Philipp Hungerländer | Foto: aau/Müller

Der Optimalist

Philipp Hungerländer erdenkt Algorithmen, die zu den besten weltweit gehören. Er strebt nach dem Optimum – mit seinen mathematischen Lösungen, im Beruflichen und im Privaten.

Philipp Hungerländer ist sich bewusst, dass es für sein Gegenüber oft schwierig ist, seinen Ausführungen zu folgen. Die Sprache der Mathematik ist nicht jedermanns Sache, und Hungerländer bemüht sich redlich darum, sie allgemein verständlich zu übersetzen. Er hat in den Zeitschriftenraum des Instituts für Mathematik eingeladen. Laptop und Beamer sind bereits aufgebaut, um schnell Illustratives zur Hand zu haben, wenn die Sprache allein nicht mehr reicht. Im Wintersemester findet Hungerländers zweite „Promotio sub auspiciis Praesidentis rei publicae“ statt, diesmal aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Mit Philipp Hungerländer sind es unter rund 1.100 Promotionen sub auspiciis seit 1952 acht Personen, die zweimal ihre Promotion in Anwesenheit des Bundespräsidenten feierten.

Hungerländer leistete jedoch nicht nur in Schule und Studium Außergewöhnliches, sondern sticht auch in der Welt der Wissenschaft hervor. Einer seiner Schwerpunkte ist die Produktionsoptimierung. Zusammen mit seinen KollegInnen fragt er sich beispielsweise, wie man unterschiedliche Maschinen in einer Fabrikshalle anordnet, um den Materialfluss zwischen den Maschinen zu optimieren und somit möglichst effizient zur Fertigstellung zu kommen. „Seit den 1960er Jahren arbeiten Forscherinnen und Forscher an dem Problem. Im Moment halten meine KollegInnen und ich für eine Reihe von Layoutvarianten den Weltrekord bezüglich der Anzahl der Maschinen, für die man eine optimale Anordnung bestimmen kann“, erklärt Hungerländer. Auf die Frage, ob er nun damit reich werden könne, winkt er ab: Mathematiker, die an der Universität arbeiten, werden selten reich. Derzeit beginnt er mit einer britischen Firma zusammenzuarbeiten, die die Optimierung von diversen Prozessen am Markt anbietet. „Durch diese neue Kooperation kann ich einerseits mehreren meiner Studierenden die Forschung an spannenden Themen über Drittmittel finanzieren und andererseits sammle ich wertvolle Erfahrungen mit Optimierungsprojekten in der Praxis“, so Hungerländer.

Anwendungsbeispiele gibt es viele: In einem weiteren Projekt mit dem deutschen Fraunhofer-Institut optimiert er 3-D-Drucker. Wenn man einen Punkt einer Fläche mit einem Laser erhitzt, kann man die umliegenden Felder nicht unmittelbar danach bearbeiten, da durch die Hitze Qualitätseinbußen zu befürchten sind. Auch hier braucht es also eine Optimierung: Wo erhitzt man in welcher Reihenfolge, um trotzdem eine möglichst kurze Gesamtweglänge und somit eine schnelle Fertigstellung zu erreichen?

Philipp Hungerländer ist begeistert von dem, was er tut. Daher nimmt er auch 60-Stunden-Arbeitswochen und mehr in Kauf, um seine Forschungsideen umzusetzen. Neue Lösungsansätze, so erklärt er, fallen ihm meistens nachts oder morgens nach dem Aufwachen ein. Doch die geniale Idee kommt nie ohne Arbeit: „Dafür muss ich mir abends nochmals genau vergegenwärtigen, an welcher Stelle ich im Moment nicht weiterkomme.“ Wer denkt, Hungerländer wäre ein Nerd, irrt. Er ist sich durchaus bewusst, dass es das Geistige mit Körperlichem auszubalancieren gilt. Daher macht er gerne Sport, aber auch das nicht gänzlich frei von Ehrgeiz: So gewann er zuletzt die akademischen Landesmeisterschaften im Tennis.

Alles zu seiner Zeit, das ist für ihn wichtig. Einen schnellen Erfolg und ein schnelles Glück gibt es weder im Beruflichen noch im Privaten. Philipp Hungerländer hat einen langen Atem, wenn es darum geht, herausragend gut und viel zu arbeiten. Auch seine privaten Perspektiven haben einen langen Atem. „Langfristig möchte ich dort leben, wo meine Familie lebt. Dazwischen wird es Stationen im Ausland geben.“

Hungerländers aktuelle Station ist das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, wo er derzeit forscht. Davor reicht er noch seine Habilitation ein. Wer so viel auf so hohem Niveau schafft, „optimiert“ auch die eigene Karriere. Ab einem bestimmten Punkt, so erzählt er, hat er die sub-auspiciis-Promotion im Blick gehabt. Wäre dann mit einer Prüfung etwas schief gegangen, hätte er sie wiederholt, was jedoch nie notwendig war.

Auch die Auswahl seiner Forschungsthemen trifft er sorgfältig: „Mir geht es darum, einen guten Risikomix sicherzustellen. Einerseits arbeite ich an Problemen, bei denen ich ziemlich sicher bin, dass ich gute Lösungen finden kann. Andererseits beschäftige ich mich auch mit bekannten, schwierigen Vermutungen, um mit ein bisschen Glück etwas sehr Bedeutendes zu schaffen.“ Seine nächsten Schritte für die Zeit nach seiner Rückkehr vom MIT hat er schon geplant. Er wird wohl weiter von sich hören lassen.

 

Auf ein paar Worte mit …Philipp Hungerländer

Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Wissenschaftler geworden wären?
Lehrer für Mathematik und Philosophie oder Sporttrainer.

Verstehen Ihre Eltern, woran Sie arbeiten?
Teilweise, da die meisten meiner Forschungsarbeiten mit spannenden Anwendungen verbunden sind.

Was machen Sie im Büro morgens als erstes?
E-mails und die über Nacht am Computer gelaufenen Experimente checken.

Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an die Mathematik zu denken?
Ja, im Urlaub mache ich sehr viel Sport, dadurch kann ich gut abschalten.

Was bringt Sie in Rage?
Ungerechtigkeit.

Und was beruhigt Sie?
Sport.

Wer ist für Sie der „größte“ Mathematiker der Geschichte und warum?
Die Leistungen sind schwer zu vergleichen, aber ich bewundere Mathematiker, die eine über Jahrhunderte offene berühmte Vermutung bewiesen haben, wie zum Beispiel Andrew Wiles oder Grigori Perelman.

Warum fürchten sich so viele vor der Mathematik?
Da sie einerseits schwierig ist, wenn man keinen guten Zugang zu ihr findet, und anderseits unser Erfolg in Schule und Studium zum Teil von unseren Mathematikfähigkeiten abhängt.

Wovor fürchten Sie sich?
Vor dem Verlust von Menschen, die mir nahe stehen, und davor, falsche Entscheidungen zu treffen.

Worauf freuen Sie sich?
Intensive Erlebnisse im Beruf und im Privaten.

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