IfEB-Spotlight Juni 26: Anna Krivograd „Bildungsbiografien im Spannungsfeld von Struktur, Anpassung und Subjektwerdung“

Arbeitstitel: Bildungsbiografien im Spannungsfeld von Struktur, Anpassung und Subjektwerdung. Interdisziplinäre Perspektiven auf Bildung, Ungleichheit und Subjektivierungsprozesse im mehrgliedrigen Schulsystem

Warum verlaufen Bildungswege selten so geradlinig, wie es das Bildungssystem eigentlich vorsieht? Diese Frage steht im Zentrum meiner Dissertation, in der ich Bildungsbiografien als individuelle Aushandlungsprozesse im Spannungsfeld von schulischen Strukturen, gesellschaftlichen Leistungserwartungen und der subjektiven Verarbeitung von Bildungserfahrungen untersuche. Besonders interessiert mich dabei, wie Menschen ihre eigenen Bildungswege rückblickend deuten und welche Rolle schulische Übergänge, Leistungsbewertungen oder Zuschreibungen dabei spielen. Bildungsbiografien sind für mich deshalb ein besonders spannendes Forschungsfeld, weil sich in ihnen persönliche Entscheidungen, institutionelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Ungleichheiten miteinander verschränken und dabei gezeigt wird, dass individuelle Bildungswege nicht allein durch persönliche Entscheidungen oder vorstrukturierte Abläufe, wie sie das Bildungssystem vorsieht, entstehen.

Thematisch knüpft meine Dissertation an mehrere zentrale Fragestellungen der Bildungswissenschaft an, insbesondere an die Forschung zu Bildungsungleichheit, Bildungsbiografien und Übergängen im Bildungssystem. Gleichzeitig verbindet sie erziehungswissenschaftliche Perspektiven mit psychologischen Ansätzen, etwa zu Selbstkonzept, Motivation und Lernorientierungen. Auf diese Weise möchte ich besser verstehen, wie strukturelle Bedingungen des Bildungssystems und individuelle Erfahrungen miteinander zusammenwirken und Bildungswege prägen. Gerade im österreichischen mehrgliedrigen Bildungssystem, das durch frühe Differenzierung und institutionelle Übergänge gekennzeichnet ist, ergeben sich dabei besonders interessante Fragestellungen.

Methodisch arbeite ich mit einer Kombination aus quantitativen und qualitativen Forschungszugängen auf Grundlage der Grounded Theory. Zunächst erhebe ich in einer quantitativen Studie Daten zu Bildungswegen und Übergangserfahrungen junger Erwachsener zwischen 20 und 35 Jahren. Zusätzlich werden vertiefende biografisch-narrative Interviews durchgeführt, in denen die Teilnehmenden ihre Bildungsbiografien ausführlich erzählen. Ziel ist es, sowohl strukturelle Muster in Bildungswegen sichtbar zu machen als auch zu rekonstruieren, wie Menschen selbst ihre Bildungserfahrungen interpretieren und verarbeiten. Durch diese Kombination unterschiedlicher Methoden können sowohl größere Zusammenhänge als auch individuelle Perspektiven berücksichtigt werden.

Ein wichtiger Lernprozess während meiner bisherigen Studienlaufbahn ist, dass Forschungsprozesse selten linear verlaufen. Fragestellungen entwickeln sich im Laufe des Arbeitsprozesses weiter, theoretische Perspektiven verändern sich und manchmal führen gerade unerwartete Ergebnisse zu den interessantesten Einsichten. Studierenden würde ich daher raten, einerseits die eigene Fragestellung frühzeitig klar zu formulieren, Schritt für Schritt weiterzuentwickeln und dabei offen für neue Entwicklungen zu sein. Andererseits ist es wichtig, diesen offenen Prozess nicht als Problem zu sehen, sondern als Teil wissenschaftlicher Erkenntnis. Ziel ist nicht, sofort alle (richtigen) Antworten zu haben, sondern vor allem, gute Fragen zu stellen und offen für neue Perspektiven zu bleiben.

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