Monika Kastner und Jasmin Donlic

Bildungsforschung auf dem Weg der Profilbildung

Die Universität Klagenfurt wurde als Hochschule für Bildungswissenschaften gegründet. Bis heute arbeiten viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Thema Bildung – verteilt auf verschiedene Institute und Fakultäten. Nun bemüht man sich, im Sinne einer verstärkten Profilbildung, um den Aufbau einer intensiveren Kooperation. Wir haben mit Monika Kastner und Jasmin Donlic (Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung) über diesen Prozess gesprochen.

Was ist die Ausgangsbasis?

Donlic: In diesem Haus gibt es viele, die zur breiten und inter- bzw. multidisziplinären Bildungsforschung beitragen. Auf dem Weg zur Profilbildung kooperieren Kolleg*innen, u. a. aus den Instituten für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Unterrichts- und Schulentwicklung sowie der SoE (Didaktik der Mathematik und Deutsch-Didaktik). Im Juni 2018 wurde ein entsprechendes Profilpapier der Initiativgruppe Bildung und Gesellschaft vorgelegt.

Was ist daran herausfordernd?

Kastner: Man stellt es sich einfach vor, dass mehrere zu einem Thema beitragen, und dass man gemeinsam forscht. Der Wille zur Kooperation reicht oft nicht dafür, dass man ein gemeinsames Forschungsprogramm zur Bildungsforschung entwickelt. Es braucht Berührungspunkte, die es ermöglichen, an gemeinsamen Begriffsdefinitionen zu arbeiten und so eine Basis herzustellen, von der ausgehend eine intensivere Zusammenarbeit in Form von Forschungsprojekten und kooperativen Publikationen entstehen kann. Diesen Prozess haben wir vor rund einem Jahr neu in Angriff genommen. Im Sinne einer Plattform für Austausch und Perspektivenentwicklung und zur Sichtbarmachung der unterschiedlichen Projekte, die es im Bereich der Bildungsforschung im Haus bereits gibt, haben wir die Tagung „Bildung & Gesellschaft“ im November 2018 organisiert.

Was konnten die verschiedenen Disziplinen aus dieser Tagung mitnehmen?

Donlic: Bildungsforschung fokussiert die gesamte Lebensspanne, vor der Schule und über die Schule hinausgehend im Sinne einer Perspektive des Lebenslangen Lernens. Die Tagungsbeiträge beleuchteten unterschiedliche Fragestellungen und Positionen der Bildungsforschung als inter- und multidisziplinäres Unterfangen, es ging u.a. um Theoriepositionen (z. B. Bildungstheorie), um forschungsmethodologische Zugänge und forschungspraktische Umsetzungen in Form von aktuellen Projekten. Gerade auch durch die strukturierte Postersession konnten Kolleg*innen in der Qualifizierungsphase mit ihren Vorhaben sichtbar werden.

Worin liegen Überschneidungspunkte?

Kastner: Wir konnten im Initiativschwerpunkt drei Themenbereiche identifizieren, in denen viele von uns ihr wissenschaftliches Interesse verorten: „Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse“, „gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation“ sowie „Qualität und Wirkung von Lehren und Lernen“. Von da ausgehend können sich die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann fragen, was sie aus ihrer fachwissenschaftlichen (sub-)disziplinären Sicht beitragen können. Wir wollen über einen mehrschrittigen Prozess zu gemeinsamen Projekten finden, die nicht nur um der Kooperation willen verfolgt werden, sondern die auch zum jeweils eigenen Forschungsprogramm passen. Herausfordernd dabei ist auch, dass die (Sub-)Disziplinen in unterschiedlichen Bezugssystemen forschen und ihre eigenen „Arenen“ (für Kooperation, für Anerkennung) haben.  Auch die Finanzierung solcher kooperativen Projekte ist  eine Herausforderung, weil oft monodisziplinär gedacht (und gefördert) wird.

Gibt es konkrete Schritte, die Sie bereits unternommen haben?

Donlic: Wie Monika Kastner schon ausgeführt hat: Bildungsforschung ist breit. Anhand eines strukturierten Doktoratsprogramms, das von uns eine gewisse Zuspitzung verlangt, wollen wir ein profiliertes Programm anbieten. Dabei haben wir uns jetzt, ausgehend von unserem Profilpapier, auf die Fragestellung von „Transformation und Bildung“ festgelegt. Dies ist ein Fokus, der für alle beteiligten Kolleg*innen interessant ist, zu dem bereits gearbeitet wird, und zu dem es aktuell Dissertationsvorhaben gibt bzw. in der Vergangenheit gegeben hat. Die Perspektive zu dieser Fragestellung ist: Bildung kann gesellschaftliche Transformation unterstützen. Und Bildung selbst wird durch Wandlungsprozesse in der Gesellschaft geformt und verändert. Das strukturierte Doktoratsprogramm ist derzeit noch in Vorbereitung und soll spätestens im Februar 2020 vorliegen.

Welche Doktorandinnen und Doktoranden wollen Sie damit ansprechen?

Kastner: In erster Linie werden jene angesprochen, die das transformatorische Potenzial von Lernen und Bildung als anschlussfähig betrachten und gesellschaftliche Wandlungsprozesse als prinzipiell gestaltbar verstehen und daraus ein wissenschaftliches Interesse entwickeln, Bildung zu erforschen, zu gestalten und letztlich nachhaltig zu fördern. Wir fokussieren damit ein Verständnis von Wissenschaft und Forschung, das Beiträge zur Grundlagenforschung, zur anwendungsorientierten Forschung und zur Third Mission leisten möchte. Sowohl im Bereich der Unterrichts- und Schulentwicklung als auch in der Bildungs-/Erziehungswissenschaft haben wir eines gemeinsam: Der überwiegende Teil unserer Doktorandinnen und Doktoranden ist selbst in pädagogischen Feldern tätig. Über die Verwissenschaftlichung der Praxis  in Form von Dissertationsvorhaben wird Entwicklung vorangebracht. Wir wollen ein Doktoratsprogramm anbieten, in dem sich jene wiederfinden, die in der oben beschriebenen Form ihrem wissenschaftlichen Interesse nachgehen wollen; es wird aber auch nach wie vor Dissertant*innen an den Instituten geben, die außerhalb des strukturierten Doktoratsprogramms betreut werden.

Wird es auch wieder eine Tagung geben?

Donlic: Ja, am 6. Dezember 2019 wird unser zweiter instituts- und fakultätsübergreifender Forschungstag mit dem Titel „Bildungsforschung von morgen“ stattfinden. Das Tagungsprogramm sieht Räume für capacity building für die Entwicklung unseres Doktoratsprogramms vor, und es wird wiederum eine Plattform für Wissenschafler*innen in der Qualifizierungsphase eingerichtet werden, die Austausch in Form einer Postersession und Kompetenzentwicklung in Hinblick auf Karrierewege in der Wissenschaft ermöglicht. Wir bemühen uns insbesondere darum, auch externe Doktorand*innen, also jene, die keine Qualifizierungsstellen an den Instituten innehaben, für eine Teilnahme zu gewinnen. Nähere Informationen (Tagungsprogramm, Call for Posters) finden Sie unter: https://ius.aau.at/de/neuigkeit/forschungstag-bildungsforschung-von-morgen-am-6-dezember-2019-an-der-aau/

 


Das Buch zur Tagung

Lernprozesse über die Lebensspanne – Bildung erforschen, gestalten und nachhaltig fördern

An der Universität Klagenfurt besteht der Forschungsschwerpunkt Bildung und Gesellschaft, der unter anderem vom Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung betrieben wird. Im Herbst 2018 wurde eine Tagung zur Bildungsforschung ausgerichtet. Der vorliegende Band, der Tagungsbeiträge versammelt, ermöglicht vertiefte Einblicke in das inter- und multidisziplinäre Unterfangen der Bildungsforschung und stellt Theoriebezüge und aktuelle Forschungsergebnisse vor. Der Keynote-Beitrag „Was trägt die Erziehungswissenschaft zur Empirischen Bildungsforschung bei?“ von Hans-Christoph Koller (Universität Hamburg) ist im Band enthalten.

Das Buch ist als Open-Access-Publikation bei Budrich erschienen. Es kann über diesen Link kostenlos heruntergeladen werden: https://shop.budrich-academic.de/produkt/lernprozesse-ueber-die-lebensspanne

Zu den Personen

Monika Kastner ist assoziierte Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung. Ihr Schwerpunkt liegt in der Erwachsenenbildung und der beruflichen Bildung. Jasmin Donlic ist Universitätsassistent am selben Institut. Er forscht im Bereich der Allgemeinen Erziehungswissenschaft und diversitätsbewussten Bildung.