„Frieden ist nicht einfach da.“

Werner Wintersteiner hat vor 20 Jahren das Friedenszentrum an der Universität Klagenfurt mitgegründet. Das Jubiläum des Zentrums bietet Anlass, auf die Anfänge und die Vielzahl an Aktivitäten zurückzublicken. Doch nicht nur das: Der „strategische Optimist“ gibt auch eine hoffnungsvolle Perspektive. Frieden sei nicht einfach da; er sei etwas, wofür gearbeitet werden müsse. Über diese ambitionierten Ansätze der Friedensarbeit spricht er vor der Jubiläumsfeier unter dem Titel „PEACE (EDUCATION) NOW!“  (25. Juni 2025, 9:00 Uhr, Stiftungssaal) im ausführlichen Interview.

Herr Wintersteiner, als Sie gemeinsam mit anderen Proponent:innen 2005 das Friedenszentrum an der Universität Klagenfurt gegründet haben, war die Welt in einem anderen Zustand. Hätten Sie sich damals, vor 20 Jahren, vorstellen können, dass der Krieg zwei Jahrzehnte später wieder so allgegenwärtig sein könnte?

Ende der 1990er Jahre gab es viel Hoffnung auf Frieden. Der Ost-West-Konflikt war mit der friedlichen Auflösung der Sowjetunion zu Ende. Die Aufbruchsstimmung Richtung Frieden wurde dann aber durch den Anschlag auf das World-Trade-Center im September 2001 und durch den Krieg der USA gegen Afghanistan und gegen den Irak (2003) getrübt. Dennoch gab es Hoffnung. Im Jubiläumsjahr 2005 wurde die internationale Kampagne „1.000 Frauen für den Friedensnobelpreis“ initiiert. In dieser Kampagne hat auch die Universität Klagenfurt eine Rolle gespielt. Eine der 1.000 Frauen war auch eine Absolventin unseres Hauses und mit Brigitte Hipfl hat eine Wissenschaftlerin der Universität Klagenfurt eine Begleitforschung dazu organisiert. Das war ein besonders schönes Projekt im Gründungsjahr des Friedenszentrums, das auch zeigt, wie man damals in einer weltweiten Bewegung Friedensarbeit von Frauen sichtbar machen konnte.

Frieden ist in öffentlichen Diskursen heute kein einfach auszusprechender Begriff. War das vor 20 Jahren anders?

Es war vielleicht nicht so stark tabuisiert wie heute, aber es gab auch damals große Vorbehalte. Als ich damit begonnen habe, Friedenspädagogik für die Aus- und Weiterbildung von Lehrer:innen zu konzipieren, sagte man zu mir: „Super, Friedenserziehung für alle Fächer ist eine sehr gute Idee, aber bitte nenne es nicht Frieden.“ Frieden war auch schon damals in ideologische Schubladen verbannt: Die einen meinten, Frieden sei altmodisch und konservativ, und die anderen meinten, Frieden sei kommunistisch. Man riet mir, begrifflich lieber auf Konfliktlösung zu setzen, aber nur ja nicht den Terminus Frieden zu verwenden. Je mehr sich dagegen aussprachen, desto sturer wurde ich, und so kam diese Fortbildung nicht zustande.

Heute trägt das Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung (ZFF) gleich zweimal den Begriff in seiner Bezeichnung.

Ja, das freut mich und das passt auch zu dem, was uns in den letzten 20 Jahren und davor ausgezeichnet hat. Die Universität Klagenfurt hat nämlich seit jeher einen wichtigen Schwerpunkt im Bereich der Bildung wie auch beim Thema Frieden. So gab es Ende der 1980er Jahre eine Zeitlang eine „Außenstelle“ der AAU im Friedenszentrum in Stadtschlaining, die mit den Philosoph:innen Thomas Macho und Ina Horn besetzt war. In diesem Sinne wollten wir von Beginn an einen bestimmten Akzent setzen, der in der Friedensforschung keineswegs üblich war und mit dem wir auch ein Alleinstellungsmerkmal hatten: Wir wollten nicht nur allgemein zum Frieden forschen, sondern auch Friedensbildung praktizieren und erforschen. Von Beginn an war uns wichtig, dass unsere Arbeit als Forscher:innen auch gesellschaftliche Wirksamkeit entfaltet. Die Gründung des Friedenszentrums fällt in eine Periode, in der beides da war: Forschung mit hoher gesellschaftlicher Wirksamkeit hatte einen großen Stellenwert, und es gab Menschen wie den damaligen Rektor Günther Hödl, den damaligen Senatsvorsitzenden Peter Heintel und den damaligen Dekan der Kulturwissenschaften Karl Stuhlpfarrer, die die Bedeutung eines Friedenszentrums begriffen und seine Gründung nach Kräften unterstützt haben.

Konnten Sie solche Aktivitäten dann auch umsetzen?

Ja, wir konnten – gemessen an unserer geringen Ausstattung – relativ viel umsetzen: Es gab unter anderem einen zweijährigen internationalen Universitätslehrgang „Human Rights and Peace Education in Europe“ der Universität Klagenfurt, der von der UNESCO unterstützt wurde, und für den jedes Seminar in einem anderen Land angeboten wurde. Für das Projekt „Kultur und Konflikt“ (ZFF gemeinsam mit anderen Partner:innen innerhalb der AAU) gab es eine Workshop- und eine Buchreihe; wir haben zehn Jahre lang das „Jahrbuch Frieden“ herausgegeben. In einem Projekt zu „Tourism and Peace“ in Kooperation mit der World Tourism Organization der UNO ist ein „Handbook Tourism and Peace“ und das Buch „Friedenswege im Alpen-Adria-Raum“ entstanden. Wir konnten im Rahmen des fächerübergreifenden Projektstudiums (Bestandteil des Lehramtsstudiums) auch das Thema Frieden bearbeiten, woraus ebenfalls eine Buchpublikation resultierte. Außerdem wurde der nach wie vor bestehende Universitätslehrgang zu Global Citizenship Education entwickelt. Das ist nur ein Auszug; die Liste an Aktivitäten des Friedenszentrums in den vergangenen 20 Jahren ist lang.

Was ist in den 20 Jahren schiefgelaufen, das dazu führte, dass heute wieder in Europa Bomben fallen und Soldat:innen einander auf Schlachtfeldern begegnen?

Vor allem die Großmächte haben die Chance, die das Ende des Ost-Westkonflikts bedeutete, nicht genutzt, im Gegenteil! Statt auf gemeinsame Sicherheit zu setzen, ließ man schon bestehende Verträge auslaufen, die die (atomare) Rüstung beschränkten. Man setzte wieder vermehrt auf die militärische Karte und damit auf eine Kultur der Gewalt. Die UNO hat hingegen die Dekade zwischen 2000 und 2010 unter das Motto „Kultur des Friedens“ gestellt. Für eine Friedenskultur muss man etwas tun. Man muss sehr viele konkrete Anstrengungen unternehmen, damit aus einem Nicht-Krieg tatsächlich Frieden wird. Das ist nicht passiert.

Was ist der Unterschied?

Nicht-Krieg bedeutet, dass im Augenblick keine großen bewaffneten Konflikte stattfinden, oder dass es keine großen Unterdrückungsmaßnahmen innerhalb eines Landes gibt. Eine Kultur des Friedens würde hingegen bedeuten, dass man versucht, ein sozial gerechtes relativ harmonisches Zusammenleben zu entwickeln, wobei Konflikte gewaltfrei ausgetragen werden. Konflikte gibt es immer, in einer Kultur des Friedens müssen sie aber nicht zu einer Gewalteskalation führen. Damals wie heute ist gleichgeblieben: Für den Frieden muss man sich aktiv engagieren. Er ist nicht einfach da.

Kriegsbilder haben etwas Anachronistisches: Trotz moderner Ausrüstung stehen einander noch immer feindliche Soldat:innen gegenüber, sie nehmen einander gefangen, sie töten einander. Die Grundprinzipien scheinen sich seit Jahrhunderten nicht weiterentwickelt zu haben. Frieden hingegen wirkt dagegen wie ein utopisches Innovationsprojekt, von dem gerade niemand so recht weiß, wie es verwirklicht werden könnte. Kommen wir mit dem Entwickeln von neuen Lösungsansätzen schlecht voran?

Wir befinden uns aktuell in einer sehr paradoxen Situation. Auf der einen Seite war das Wort „Frieden“ in letzten Jahren fast tabuisiert – vor allem, und das ist das eigentlich Seltsame, von denen, die sich eigentlich als progressiv und links empfunden haben. Gleichzeitig wurde der Frieden als Slogan von den Rechten gekapert. Damit setzen sie auf einen Trend, den es in der Bevölkerung gibt, und der sich in einer Sehnsucht nach Frieden ausdrückt. Diese absurde Situation hat ihren Höhepunkt darin gefunden, dass nun ausgerechnet Donald Trump als der vermeintlich Erste auftritt, der in seinem Habitus des Machers Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine anstößt. Die Vertreter der westlichen liberalen Demokratien hingegen hatten in den vergangenen drei Jahren wenig Wirksames dazu beizutragen, wie der Krieg wieder enden kann. Diese paradoxe Situation enthält – im positivsten denkbaren Fall – natürlich dennoch Entwicklungschancen.

Sehen Sie solche auch konkret?

Ja, es gibt sowohl im Ukrainekrieg wie im Gaza-Krieg Menschen, die unbeirrt den Kontakt zur anderen Seite aufrechterhalten. Ich nenne nur ein ganz kleines Beispiel: Ich bin in einem Projekt, in dem sich Russ:innen und Ukrainer:innen immer wieder – online – treffen. Das sind nicht Menschen im Exil, sondern sie leben in ihren Ländern. Und da sitzt die eine Frau in Kiew, wo wir im Hintergrund Kriegsgeräusche hören, und die Frau in Moskau, die von ihrem kriegskritischen Netzwerk in mehreren russischen Städten erzählt. Sie möchten ein „Track 2“-Projekt entwickeln. Damit versuchen Personen der beiden verfeindeten Parteien, die keine politischen Entscheidungsträger sind, aber einen Zugang zu diesen haben, sich miteinander über neue Ideen zu verständigen und auszuhandeln, ob man diese umsetzen kann. Das ist ein Ansatz, den wir vom Harvard-Professor Herbert Kelman, einem unserer akademischen Vorbilder, übernommen haben.

Wie ist das Verhältnis zwischen der Friedensforschung und der Politik? Werden wissenschaftliche Erkenntnisse ernst genommen?

Uns ergeht es da leider ähnlich wie den Klimaforscher:innen, die auch schon seit Jahrzehnten Studien mit Schlussfolgerungen vorlegen, wie eigentlich zu handeln wäre. Freilich mit wenig Erfolg. Um nur einige Beispiele zu nennen: Schon 2022, also im ersten Kriegsjahr in der Ukraine, gab es eine Studie, die über den anfangs ziemlich relevanten gewaltfreien Widerstand in der Ukraine berichtet hat. Und es gibt mehrere Arbeiten, die belegen, dass im Durchschnitt gesehen gewaltfreie Regimewechsel – zum Beispiel bei der Beseitigung einer Diktatur – häufiger erfolgreich und nachhaltiger friedvoll sind als bewaffnete Aufstände. Heuer ist eine Studie erschienen, die nachwies, dass die russischen Streitkräfte den europäischen in fast allen Bereichen unterlegen sind, dennoch wird nun in Europa massiv aufgerüstet. Der politische Wille, die Erkenntnisse der Friedensforschung in die Strategien einfließen zu lassen, ist für mich nicht erkennbar.

Die Geschichte zeigt uns: Es brechen immer wieder, in allen Erdteilen, Kriege aus. Ist das Kriegerische dem Menschen innewohnend?

Immerhin, Südamerika ist der einzige Kontinent, wo derzeit keine Kriege geführt werden. Nein, es ist auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir nicht zum ewigen Krieg verdammt sind. Die UNESCO stellte 1986 in der Erklärung von Sevilla fest, dass Krieg keine anthropologische Notwendigkeit darstellt. An dem Dokument mit dem Titel „Gewalt ist kein Naturgesetz“ haben Expert:innen aus der Ethnologie, der Anthropologie, der Biogenetik, der Evolutionsforschung, der Neurophysiologie und der Psychologie mitgewirkt. Im Gegensatz dazu ist Aggression aber ein durchaus menschliches Charakteristikum, das zwar keineswegs immer zu politischer Gewalt führen muss, das allerdings im Zusammenspiel mit einem bestimmten Persönlichkeitstypus an der Staatsspitze, wirtschaftlichen Interessen oder Gesellschaftsstrukturen unbearbeitet zu destruktivem Handeln führen kann. In unserer Gegenwart kommt noch die Medienlandschaft hinzu, deren Zustand – aufgrund der völlig unzulänglichen Bestimmungen bezüglich der sogenannten social media – für unsere Demokratie desaströs ist. Der französische Philosoph Edgar Morin spricht von der Notwendigkeit einer ‚kognitiven Demokratie‘: Die Menschen müssen in die Lage versetzt werden, die Funktionslogiken eines Staates und einer Gesellschaft kognitiv zu erfassen und die Tragweite der eigenen (Wahl-)Entscheidungen auf das Gesamtsystem abzuschätzen. Heute haben wir hingegen unheimlich viele Möglichkeiten der Information, aber ohne die Zusammenhänge zu verstehen.

Was kann man dagegen tun?

Ich sehe darin auch eine Aufgabe der Universitäten. Ein großes Übel liegt darin, dass Wissen immer in verschiedenen Teilaspekten – also aufgeteilt nach wissenschaftlichen Disziplinen, aber kaum in Zusammenhängen – vermittelt wird. Damit kann man die Komplexität der Wirklichkeit nicht erkennen. Der österreichische Philosoph und Dichter Hermann Broch hat am Ende des Zweiten Weltkriegs den Plan einer „Friedensuniversität“ entwickelt, die aus allen Fakultäten bestehen müsse, weil er davon ausging, dass wir all dieses Wissen brauchen, um dauerhaft an Frieden zu arbeiten. Davon sollte man sich auch bei der universitären Lehre und besonders bei der Ausbildung in den pädagogischen Berufen inspirieren lassen.

Eine solche Universität gibt es bis heute nicht. Haben Sie dennoch noch Hoffnung für den Frieden?

Einem Wissenschaftler, der von sich sagt, er sei Optimist, kann vorgeworfen werden, er würde die Tragik der Welt nicht begreifen. Herbert Kelman hat sich selbst daher als strategischen Optimisten bezeichnet. Bei seinem Engagement im Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern hat er daraus eine Methode gemacht: Ich suche nach Möglichkeiten für positive Entwicklungen, und versuche sie auch wahrzunehmen. Edgar Morin hat sogar geschrieben, dass für ihn das „Evangelium des Untergangs“ die größte Hoffnung sei. Dahinter stand der Gedanke: Die Weltlage sieht nicht gut aus. Man muss eigentlich zu einer pessimistischen Prognose kommen. Die offensichtliche Gefahr des nahenden Untergangs bietet den Menschen aber keinen anderen Ausweg, als selbst tätig zu werden. Es wird uns kein Gott und keine Ideologie mehr retten, wir brauchen eine grundlegende Transformation, oder besser: Metamorphose, also eine Verwandlung auf Basis des Bestehenden. Jetzt kommt es ganz auf uns an. Das ist eine Hoffnung, die ich teile, und aus der auch für mich ein Antrieb entsteht, weiter zu arbeiten.

Zur Person



Werner Wintersteiner war elf Jahre lang als Deutsch- und Französischlehrer tätig, bevor er ab 1987 als Deutschdidaktiker und Friedenspädagoge am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt arbeitete. 1998 promovierte er und 2003 habilitierte er sich mit der Habilitationsschrift „Poetik der Verschiedenheit. Literarisch-kulturelle Bildung unter den Bedingungen der Globalisierung“. Ab 2007 war er Universitätsprofessor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur. 2005 gründete er das „Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik“, das er mit Unterbrechungen bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2016 leitete. Von 2011 bis 2016 war er auch Leiter des Clusters „Konflikt-Frieden-Demokratie“ (Universität Klagenfurt, ÖSFK Stadtschlaining, Demokratiezentrum Wien, Institut für Konfliktforschung). Werner Wintersteiner lehrte auch an der European Peace University Stadtschlaining, am Teachers College der Columbia University, New York, an der East China Normal University, Shanghai, und an der Philipps-Universität Marburg.

Zum (heutigen) Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung



Das Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung ist am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung an der Universität Klagenfurt angesiedelt. Das 20-jährige Bestehen wird am Mittwoch, 25. Juni 2025 von 9:00 bis 16:00 Uhr (Stiftungssaal O.0.01) mit einem Forschungstag mit dem Titel „PEACE (EDUCATION) NOW!“ gefeiert, der offen für alle Interessierten ist. Nähere Informationen zum Programm sowie den Link zur Anmeldung finden Sie hier.