.

„In allen Beiträgen der Studie zieht sich ein roter Faden durch: Weiß der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk überhaupt, wer es ist, für den er Inhalte produziert? Ich halte diese Frage für eine Überlebensfrage. Wir leben heute in einer vielfältigeren, vielleicht fragmentierteren Gesellschaft denn je. Öffentlich-rechtliche Medien werden von der Gemeinschaft dieser vielen Verschiedenen finanziert, und müssen daher auch alle Gruppen abbilden. Damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben, reichen nicht Phantasien darüber aus, sondern öffentlich-rechtliche Medien müssen direkt zu den Bevölkerungsgruppen hingehen“, so Larissa Krainer bei der Präsentation der Ergebnisse der Public-Value-Studie. Besonders herausfordernd sei dabei, dass diese Sendeanstalten oft traditionell sehr bedeutende Institutionen, mitunter auch „Schlachtschiffe“, seien, die erst Wege finden müssen, „um ihre Türen zu öffnen“. „Das Publikum braucht eine Chance, das Programm mitzugestalten“, führt Larissa Krainer weiter aus.

Ein besonderes Augenmerk legt die Studie auf die Repräsentation von armen und armutsgefährdeten Menschen in den Programmen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks in Österreich. Josef Seethaler führt dazu aus: „Eine Polarisierung einer vielfältigen Gesellschaft ist möglich, sie muss aber nicht sein. Öffentlich-rechtliche Medien sind in der hohen Verantwortung, auch jene Gruppen sichtbar zu machen, die sonst häufig am Rand der Gesellschaft gesehen werden.“ Aus einer Vielzahl an Interviews mit Expert:innen und Betroffenen seien Handlungsempfehlungen für die Medien zutage getreten, die Josef Seethaler zusammenfasst: „Drei Aspekte wurden genannt: Weg von einer anlassbezogenen Berichterstattung hin zum Verständnis von Armut und sozialer Ausgrenzung als ein uns alle betreffendes Problem; weg von der Einzelfallperspektive hin zu den strukturellen Ursachen von Armut mit der Nennung von politischen Verantwortlichkeiten; weg von einer Opferrollenperspektive hin zu einem Blick auf Armutsgefährdete als aktive Bürger:innen mit Rechten.“ Häufig sei dabei das Bedürfnis nach einem möglichst breiten Dialog mit den Bürger:innen genannt worden.

Von den Auftraggebern der Studie wünschen sich die Autor:innen, dass die Beiträge nicht nur gelesen werden, sondern Überlegungen dazu angeschlossen werden, was konkret auf die jeweiligen Sendeanstalten übertragen werden kann. Ins Handeln zu kommen – in den Redaktionen und Organisationen, aber auch in den gesetzgebenden Organen – sei gesellschaftlich hoch relevant, denn, so Larissa Krainer und Josef Seethaler: „Nur im permanenten Bemühen um die Inklusion möglichst aller in den öffentlichen Diskurs kann Demokratie gelingen.“

Zur Studie: ORF Public Value – Beitrag

Zum DialogForum (Diskussion der Studienergebnisse): DialogForum: ORF für wirklich ALLE – ORF ON