Alles fließt – auch das Geschlecht: Wenn Prozessmetaphysik auf feministische Philosophie trifft
Anne Sophie Meincke möchte zwei Gebiete der Philosophie zusammenbringen: die feministische Philosophie und die Prozessmetaphysik. Dafür hat sie mit der Universität Klagenfurt einen FWF-ASTRA-Preis eingeworben. Die hochdotierten FWF-ASTRA-Preise richten sich an herausragende Forscher:innen, die langfristig angelegte Forschungsprojekte auf internationalem Topniveau durchführen. Das nun geförderte Projekt von Anne Sophie Meincke – „Processual Feminism: Bringing Together Process Metaphysics and Feminist Philosophy“ – zielt darauf ab, neue Perspektiven auf zentrale Themenkomplexe der feministischen Philosophie zu entwickeln, insbesondere im Hinblick auf sex und gender, Fortpflanzung und Leiblichkeit sowie den Ökofeminismus. Im Interview erklärt die Philosophin auf anschauliche Weise ihren Ansatz und wie dieser neue Wege aus so mancher Sackgasse eröffnen kann.
Sie möchten zwei philosophische Gebiete vereinen: die feministische Philosophie und eine bestimmte Form von Metaphysik. Beginnen wir mit der Metaphysik. Was ist darunter zu verstehen?
Die Metaphysik ist eine Kerndisziplin der Philosophie. Sie untersucht die Grundstrukturen der Wirklichkeit, also wie die Wirklichkeit letztlich beschaffen ist. Auch die Naturwissenschaften studieren die Wirklichkeit, allerdings mit empirischen Methoden und unter jeweils spezifischen Hinsichten: Sie beobachten, messen und berechnen und kommen so zu Erkenntnissen über bestimmte Teilbereiche der Wirklichkeit. In der Metaphysik denken wir über die Beschaffenheit der Wirklichkeit als ganzer in allgemeinster Hinsicht nach und beziehen dabei ein, was die Einzelwissenschaften bereits entdeckt haben.
Gibt es die eine Metaphysik oder mehrere?
Mehrere, und zwar im Wesentlichen zwei einander direkt entgegengesetzte Strömungen. In der traditionell vorherrschenden Dingmetaphysik geht man davon aus, dass die Wirklichkeit aus im Kern unveränderlichen, statischen Dingen besteht, etwa aus sogenannten Substanzen. Nach Aristoteles ist eine Substanz ein von anderen Dingen scharf abgegrenztes und unabhängiges Einzelding, das als dasselbe durch etwaige Veränderungen hindurch fortbesteht. Dinghafte letzte Bausteine der Wirklichkeit könnten aber auch Atome sein, also unteilbare Elementarteilchen, wie bereits die antiken Atomisten annahmen. Substanz wie Atom besitzen ein unveränderliches ursprüngliches Wesen – eine ‚Essenz‘, die möglichen Veränderungen vorausliegt und von diesen unberührt bleibt. Dem steht gegenüberdie Tradition der Prozessmetaphysik, die in der Geschichte der abendländischen Philosophie marginalisiert wurde. Sie nimmt an, dass es im Letzten nicht Dinge, sondern Prozesse gibt. Die Wirklichkeit ist durch und durch dynamisch – „Alles fließt“, soll Heraklit, der antike Urvater der Prozessmetaphysik, gesagt haben. Betrachten wir beispielsweise einen Berg: Gemessen an unserer Lebenszeit ist ein Berg ein sehr stabiles Ding. Wenn wir aber den Zeitrahmen vergrößern, erweist sich selbst ein Berg als dynamisch – er wächst durch die Hebung der Erdkruste und wird durch Erosion wieder abgetragen. Auch Lebewesen sind Prozesse, und zwar besonders interessante, insofern sie sich kontinuierlich durch Interaktion mit der Umwelt selbst konstituieren. Von grundlegender Bedeutung ist hier der Stoffwechsel: Als ein offenes dynamisches System muss der Organismus fortwährend Materie und Energie mit der Umwelt austauschen, um seine Existenz fernab des thermodynamischen Gleichgewichts aufrecht zu erhalten. Wir erneuern uns ständig. Hört der Stoffwechsel auf, hören auch wir auf. Stabilität ist somit nicht etwas primitiv Gegebenes, sondern das Resultat ständiger Veränderung.
Wo liegen nun die Anknüpfungspunkte zur feministischen Philosophie?
Die feministische Philosophie möchte einen Beitrag zur Herstellung geschlechtergerechter gesellschaftlicher Bedingungen leisten. In diesem Zusammenhang ist unter anderem zu klären, was es eigentlich bedeutet, ein geschlechtliches Wesen zu sein. Was heißt es, eine Frau oder ein Mann zu sein, wird Geschlecht sozial – im Sinne von gender – und/oder biologisch – im Sinne von sex – bestimmt, und wie verhalten sich soziales und biologisches Geschlecht zueinander? Fragen wie diese haben eine metaphysische Dimension. Das ist nicht überraschend. Menschen aller Geschlechter sind ja Teil der Wirklichkeit, deren Grundstrukturen die Metaphysik untersucht; und je nachdem, wie wir die Grundstrukturen der Wirklichkeit denken, kommen wir auch mit Blick auf Fragen des Geschlechts zu anderen Ergebnissen. Meine Hypothese ist: Wenn wir eine prozessuale Brille aufsetzen und das heißt Geschlechter und geschlechtliche Wesen nicht als im Kern statische Dinge, sondern als dynamische Prozesse verstehen, können wir in den aktuellen Debatten entscheidend vorankommen. Die Ausarbeitung einer prozessualen Theorie von sex und gender ist daher eines von drei Anwendungsfeldern einer prozessualen feministischen Metaphysik in meinem Projekt.
Was genau bedeutet es, sex und gender prozessual zu verstehen? Und inwiefern bringt uns das – auch in der politischen Debatte – weiter?
Biologisch gesehen sind Organismen, auch menschliche, Prozesse, die sich durch Interaktion mit umgebenden Prozessen in der Umwelt selbst stabilisieren. Dieselbe dynamische Interaktionsstruktur findet sich auch im Sozialen: Wer wir als Personen und das heißt als soziale Wesen sind, ergibt sich wesentlich aus unseren Interaktionen mit anderen Personen. Allerdings sind wir nicht einfach ein passiver Spiegel unserer Umwelt, sondern wir gestalten sie kreativ mit. Es besteht eine Art Ko-Konstitution zwischen uns und der Umwelt. Die feministische Debatte um sex und gender ist durch zwei Extrempositionen geprägt: Die einen sagen, es komme nur auf das biologische Geschlecht an, welches dann oft als unveränderlich und binär angesehen wird. Die anderen halten allein das soziale Geschlecht für relevant, womit häufig die Annahme einhergeht, auch das biologische Geschlecht sei letztlich sozial konstruiert. Aus prozessualer Perspektive ist aber festzuhalten, dass jede menschliche Person aus verschiedenen Dimensionen oder Schichten besteht, die miteinander wie auch mit der Umwelt in Wechselwirkung stehen. Diesen verschiedenen dynamischen Dimensionen menschlicher Personalität zugehörig, sind sowohl sex als auch gender reale Phänomene – jedoch nicht als unverrückbare primitive Gegebenheiten, sondern als fluide Produkte multidimensionaler Prozesse interaktiver Selbststabilisierung. Eine prozessuale Theorie von sex und gender verspricht, den kontroversen Diskurs zu entschärfen, indem sie einen gemeinsamen Nenner zwischen extremen Positionen etabliert. Dazu gehört, anzuerkennen, dass es manchmal keine eindeutige Antwort gibt auf die Frage, ob jemand eine ‚Frau‘ ist oder ein ‚Mann‘.
In einer Welt, in der uns zunehmend die Gewissheiten wegbröckeln, ist das für viele schwierig, oder?
Ängste vor Veränderung und fließenden Grenzen haben eine lange Tradition in der intellektuellen Geschichte des Abendlands und zeugen von der üblen Nachrede, der die Prozessmetaphysik von Beginn an ausgesetzt war. Ein sehr mächtiger Feind Heraklits war Parmenides, der behauptete, das Sein sei unveränderlich, ewig und unteilbar. Veränderung und Bewegung seien eine durch unsere Sinne erzeugte Illusion, die wir mittels der Vernunft als eine solche durchschauen können. Substanzmetaphysiker wie Aristoteles schwächten diese radikale Behauptung ab zu der Annahme, zumindest die Essenz der Dinge sei unveränderlich, und verteidigten ihre Position gegen die Prozessmetaphysik, indem sie das Gerücht in die Welt setzen, dass es in einer durch und durch dynamischen Welt keinerlei Ordnung und Struktur und keine Wahrheit geben könne. Alles sei Chaos, und Erkenntnis sei unmöglich. Das ist aber nicht wahr. Ganz im Gegenteil: Auch in einer durch und durch dynamischen Welt gibt es Ordnung und Struktur, nämlich als Effekt der Interaktionen von Prozessen, und wie sich Strukturen aus solchen Interaktionen herauskristallisieren, ist etwas, das wir wissenschaftlich erklären können. Bei der Evolution etwa können wir sehen, wie bestimmte miteinander wechselwirkende Prozesse zur Entstehung neuer Spezies führen. Ebenso können wir beschreiben, wie sich Persönlichkeiten in Wechselwirkung mit sozialen Umwelten bilden, einschließlich der Entwicklung von biologischem und sozialem Geschlecht. So sind wir der Wahrheit sehr viel näher als mit dem Glauben an vermeintlich unveränderliche Essenzen.
Wie kann also die oder der Einzelne von dem prozessualen Blick auf die Wirklichkeit profitieren?
Vor der Prozessmetaphysik braucht sich niemand zu fürchten. Eine Anerkenntnis der fundamentalen Dynamizität der Welt erschließt uns die zeitliche und das heißt historische Dimension unserer Identität; sie ermöglicht uns, zu verstehen, wie wir geworden sind, wer wir sind. Damit eröffnen sich zugleich neue Freiheiten, indem in den Blick rückt, dass es immer auch die Möglichkeit für Veränderung gibt.
Sie haben vorhin von drei Anwendungsfeldern in Ihrem Forschungsprojekt gesprochen. Das Feld rund um die Frage von sex und gender haben wir nun beleuchtet. Für welche anderen Themen in der feministischen Philosophie möchten Sie die theoretischen Überlegungen zur prozessualen Metaphysik fruchtbar machen?
Eines der weiteren Themen betrifft das feministische Problemfeld der Fortpflanzung und weiblichen Leiblichkeit. Über Jahrhunderte herrschte in unseren Breitengraden die Ansicht vor, dass Frauen, weil sie Kinder bekommen, zu Hause bleiben müssten, anstatt in die Welt hinausgehen und Dinge zu tun, die Männer gemeinhin tun. Die feministische Philosophie hat diese Annahme einer biologischen Bedingtheit der untergeordneten sozialen Rolle der Frau als ein patriarchalisches Konstrukt entlarvt. Die Frage, die seither kontrovers diskutiert wird, ist aber: Wie nun umgehen mit den reproduktiven Fähigkeiten des weiblichen Körpers? Auch hierzu gibt es zwei Extrempositionen: Die einen meinen, eine echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sei nur erreichbar, wenn die Frau von der Last des Kinderkriegens ganz befreit würde – etwa durch den Einsatz reproduktiver Technologien. Die anderen sehen die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, als ein Privileg der Frau, das ihre Identität ausmache. Beide Perspektiven sind für mich unbefriedigend. Vielleicht kann uns die Prozessmetaphysik dabei helfen, Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft neu zu sehen – mit einem differenzierten Blick, der weibliche reproduktive Fähigkeiten und Erfahrungen weder abwertet noch idealisiert. Ein Schlüssel hierzu ist die Revision überkommener dingmetaphysischer Verständnismodelle von Schwangerschaft, denen zufolge der weibliche Körper lediglich ein passiver Behälter für den Fötus ist, welcher sich in ihm angeblich weitgehend aus sich selbst heraus entwickelt, nämlich entsprechend seinem intrinsischen vom Augenblick der Empfängnis an festliegenden Wesen. Eine prozessuale Perspektive kann uns demgegenüber helfen, die aktive Beteiligung, Autorschaft und agency von Frauen in der Schwangerschaft wiederzuentdecken, und so gewisse misogyne Tendenzen in der Bewertung weiblicher Leiblichkeit, die sich – offen oder verdeckt – durch die feministische Philosophie ziehen, zurückdrängen.
Und das dritte Anwendungsfeld?
Das dritte Thema, dem ich mich widmen möchte, ist der Ökofeminismus, eine Strömung der feministischen Philosophie, die die begrifflichen und strukturellen Zusammenhänge zwischen der Unterdrückung von Frauen und der Ausbeutung der Natur im Kontext patriarchalisch-kapitalistischer Gesellschaftsordnungen untersucht. Die intellektuellen Wurzeln der aktuellen ökologischen Krise liegen meines Erachtens klar in der dingmetaphysischen Denktradition, die den Menschen von der Natur abtrennt und ihr als zur Herrschaft über sie berechtigt entgegensetzt. Die Prozessmetaphysik ersetzt dieses dualistische Bild durch eines der dynamischen Verschränkung und Zusammengehörigkeit und bereitet auf diese Weise den Weg für ein wertschätzendes, kooperatives Verhältnis des Menschen zur Natur. Eine prozessuale feministische Metaphysik schließt somit an Kerneinsichten des Ökofeminismus an und verhilft diesem zu neuer Schlagkraft.
Warum gab es denn nicht schon bisher Bemühungen, feministische Philosophie und Prozessmetaphysik zusammen zu denken?
Feministische Philosoph:innen haben traditionell Vorbehalte gegenüber der Metaphysik – aus gutem Grund. Viele der vermeintlich wertneutralen metaphysischen Kategorien und Begriffe sind tatsächlich vielfach sexistisch und misogyn, und dies herausgearbeitet zu haben ist ein großes Verdienst feministischer Metaphysikkritik. Man denke nur an die das westliche Denken durchziehenden binären Gegensätze zwischen Substanz/Attribut, Wesen/Akzidenz, Subjekt/Objekt, Selbst/Anderes, Geist/Körper, Vernunft/Gefühl usw. Diese sind keineswegs neutral, sondern vielmehr hierarchisch organisiert und geschlechtlich markiert: Der erste Term fungiert als privilegierter, männlich konnotierter Pol, der zweite als abgewerteter, weiblich konnotierter Gegenpol. Oder nehmen wir den Gegensatz von Form und Materie. Nach Aristoteles ist die Form das aktive männliche Prinzip, die Materie das passive Weibliche; beide gemeinsam konstituieren ihm zufolge die Substanz. Angesichts ihrer tiefen patriarchalen Prägung wird vielfach bezweifelt, dass Metaphysik einen konstruktiven Beitrag zu feministischen Anliegen leisten kann.
Wie gelingt es nun Ihrem Projekt, diese Kluft zwischen feministischer Philosophie und Metaphysik zu überwinden?
Ich will zeigen, dass der eigentliche Gegner der feministischen Philosophie nicht die Metaphysik als solche ist, sondern eben die Dingmetaphysik. Wenn wir die Alternative der Prozessmetaphysik ins Spiel bringen, löst der Antagonismus zwischen feministischer Philosophie und Metaphysik sich auf zugunsten eines konstruktiven Dialogs, von dem beide Disziplinen profitieren. Letztlich beabsichtigt das Projekt, feministische Metaphysik als ein eigenes, legitimes Forschungsfeld zu etablieren, in dem Fragen der feministischen Philosophie metaphysisch angegangen und metaphysische Untersuchungen feministisch reflektiert werden.
Zur Person
Anne Sophie Meincke hat Philosophie und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert, wo sie 2012 ihr Doktoratsstudium in Philosophie abschloss. Sie war als Research Fellow bzw. Senior Research Fellow an der Universität Innsbruck, an University of Exeter (UK) und an der University of Southampton (UK) tätig. Aktuell ist Anne Sophie Meincke seit 2019 Senior Research Fellow an der Universität Wien, gefördert durch das Elise-Richter-Programm des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF. Darüber hinaus ist sie seit 2020 Mitglied der Jungen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Anne Sophie Meincke hat sich in ihrer Forschung auf Metaphysik, Philosophie der Biologie, Philosophie des Geistes, Handlungstheorie sowie Feministische Philosophie spezialisiert. Sie ist Autorin von über 40 wissenschaftlichen Publikationen, darunter zwei Monographien. Ihre Forschung wurde 2014 mit dem Wissenschaftspreis der Stadt Innsbruck und 2020 mit dem Preis für Frauen in Logik und Wissenschaftsphilosophie der Italienischen Gesellschaft für Logik und Wissenschaftsphilosophie (SILFS) ausgezeichnet. Der FWF-ASTRA-Preis für ihr Projekt „Processual Feminism: Bringing Together Process Metaphysics and Feminist Philosophy (PROFEM)“, den sie mit der Universität Klagenfurt eingeworben hat, ist der jüngste herausragende Erfolg von Anne Sophie Meincke.










FWF/der Knopfdrücker

