IfEB-Spotlight Dezember 25: Angelika Messner „Verfolgung homosexueller Menschen im Nationalsozialismus in Österreich“

Verfolgung homosexueller Menschen im Nationalsozialismus in Österreich. Historische Ereignisse, Kontinuitäten, Nachwirkungen, Erinnerungskultur

Welches Thema bearbeitest du und was bedeutet es für dich?

Meine Masterarbeit befasst sind mit der Verfolgung homosexueller Menschen im Nationalsozialismus in Österreich – ein Thema, das über Jahrzehnte hinweg in der Geschichtsschreibung marginalisiert, oder gar verschwiegen wurde. Ich rekonstruiere darin historische Ereignisse, rechtliche und gesellschaftliche Mechanismen der Diskriminierung und Verfolgung und analysiere die langfristigen Kontinuitäten von Stigmatisierung und Ausgrenzung, die bis in die Gegenwart wirken.

Für mich bedeutet dieses Thema weit mehr als ein wissenschaftliches Projekt. Es ist ein Beitrag zur Sichtbarmachung einer verdrängten Opfergruppe und eine kritische Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, die Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung ermöglichen. Die Beschäftigung mit den Schicksalen homosexueller Menschen im NS-Regime ist auch eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung, mit kollektivem Gedächtnis und mit Erinnerungsarbeit als Prävention. Es geht darum, das „Totgeschwiegene“ in Worte zu fassen und damit einen Beitrag zur Erinnerungskultur und Menschenrechtsbildung zu leisten.

Wie ist dieses Thema mit deinem Studium verbunden?

Das Thema ist inhaltlich und konzeptionell eng mit dem Masterstudium Diversitätspädagogik in Schule und Gesellschaft verknüpft. Dieses Studium zielt darauf ab, gesellschaftliche Diversität in ihren sozialen, kulturellen und historischen Dimensionen zu verstehen und pädagogisch-reflektierend mit ihr umzugehen.  Die Auseinandersetzung mit der Verfolgung homosexueller Menschen im Nationalsozialismus eröffnet dabei eine tiefgreifende, historische Perspektive auf Mechanismen von Diskriminierung, Macht, Normierung und Ausgrenzung, die auch in heutigen Bildungskontexten wirksam sein können.

Die Verbindung zwischen dem Thema meiner Masterarbeit und dem Masterstudium der Diversitätspädagogik liegt in der gemeinsamen Zielsetzung: Bewusstsein für Vielfalt zu fördern, Diskriminierungsmechanismen sichtbar zu machen und Bildung als Raum von Diversität und Emanzipation zu begreifen.

Wie gehst du im Forschungsprozess vor?

Der Forschungsprozess meiner Masterarbeit basiert auf einem interdisziplinären, qualitativen-empirischen Ansatz, der historische, rechtliche und pädagogische Perspektiven miteinander verknüpft. Ausgangsbasis ist eine umfassende theoretische und historische Analyse, bei der ich Archivmaterialien, juristische Quellen, wissenschaftliche Fachliteratur, sowie zeitgeschichtliche Dokumente untersucht habe. Ziel war es, die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Mechanismen zu rekonstruieren, die die Verfolgung homosexueller Menschen im Nationalsozialismus ermöglichten. Von besonderer Relevanz für meine Forschung sind die zwischen 1945 und 1971 erfolgten juristischen Repressionen, die fortgesetzte gesellschaftliche Ausgrenzung, sowie die über Jahrzehnte andauernde Leugnung dieser Opfergruppe.

Um die historische Analyse zu vertiefen und die Perspektive gegenwärtiger Forschung zu integrieren, führte ich Expert*inneninterviews mit namhaften Historiker*innen durch. Diese Expert*innen sind in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der NS-Verfolgung homosexueller Menschen, wie auch in der pädagogischen Vermittlung tätig. Die Aussagen der Interviewpartner*innen wurden systematisch mit den historischen Befunden verglichen, um Übereinstimmungen, eventuelle Spannungen und neue Interpretationsansätze sichtbar zu machen. Auf diese Weise konnte ich nicht nur den aktuellen Stand der Geschichtsforschung einordnen, sondern auch die pädagogische Relevanz von Erinnerungskultur herausarbeiten.

Was möchtest du andern Studierenden an Erfahrung und Tipps mitgeben?

Ein für mich guter Rat ist: Wählt ein Thema, das euch emotional und intellektuell berührt. Forschung ist ein langwieriger, manchmal anstrengender Prozess, aber echte Motivation entsteht, wo wissenschaftliches Interesse und persönliche Relevanz zusammentreffen.

Ich möchte anderen Studierenden mitgeben, dass eine Masterarbeit nicht nur ein wissenschaftliches Projekt ist, sondern auch ein persönlicher Lernprozess.

Rückschläge und Schreibblockaden sind im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten unvermeidlich und sollten als Teil des Lernprozesses verstanden werden. In solchen Phasen ist es von Bedeutung, das Vertrauen in den eigenen Forschungsweg aufrechtzuerhalten, das Gespräch mit den Betreuer*innen zu suchen, den Austausch mit Mitstudierenden in Anspruch zu nehmen, sowie institutionelle Unterstützungsangebote, wie die des Schreibcenters zu nutzen.

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IfEB-Spotlight November 25: Adriana Nedwed „Montessori im digitalen Rampenlicht“

Welches Thema bearbeitest Du und was bedeutet es für Dich?

„Montessori im digitalen Rampenlicht: Eine visuelle Cross-Plattform-Analyse der Inszenierung der Montessori-Pädagogik zwischen Romantisierung und Realität aus erziehungswissenschaftlich-ratgeberforschungstheoretischer Perspektive“

In meiner Masterarbeit analysiere ich die Darstellung der Montessori-Pädagogik auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, TikTok und Pinterest. Im Zentrum steht die Frage, wie ein reformpädagogisches Konzept in den digitalen Raum übertragen und dort visuell romantisiert wird. Zahlreiche Beiträge konstruieren ein idealisiertes Bild von Erziehung: Kinder erscheinen in ruhiger Beschäftigung mit Montessori-Materialien, Räume sind minimalistisch und stilvoll gestaltet, und familiäre Situationen wirken harmonisch und konfliktfrei. Diese Darstellungen blenden jedoch die Komplexität und Widersprüchlichkeit pädagogischer Praxis häufig aus. Das Spannungsfeld zwischen romantisierender Inszenierung und gelebter Realität bildet daher den analytischen Fokus meiner Arbeit. Für mich ist das Thema bedeutsam, weil es zeigt, wie stark Medien unsere Vorstellungen von Kindheit, Elternschaft und „guter Erziehung“ prägen – und weil es wichtig ist, diese Diskrepanz zwischen digitaler Romantisierung und gelebter Realität sichtbar zu machen.

Wie ist dieses Thema mit Deinem Studium verbunden?

Ich studiere im Master Diversitätspädagogik in Schule und Gesellschaft an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. In meinem Studium beschäftigen mich vor allem Fragen zu Erziehungsvorstellungen, gesellschaftlichen Diskursen und Bildungszugängen. Mein Masterarbeitsthema verbindet dabei erziehungswissenschaftliche, medienpädagogische und ratgeberforschungstheoretische Perspektiven – ein Mix, der genau zu meinem Studienprofil passt.

So kann ich nicht nur analysieren, wie Montessori auf Social-Media-Plattformen dargestellt wird, sondern auch reflektieren, welche Orientierung diese Darstellungen Eltern bieten und welche Risiken – etwa Überforderung durch idealisierte Vorbilder – damit verbunden sein können. Mein Thema zeigt damit nicht nur die interdisziplinäre Offenheit meines Studiums, sondern macht auch deutlich, wie wichtig es ist, Erziehung in Zeiten digitaler Kulturen genau zu betrachten.

Wie gehst Du im Forschungsprozess vor?

Methodisch arbeite ich mit der Visual Cross-Platform Analysis (VCPA), einem qualitativ-interpretativen Ansatz, der den Vergleich visueller Inhalte über mehrere Plattformen hinweg ermöglicht.

  • Auf der Makro-Ebene untersuche ich plattformübergreifende Muster: Welche Bildsprachen, Farbcodes und Narrative tauchen auf?
  • Auf der Meso-Ebene arbeite ich mit Bildtypologien und Clustern, um wiederkehrende Ästhetiken – etwa bestimmte Inszenierungen von Kinderzimmern oder Spielsituationen – sichtbar zu machen.
  • Auf der Mikro-Ebene führe ich Close Readings einzelner Beiträge durch. Hier betrachte ich zum Beispiel die Komposition, den Einsatz von Hashtags, Emojis, Audioelementen (bei TikTok) und die narrative Rahmung.

Darüber hinaus reflektiere ich die „digitalen Verzerrungen“ (Digital Bias), also die Rolle von Algorithmen, Plattformlogiken und ästhetischen Selektionsmechanismen. Denn die Inhalte, die wir auf Social Media sehen, sind nicht neutral, sondern durch technische und ökonomische Logiken geprägt – und das beeinflusst, welche Erziehungsbilder überhaupt sichtbar werden.

Was möchtest Du anderen Studierenden an Erfahrungen und Tipps mitgeben?

Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass eine gute Planung unglaublich wichtig ist. Ein klar strukturierter Zeitplan gibt Halt und hilft dabei, den Überblick zu behalten – gerade, wenn die Menge an Literatur und Material zunächst überwältigend erscheint. Egal, ob man eher der Typ für konzentriertes Alleinarbeiten ist oder den Austausch sucht – beides ist möglich und wertvoll. Wer lieber für sich arbeitet, kann lernen, sich feste Routinen zu schaffen und konsequent daran festzuhalten. Wer sich gerne mit anderen vernetzt, profitiert oft von Gesprächen, die neue Perspektiven eröffnen oder motivieren. Wichtig ist, die eigene Arbeitsweise zu akzeptieren und zu nutzen. Gleichzeitig sollte man offen bleiben: Vieles entwickelt sich erst im Prozess, und neue Ideen entstehen oft direkt aus der Arbeit am Material. Mein wichtigster Tipp wäre: Dranbleiben! Auch wenn man an einem Tag „nur“ einen Absatz gelesen, einen Satz geschrieben oder neue Literatur gesucht hat – es ist ein Fortschritt, und all diese kleinen Schritte summieren sich. Und nicht zuletzt: Vergesst nicht die Freude am Thema. Die Arbeit an einer Masterarbeit ist anspruchsvoll, aber sie bietet auch die Möglichkeit, sich intensiv mit einem Bereich zu beschäftigen, der einem wirklich am Herzen liegt.

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IfEB-Spotlight Juni 25: Rosemarie Schöffmann „Intersektionale Bildung glokal“

Welches Thema bearbeitest Du und was bedeutet es für Dich?

„Intersektionale Bildung glokal. Politische Pädagogiken zwischen kolonialer Moderne und Transformation“

Mit meinem Dissertationsprojekt möchte ich theoretische Perspektiven zusammendenken; jene einer intersektionalen Pädagogik, politische Pädagogiken, welche unter dem Begriff Global Citizenship Education gefasst sind, sowie post- und dekoloniale Perspektiven auf Bildungsprozesse. Politischen Pädagogiken ist ihr transformatives Potenzial inhärent. Mein Forschungsinteresse liegt vor allem im Potenzial transformativer Lernprozesse in non-formalen Bildungskontexten, wobei die Frage im Fokus steht, wie in nicht formalisierten Settings Verlern-, Gesprächs- und Möglichkeitsräume eröffnet werden können. Hierzu möchte ich unterschiedliche Bildungskollektive beforschen und insbesondere die dort entstehenden Gruppenlernräume auf ihr potenzielles transformatives Bildungspotenzial befragen.

Wie ist dieses Thema mit Deinem Studium verbunden?

Dieses Thema ist mit meinen Studien als auch mit meinen Erfahrungen in der praktischen und aktivistischen Arbeit verbunden: Ich habe durch meine Arbeit in einer feministischen Beratungsstelle, in der ich vor allem auf praktischer Ebene innerhalb unterschiedlicher Angebote wie einem Berufsorientierungskurs für junge Frauen*mit Migrationserfahrung und einem tagesstrukturierenden Projekt für Jugendliche der Zielgruppe NEET (Not in Education, Employment or Training) Einblick in intersektionale Pädagogiken in Theorie und Praxis bekommen. Durch den Masterlehrgang Global Citizenship Education an der Universität Klagenfurt wurde meine Perspektive zudem um eine post- bzw. dekoloniale Perspektive erweitert.

Außerdem engagiere ich mich seit mehreren Jahren im queer-feministischen Kollektiv GemSe (Gemeinsam Sein – https://gemse.org/) in Kärnten. Durch das immer weiter Hineinwachsen in die Struktur des Kollektivs bekam ich einen tiefen Einblick in die Mechanismen und Wirkungsbereiche unterschiedlicher politischer Kollektive im deutschsprachigen Raum, die auf einer praktischen als auch gesellschaftspolitischen Ebene an Veränderungen vor dem Hintergrund der (derzeitigen) multiplen Krisen arbeiten.

Wie gehst du im Forschungsprozess vor?

Ich besuche im Rahmen meines Dissertationsprojekts vier Bildungsinitiativen und nehme dort jeweils an einem Bildungsangebot teil. Danach führe ich Interviews mit Teilnehmer*innen als auch mit den Verantwortlichen bzw. anleitenden Personen. Zurzeit bin ich gerade dabei, diese Forschungsaufenthalte zu koordinieren und die Fragen für die Interviews zu verfeinern.

Was möchtest Du anderen Studierenden an Erfahrungen und Tipps geben?

Seid offen für neue Fragestellen und versucht „out of the box“ zu denken. Von einer Summer School in Porto zu dekolonialen Zugängen zu Bildungsprozessen habe ich folgendes Zitat mitgenommen: „Having many doubts together“. Konstante Reflexion stellt einen wichtigen Pfeiler meines Forschungsprozesses dar.

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IfEB-Spotlight Mai 25: Maria Thaller „Gewalt in der Geburtshilfe“

Welches Thema bearbeitest Du und was bedeutet es für Dich?

„Gewalt in der Geburtshilfe: Vom Objekt zum Subjekt – eine kritische Analyse der gegenwärtigen Geburtskultur“

Hier geht es um weit mehr als um ein Forschungsvorhaben – hier werden die Themen Menschenwürde, Frauenrechte, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Verantwortung verhandelt.

Im Zentrum meiner Arbeit steht die Frau als aktives Subjekt – mit ihrem Recht auf eine würdevolle und frauenzentrierte Geburt. „Gewalt in der Geburtshilfe“ – in den physischen, psychischen, politischen und strukturellen Facetten von Gewalt – stellt ein fundamentales Hindernis für eine menschenwürdige Begleitung dar. Trotzdem ist dieses Thema immer noch weitgehend von vielen Beteiligten tabuisiert und durch patriarchale Machtstrukturen geprägt, die durch Technisierung, Medikalisierung und ökonomischen Druck zusätzlich verschärft werden. Und in Österreich fehlt es bislang an einer belastbaren empirischen Basis, was einen offenen, interdisziplinären Diskurs um gezielte Verbesserungen erschwert.

Als diplomierte Pflegefachkraft habe ich wiederholt erlebt, wie ungleiche Machtverhältnisse, unreflektierte Routinehandlungen und vieles mehr im geburtshilflichen Alltag die gebärende Frau von einem handelnden Subjekt zum Objekt degradieren – was zu Entmündigungen, übergriffigen oder medizinisch nicht gerechtfertigten Eingriffen führen kann. Aber Frauengesundheit umfasst weit mehr als den körperlichen Aspekt: Sie adressiert stets gleichwertig auch das seelische und soziale Wohlbefinden. Die Geburt ist eine Phase höchster Verletzlichkeit und gleichzeitig ein bedeutsamer Neubeginn, in der jede Frau eine respektvolle, unterstützende und selbstbestimmte Begleitung erwartet und verdient. Eine interventionsarme Geburt fördert nicht nur den physiologischen Rückbildungsprozess und das Selbstvertrauen, sondern legt zugleich den Grundstein für eine starke und liebevolle Mutter-Kind-Bindung und setzt ein kraftvolles gesellschaftliches Zeichen für Würde und Gerechtigkeit. Mit einer wertschätzenden Geburtshilfe, die Frauen als aktive, selbstbestimmte Subjekte anerkennt, prägen wir eine friedvollere und frauengerechte Zukunft.

Wie ist dieses Thema mit Deinem Studium verbunden?

Das Studium der Sozialpädagogik und Sozialen Inklusion an der Universität Klagenfurt/Celovec bietet das theoretische Fundament, um gesellschaftliche Machtverhältnisse und Ausgrenzungsprozesse systematisch zu reflektieren-, durch sozialpädagogische Konzepte wie Ressourcenorientierung, Empowerment-, aber auch durch eine kritische Haltung gegenüber Hierarchien. Das bedeutet für mein Thema: Frauen sollen in der Geburtshilfe nicht länger als passive Objekte medizinischer Eingriffe betrachtet werden, sondern als Expertinnen ihres Körpers, die ihre Bedürfnisse artikulieren, Entscheidungen mitgestalten und sich selbstbestimmt einbringen können. Feministische Theorien sind hierbei eine wichtige Grundlage, um die männlich definierte – Pathologisierung von Schwangerschaft und Geburt kritisch zu beleuchten. Diese Theorien lassen verstehen, wie Frauen durch patriarchale Narrative systematisch entmündigt werden und dass – entgegen allen Menschenrechten – heute als selbstbestimmte Subjekte mit eigenen Perspektiven und Körpererfahrungen weder wahrgenommen noch so respektiert werden.

Ein systemkritischer Blick zeigt zudem, wie stark die Geburtshilfe vom kapitalistischen System beeinflusst wird. Ökonomischer Druck, Zeitmangel und Effizienzlogik führen dazu, dass Geburten oft standardisiert und technisiert werden, anstatt auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Diese Profitlogik verstärkt patriarchale Machtstrukturen und marginalisiert die körperliche und seelische Erfahrung von gebärenden Frauen. Kommunikationstheoretische Ansätze helfen, die Dynamiken zwischen Fachpersonal und Gebärenden besser zu verstehen. Sprache, nonverbale Signale und das Machtgefälle in medizinischen Institutionen bestimmen maßgeblich, ob Frauen als aktive Subjekte respektiert oder in eine passive Rolle gedrängt werden. So erleben gebärende Frauen die Geburt entweder als etwas, das sie selbst aktiv gestalten, oder als ein Ereignis, bei dem sie lediglich ein Objekt sind.  Für mich verbindet sich all das zu einer Vision von Geburtshilfe, die Gerechtigkeit, Chancengleichheit und eine achtsame, dialogische Kommunikationskultur miteinander vereint.

Wie gehst Du im Forschungsprozess vor?

Meine Forschung begann mit einer umfangreichen Literaturrecherche, um den aktuellen Stand der internationalen und nationalen Debatte zu erfassen. Parallel dazu habe ich ein Forschungstagebuch geführt, in dem ich meine Beobachtungen, Gedanken, Reflexionen und Entwicklungsschritte festgehalten habe, um mein Vorgehen kritisch zu hinterfragen und den roten Faden meiner Arbeit stets im Blick zu behalten. Um Interviewpartner:innen über mein Forschungsvorhaben umfassend und transparent zu informieren, habe ich zur Vorbereitung der Interviews einen Folder erstellt, der die Ausgangslage, das Forschungsinteresse und zentrale Punkte der Forschung darstellt.

So habe ich 22 Interviews durchgeführt. Mit geburtshelfendem Personal – sowohl aus dem institutionalisierten als auch aus dem alternativen Bereich – habe ich leitfadengestützte Expert:inneninterviews geführt. Um das umfangreiche Material gezielt zu reduzieren und zentrale Aussagen herauszuarbeiten, habe ich diese anschließend mithilfe der strukturgeleiteten Textanalyse nach Auer/Schmid ausgewertet. Mit betroffenen Frauen, Autor:innen und Vertreter:innen von Interessenvertretungen habe ich narrative Interviews geführt, die ich – je nach Inhalten mit einer Sequenz- oder Systemanalyse ausgewertet habe. So konnte ich nicht nur offensichtliche, sondern auch subtilere und oft schwer zu fassende Formen struktureller Gewalt identifizieren.

Abschließend habe ich alle Ergebnisse in einer SWOT-Analyse gebündelt, um Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken in der aktuellen Geburtshilfe sichtbar zu machen und daraus praxisnahe Empfehlungen für eine frauenzentrierte, gewaltfreie und systemkritische Geburtshilfe abzuleiten. Dieses vielschichtige Vorgehen ermöglicht es mir, sowohl individuelle Erlebnisse als auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen klar zu benennen und daraus konkrete Handlungsansätze zu entwickeln.

Was möchtest Du anderen Studierenden an Erfahrungen und Tipps mitgeben?

Ich möchte Studierenden mitgeben, dass eine Masterthesis weit mehr ist als eine Prüfungsleistung. Sie bietet die Möglichkeit, gesellschaftlich relevante Themen zu bearbeiten und wertvolle Impulse für Veränderungen zu setzen. Besonders hilfreich war für mich ein kontinuierlich geführtes Forschungstagebuch, um meine Gedanken, Beobachtungen, Herausforderungen im Forschungsfeld sowie Unsicherheiten festzuhalten und mich auch in schwierigen Phasen immer wieder neu zu orientieren. Dabei ist es völlig normal, Höhen und Tiefen zu erleben – entscheidend ist, den roten Faden nicht zu verlieren, auch wenn er sich gerne als unentwirrbares Knäuel präsentiert. Mit aktiver Unterstützung und Offenheit für neue Erkenntnisse lässt er sich jedoch entwirren.

Zudem empfehle ich, die Masterarbeit als eigenständiges Projekt zu betrachten und realistisch zu planen. Das Dreieck aus Zeit, Kosten und Qualität bietet eine gute Orientierung und hilft, flexibel auf unerwartete Herausforderungen zu reagieren. Besonders ans Herz legen möchte ich die „10 Gebote zur Feldforschung“ von Roland Girtler, die zu einer offenen, neugierigen und respektvollen Haltung gegenüber dem Forschungsfeld ermutigen. Gerade in der sozialwissenschaftlichen Forschung sind diese Grundhaltungen entscheidend, um nicht nur verlässliche Ergebnisse, sondern auch Vertrauen und authentische Einblicke zu gewinnen. So kann die Masterthesis nicht nur akademischen Ansprüchen genügen, sondern auch einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit, Teilhabe und gesellschaftlichem Wandel leisten. Deswegen werde ich mich bemühen, meine Ergebnisse auch zu publizieren, um sie dem Fachdiskurs und den betroffenen erschließbar zu machen.

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