Wissenstransfer | Foto: aau/Hoi

Wissen in die Gesellschaft „transferieren“: Die AAU im Wissenstransferzentrum Süd

Das Wissenstransferzentrum Süd (WTZ Süd) sieht sich als Vermittler von Know-how und Wissen zwischen universitärer Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Kompetenzen und das Know-how der Kooperationspartner aus den verschiedensten Fachgebieten werden durch neue, innovative, kreative und transdisziplinäre Wege gebündelt, optimiert, erweitert und für die Wirtschaft und die Gesellschaft leichter zugänglich gemacht.

Besonderes Augenmerk legt das WTZ Süd bei seinen Kooperationsprojekten auf die Ausschöpfung sowie Erweiterung von Verwertungspotentialen insbesondere von universitären Erfindungen und auf die Vermittlung von Wissen in Form von Lehr- und Weiterbildungsveranstaltungen. Der Wissenstransfer zwischen Forschungseinrichtungen, Wirtschaft und Gesellschaft in den Bereichen der Technik, Wirtschaft, Medizin, Kunst, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften soll zudem erleichtert werden.

Sechs Universitäten aus der Steiermark und Kärnten bündeln im WTZ Süd – gefördert vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft und Austria Wirtschaftsservice – ihre Expertise im Bereich Wissenstransfer. Durch den Zusammenschluss werden Synergien geschaffen, die Sichtbarkeit erhöht und der Zugang zu universitärem Wissen erleichtert. Die Koordination des WTZ Süd hat die Technische Universität Graz übernommen.

Die Ziele des WTZ Süd sind:

  • Unterstützung und Begleitung des Verwertungsprozesses universitärer Erfindung von der Patentierung bis zur Entwicklung von Prototypen. So gelangt universitäres Wissen direkt in die Gesellschaft.
  • Ausschöpfung und Erweiterung von Verwertungspotentialen innerhalb unserer Forschungseinrichtungen und Unterstützung der Transferprozesse zwischen Forschung, Wirtschaft und Industrie. So wird Wissensaustausch leicht gemacht.
  • Qualifizierter Umgang mit geistigem Eigentum. Zur Wahrung der Schutzrechte.
  • Forcierung des Wissenstransfers von Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK). So profitieren Unternehmen von breit vernetztem und transdisziplinärem Wissen.

Die im WTZ Süd involvierten Universitäten bemühen sich um One-Stop-Shops an ihren Institutionen: So steht an der Alpen-Adria-Universität Christiane Louca (Forschungsservice) als Vermittlerin bei der Suche nach Know-how zur Verfügung.

Das WTZ Süd arbeitet derzeit in fünf Kooperationsprojekten:

  • Technologieverwertung und Transferprozesse
    Die Verwertung von Innovationen, insbesondere von Erfindungen, Software und Know-how ist eine wesentliche Form des Wissenstransfers von Universitäten zu Unternehmen. Universitäre Innovationen sollen in die Wirtschaft geführt werden, um Unternehmen unter anderem insbesondere am Standort Österreich nachhaltig zu stärken und ein Wachstum durch Innovation zu ermöglichen.
    Neue Verwertungsmöglichkeiten: Das WTZ evaluiert und beschreitet neue Wege im Bereich der Projektfinanzierung und der Verwertung etwa durch Crowdfunding oder freeIP. Dadurch eröffnen sich erweiterte Möglichkeiten des Wissenstransfers.
    Patentpool: Das WTZ baut einen Patentpool auf, der Unternehmen die Suche nach neuen Technologien erleichtert. Die Website des WTZ Süd bietet über ein effektives Recherchetool raschen Zugriff zu neuen Technologien der Universitäten und Kooperationspartner. Ein großer Personenkreis wird durch Einbindung von internationalen Technologieanbietern angesprochen.
  • Lehr- und Weiterbildungs-Veranstaltungen
    Lehr- und Weiterbildungsveranstaltungen zu IPR, Förderungen, Entrepreneurship und Business Cases: Kompetenzen im Bereich von Geistigem Eigentum und bestmöglicher Schutzrechtsabsicherung sind mittlerweile eine wesentliche Voraussetzung für das Erhalten der Wettbewerbsfähigkeit von Universitäten und Unternehmen. Das Projekt soll den beteiligten Institutionen und ihren MitarbeiterInnen helfen, auf diese Rahmenbedingungen zu reagieren. Ein wesentliches Ziel ist es, das Wissen für den optimalen Umgang mit innovativen Technologien zu vermitteln und als universitäre Einrichtungen geben wir unsere Kompetenzen gerne weiter. Studierende, wissenschaftliches Personal, interne und externe Expert/innen haben die Möglichkeit, von Wissen im Bereich der Wirtschafts-Wissenschafts-Kooperationen zu profitieren.
  • Kooperatives Business Development
    Das WTZ fördert die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen ForscherInnen und der Wirtschaft. Dies geschieht bei Veranstaltungen wie dem Partnering Day, F&E-Round Tables oder gemeinsamen Messebesuchen. Ziel dieses Projekts ist es, die wissenschaftliche Expertise der Kooperationspartner in die Forschung und Entwicklung von Unternehmen einzubringen und gemeinsame Forschungsprojekte zu initiieren. Im Rahmen von F&E–Round Tables wird jeweils ein Unternehmen mit Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten an eine Universität eingeladen. In einem Workshop werden gemeinsam mit ausgewählten ExpertInnen von Instituten aktuelle Forschungsthemen gegenseitig vorgestellt und mögliche Kooperationen besprochen. Durch das gemeinsame Vorgehen der Kooperationspartner wird eine bessere Sichtbarkeit der Innovationskraft der beteiligten Universitäten ermöglicht.
  • Wissenstransfer in den Geistes,- Sozial- und Kulturwissenschaften
    Dieses Projekt verfolgt das Ziel, das Bewusstsein für Wissenstransfer im Bereich der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften zu stärken und innovative Projekte aus diesem Bereich in die Gesellschaft zu überführen. Ziel ist es, inneruniversitäre Anreizsysteme für den Wissenstransfer in den GSK-Wissenschaften zu schaffen bzw. zu professionalisieren. Dazu werden betreffende Indikatoren und Kriterien in den universitären Wissenserfassungsdatenbanken in der Praxis erprobt. Durch Intensivierung gemeinsamer universitätsöffentlicher Veranstaltungen zum Wissenstransfer wird die Awareness des Themas weiter vorangebracht.
  • Zentrumsbildung WTZ Süd
    Ziel des Projekts ist es, das WTZ Süd organisatorisch zu unterstützen und das WTZ Süd bekannt zu machen. Im Sinn eines One-Stop-Shops können insbesondere Unternehmen und Organisationen einen kompetenten Erstkontakt finden, der bei der Suche nach Technologien und Fachkompetenzen der Universitäten sowie nach Leistungen des WTZ Süd weiterhilft. Unterstützt wird die Zentrumsbildung durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit, mit der eine sichtbare Positionierung bei regionalen und überregionalen Partnern angestrebt wird.

Herausforderung: Wissenstransfer in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften

Während bei den Technischen Wissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften Patente, Erfindungen und Unternehmensausgründungen als klassische Ergebnisse von Wissenstransfer gelten, ist die Definition für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften schwieriger. Das Wissenstransferzentrum Süd hat daher ein Projekt ins Leben gerufen, das sich darum bemüht, den Wissenstransfer in diesen Fächern genauer zu spezifizieren. Das Projekt ist am Institut für Philosophie an der Alpen-Adria-Universität angesiedelt. Projektleiterin ist Alice Pechriggl, wissenschaftliche Projektmitarbeiter sind Daniel Wutti und Markus Hayden.

18 Interviews hat Daniel Wutti mit Forscherinnen und Forschern der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften geführt, um einer Definition von Wissenstransfer in diesen Fächern nachzuspüren. Gleichzeitig ging es ihm auch darum zu eruieren, warum die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich um Wissenstransfer bemühen, welche Erfolge sie dabei verzeichnen und welche Hemmnisse sie erleben. Die Definition lässt sich laut ihm wie folgt zusammenfassen: „Wissenstransfer in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ist Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Öffentlichkeit bzw. die Praxis und auch wieder zurück, unter Anderem zum Zwecke der Bewusstseinsherstellung.“ Zu betonen sei dabei, dass Wissenstransfer in diesen Fächern keine primär ökonomische Zielsetzung habe und sich vom Begriff des Wissenstransfers in technischen oder wirtschaftlichen Bereichen sowie ebenso vom Transfer von Wissen innerhalb der Scientific Community abgrenze.

Wutti führt weiter aus: „Ein bedeutender Teilbereich betrifft die Wissenschaftskommunikation, etwa die Kooperation mit Medien.“ Als Beispiele für ihre Arbeit in Sachen Wissenstransfer nannten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die „Lange Nacht der Forschung“, die „UNI für Kinder“, aber auch andere (auch extern organisierte) Veranstaltungsformate, die an die Öffentlichkeit gerichtet sind. Viele Forscherinnen und Forscher seien demnach im engen Kontakt mit Medien und würden eigene Aktivitäten setzen. Ein wichtiger Teilbereich sei die so genannte „Science-to-Professionals“-Arbeit: Wissenschaftliche Erkenntnisse werden direkt an die betroffene Berufsgruppe vermittelt, oft wird sogar in enger Partnerschaft mit den ProfessionalistInnen geforscht. Beispielsweise ist dies bei der Didaktikforschung der Fall, wenn Wissenstransfer an Lehrerinnen und Lehrer stattfindet. „Auch die universitäre Lehre verstehen viele als Wissenstransfer, werden doch oft alltagsrelevante bzw. gesellschaftlich relevante Themen in der Lehre behandelt oder Lehrveranstaltungen mit konkretem Praxisbezug angeboten“, so Wutti.

Viele Geistes-, Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen, so zeigen die Ergebnisse von Wutti und Hayden, würden diese Arbeit im Bereich des Wissenstransfers als persönliche Pflicht begreifen, da es gelte, die Gesellschaft über die Forschungsarbeit zu informieren und auch zur Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse beizutragen. Die Ansprache eines über die Scientific Community hinaus erweiterten Publikums erleben viele als lohnend, aber auch die Erlangung von Reputation, die Aufbesserung des eigenen Lebenslaufs oder finanzielle Interessen könnten hinter dem Engagement in Sachen Wissenstransfer stehen.

„Viele wollen ihre Ergebnisse über die Wissenschaftscommunity hinaus kommunizieren. Gleichzeitig berichteten aber auch einige Forscherinnen und Forscher in den Interviews von ihrer subjektiven Wahrnehmung, sie würden sich mehr Wertschätzung für ihre Tätigkeiten wünschen“, führt Wutti aus. Oftmals gehe die Arbeit an „Science-to-Science“-Publikationen oder –Vorträgen vor, da dieser Output bei der Erfüllung von Kennzahlen hilfreich ist. „Science-to-Professionals“ oder „Science-to-Public“ sei weniger angesehen. „Guter“ Wissenstransfer sei auch aufwändig und würde entsprechende Unterstützung benötigen.

Wie umfassend dennoch in dem Bereich gearbeitet wird, zeigt die Auswertung des Forschungsoutputs an der Alpen-Adria-Universität im Beispieljahr 2014: „Die Zahlen zeigen einen beachtlichen Anteil an Arbeiten im Bereich Science-to-Professionals bei den Publikationen und Vorträgen. Die Tätigkeit im Feld Science-to-Public scheint dagegen geringer ausgeprägt, dies lässt sich aber wahrscheinlich auch damit erklären, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Kategorisierung eher zu dem favorisierten Science-to-Science tendieren.“, berichtet Markus Hayden.

Wutti und Hayden wollen im zweiten Projektjahr nun verstärkt an Visionen und Vorschlägen arbeiten, wie Wissenstransfer zu größerer Würdigung, Wahrnehmung und Unterstützung kommen könnte. „Es geht darum, Wissenstransfer in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sicht- und darstellbar zu machen.“ Dabei müsse über die Grenzen von klassischer „Wissenschaftskommunikation“ hinaus gedacht werden. Wissenstransfer könnte demnach beispielsweise auch bei klassischen Science-to-Science-Projekten mitgedacht und in der Folge auch gewürdigt werden.

Mit diesem Vorhaben versucht das WTZ Süd auch dem Anspruch des FWF gerecht zu werden. Dieser bemüht sich unter dem Schlagwort der „Dissemination“ schon seit mehreren Jahren um das Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse in die (Zivil-)Gesellschaft zu tragen. Neben einer open-access Strategie, die Wissen öffentlich zugänglich und nutzbar machen soll, wird auch versucht, Forschungsergebnisse auf interaktive Weise allgemein verständlich zu präsentieren.