Scholars at Risk: Wie können Universitäten Forschende gegen Angriffe schützen?

Wissenschaftler:innen finden sich zunehmend in neuen Rollen wieder: Sie sollen nicht nur neue Erkenntnisse mit wissenschaftlichen Methoden gewinnen und diese innerhalb ihrer Scientific Community vorstellen, sondern sie auch gegenüber nicht-akademischen Öffentlichkeiten kommunizieren. Dabei stoßen Forschende nicht immer auf offene Ohren, insbesondere dann, wenn sie Trigger-Punkte von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wie etwa Klimawandel, Migration, Künstliche Intelligenz, Gentechnik, Impfungen, Energiewende oder die Grundprinzipien der liberalen Demokratie treffen. Das Engagement kann in persönlichen Angriffen münden – von Diffamierungen bis Drohungen reicht die Palette. Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Vereinigung scholars at risk diskutierten am 26. Jänner 2026 Forschende und Praktiker:innen an der Universität Klagenfurt darüber, wie Universitäten Forschende in der nicht nur kritischen, sondern mitunter angriffigen Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit unterstützen können.

Sind es nur sehr seltene Einzelfälle von Forschenden, die sich Angriffen ausgesetzt sehen, oder handelt es sich um ein Problem größerer Tragweite? Zu Beginn der Diskussion brachte Andreas Scheu, Professor für „Science Communication and Science Journalism“, Befunde aus der empirischen Forschung ein. Etwa die Hälfte der in einer deutschen Studie befragten Wissenschaftler:innen habe bereits persönliche Anfeindungen erlebt. Eine internationale Studie habe zudem ermittelt, dass mehr als zwei Drittel der Befragten bereits negative Erfahrungen gemacht hätten und rund ein Fünftel sogar physisch oder sexuell bedroht worden sei. „Besonders besorgniserregend ist, dass Angriffe zunehmend nicht nur von Einzelpersonen ausgehen, sondern teilweise organisiert von ideologisch oder politisch motivierten Gruppen. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass wir es mit einem strukturellen Problem zu tun haben, das auf keinen Fall einzelnen Wissenschaftler:innen überlassen werden kann“, betonte Andreas Scheu weiter. Matthias Karmasin, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft, der die Diskussionsrunde moderierte, führte zu den Gründen für diese Situation aus: „Es ist evident, dass faktenbasiertes Wissen unter Druck gerät. Das hat damit zu tun, dass wir uns in einer sehr fragmentierten Öffentlichkeitslandschaft bewegen. Dieser Zustand ist zum einen den Plattformen zum Verkauf personalisierter Werbung und zum Data Mining geschuldet, die unter dem marketingtechnisch geschickten Begriff Soziale Medien firmieren. Zum anderen versteht sich Wissenschaft nicht mehr in der bisherigen Weise von selbst und findet in einem Feld stark konfliktärer Interessen statt.“

Jan Steinbrener, Vizerektor für Forschung und Internationales an der Universität Klagenfurt, betonte die hohe gesellschaftliche Relevanz, die mit der Problematik einhergeht: „Die letzte Erhebung des Academic Freedom Index hat gezeigt, dass die wissenschaftliche Freiheit global zurückgeht. Wir sehen diesen Trend bedauerlicherweise auch in einigen Regionen, die eigentlich als Bollwerke der Wissenschaft galten. Was darüber hinaus noch bedrückender ist, ist die Tatsache, dass die Hälfte der Menschen global in Systemen wohnen, in denen wissenschaftliche Freiheit nicht existent ist.“ Weil sich die Angriffe in der Regel gegen einzelne Personen, nicht aber gegen Institutionen richten, gelte es an Angeboten zu arbeiten, mit denen Forschende unterstützt werden können. Denn, so Jan Steinbrener weiter: „Die Universitäten haben als Institutionen in unseren Demokratien den Auftrag, die Wissenschaftsfreiheit sicherzustellen.“

Aus Sicht der Praxis brachte Romy Müller, zuständig für Forschungskommunikation an der Universität Klagenfurt, ein, dass sowohl Themen, Aufbereitung und Kanäle strategisch gewählt werden müssten, um potenzielle Angriffe zu verhindern: „Nicht jedes Thema eignet sich für den Diskurs auf Social-Media-Plattformen. Man muss davon ausgehen, dass man dort insbesondere mit Trigger-Themen keinen kommunikativen Mehrwert gewinnen kann. Die traurige Tatsache ist dabei: In der aktuellen Medienwelt kann dies tatsächlich dazu führen, dass manche Themen weniger sichtbar werden als andere.“ Den Silencing-Prozessen, die damit einher gehen, könne man entgegenwirken, indem man auf andere Formate setze: „Im persönlichen Gespräch schlägt einem in der Regel nicht Hass und Diffamierung entgegen, wie dies vielleicht in den Kommentarspalten auf Facebook und Co der Fall ist. Deshalb bemühen wir uns zusätzlich um Formate, bei denen sich Menschen direkt miteinander austauschen.“ Angesichts von negativen Reaktionen dürfe man Wissenschaftskommunikation dennoch nicht aufgeben, betonte Romy Müller: „Wir haben als wissensbasierte Gesellschaft viel zu verlieren. Daher zählt jede positive Begegnung.“ Dabei könne man, so Jan Steinbrener, stets auf große Erfolgsgeschichten der Wissenschaft verweisen: „Auch Wissenschaftsskeptiker nutzen Smartphones, die durch rasanten technologischen Fortschritt ermöglicht wurden – das ist ein Oxymoron per se. Der medizinische Fortschritt seit der Erfindung des Antibiotikums ist phänomenal, und nutzt auch jenen, die eigentlich kritisch sind.“ Darauf lasse sich im Austausch hinweisen; schwierig werde es, wenn Fakten völlig ins Abseits geraten und keine gemeinsame Basis vorhanden ist.

Doch was können nun betroffene Forschende tun, die angegriffen und mitunter bedroht werden? Lena di Gaspero, Juristin in der Rechtsabteilung der Universität Klagenfurt, betonte: „Die Angriffe können von Hass bis zu Beleidigung, Verhetzung und Verleudmung reichen. Daher ist es aus rechtlicher Sicht elementar, zuerst den Sachverhalt – auch in Hinblick auf einen möglichen gesetzlichen Tatbestand – zu klären.“ Lena di Gaspero verwies dabei auf eine Reihe von Beratungsangeboten, die es bereits gibt. So würde die deutsche Vereinigung SciComm einen Leitfaden anbieten, der eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen biete: „Hier erhalten Forschende Beratung, wie man beispielsweise rechtssichere Screenshots anfertigt, wie man einen Sachverhalt am besten darstellt und wie man sich anwaltlich vertreten lässt, damit man gegen Angriffe vorgehen kann.“ Mit Scicomm bietet die Universität Klagenfurt nun am 26. März 2026 einen ersten universitätsinternen Workshop zu Fragen an, wie man sich vor Angriffen schützt und wie man sein Recht wahrt. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften habe mit „Science Care“ eine Beratungsstelle, die auch Unterstützung anbietet. Wichtig sei dabei rasche und unkompliziert erreichbare Unterstützung. Sollte es zu gefährlichen Drohungen, Stalking und ähnlichen Angriffen kommen, betonte Lena di Gaspero, dass die Polizei die zentrale Anlaufstelle für akute Fälle sei.

Dass Recht freilich nicht immer leicht durchzusetzen sei, betonte Matthias Karmasin: „Wir haben es mit internationalen Plattformen zu tun, die häufig schwer zur Verantwortung zu ziehen sind. Wenn wir aber eine Person hinter einem Pseudonym ausforschen lassen müssen, brauchen wir sie.“ Einzelne Forschende würden sich häufig übermächtigen Strukturen gegenübersehen. Um Beratungsangebote und Unterstützung möglichst einfach zugänglich zu machen, seien zentrale Anlaufstellen an Universitäten erforderlich. Noch wissen viele Wissenschaftler:innen häufig nicht, wohin sie sich wenden können; dem könne man entgegenwirken, indem ein solcher „one stop shop“ definiert werde.

„Wenn öffentliche Wissenschaft strategisch gewollt ist, dann muss sie auch institutionell abgesichert werden. Das bedeutet: Befähigung und Sensibilisierung im Vorfeld, professionelle Begleitung während öffentlicher Kommunikation und klare, verlässliche Strukturen für den Fall, dass Kommunikation eskaliert. Dafür braucht es niedrigschwellige Anlaufstellen, klare Prozesse und vor allem die explizite Übernahme institutioneller Verantwortung – nicht nur durch einzelne Hochschulen, sondern auch durch Förderorganisationen und Politik, die Wissenschaftskommunikation aktiv einfordern“, betonte Andreas Scheu dazu in seinem abschließenden Statement.

Zur Veranstaltung



Podiumsdiskussion: „Truth Matters: Public Outreach und die Verantwortung von Universitäten“

Montag, 26. Jänner 2026 | 17:00 Uhr | Vorstufengebäude der Universität Klagenfurt

Am Podium:

  • Jan Steinbrener (Vizerektor für Forschung und Internationales)
  • Andreas Scheu (Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Klagenfurt sowie Institut für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)
  • Lena di Gaspero (Rechtsangelegenheiten)
  • Romy Müller (Uni Services, Forschungskommunikation)

Die Diskussion wurde moderiert von Matthias Karmasin (Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Klagenfurt sowie Institut für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften).