„Der Dramatisierung, dass sich junge Menschen aktuell falsch oder gar nicht informieren, kann ich nichts abgewinnen.“
Wie verändern digitale Plattformen die öffentliche Meinungsbildung? Und welche Rolle spielen dabei Big-Tech-Unternehmen, periphere Akteur:innen und neue Formen der Mediennutzung? Im Gespräch ordnet Valerie Hase, Professorin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, aktuelle Entwicklungen ein und plädiert für einen differenzierten Blick auf die Vielfalt an Angeboten.
Frau Hase, sind Sie froh, dass Sie jetzt Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin sind und nicht vor 30 Jahren?
Wir leben in spannenden Zeiten. Das bringt für mich als Forscherin natürlich zahlreiche Vorteile. Aktuell sind Expert:innen in unserem Feld stark nachgefragt, wenn es darum geht Phänomene unserer sich wandelnden Medienwelt zu ergründen – wie zum Beispiel: Was macht Big Tech mit uns? Was können wir gegen Desinformation tun? Wie gehen wir mit Filterblasen um? Gleichzeitig sind die Polykrisen, in denen wir uns derzeit befinden, auch für die Forschung sehr fordernd. Es gibt so viele Themen, mit denen man sich befassen könnte; gleichzeitig kann die Forschung gar nicht so schnell hinterherkommen.
Mit Ihren Methoden stehen Ihnen aber auch neue Werkzeuge zur Verfügung, um das Medienverhalten der Menschen nachzuvollziehen.
Das stimmt. Ich arbeite ja stark an der Schnittstelle zur Informatik, mitunter auch mit automatisierten Methoden. Dabei gebe ich aber zu bedenken: Nur weil jetzt alles in größeren Maßstäben und viel schneller funktioniert, ist es nicht unbedingt besser. Wenn man vernünftige Analysen anstellen will, braucht auch das seine Zeit. Mir ist es außerdem wichtig, nicht die Informatik einfach in die Sozialwissenschaften zu integrieren, sondern sozialwissenschaftliche Phänomene mit neuen Methoden zu betrachten.
Wie nehmen Sie die aktuelle Medienentwicklung wahr?
Es war immer schon so, dass wir neue Formate und neue Medientypen entwickeln, die Zeit brauchen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Das haben wir auch schon in der Vergangenheit gesehen: Oft kommt es zu Beginn zu einer schnellen Adaption von neuen Medien und erst dann folgen Phasen des kritischen Hinterfragens. Als Beispiel nenne ich den Arabischen Frühling: Als Anfang der 2010er Jahre die Aufstände begannen, waren die Social-Media-Plattformen sehr hilfreich dabei, eine demokratische Kommunikationsinfrastruktur für die Bewegung zur Verfügung zu stellen. Social Media galt damals als Instrument zur Förderung von Demokratisierungsprozessen. Heute – mit den Erfahrungen, die wir gesellschaftlich seither machten – würden wir das aber schon deutlich kritischer sehen.
Klassische Medienhäuser geraten zunehmend unter – auch wirtschaftlichen – Druck. Können Sie angesichts der aktuellen Entwicklungen überhaupt bestehen bleiben?
Ich glaube, wir sollten die Vielfalt in den Blick rücken: Wir haben derzeit nicht nur mehrere Generationen von Medienkonsument:innen, sondern auch in vielen anderen Dimensionen ein vielfältiges Mediennutzungsverhalten. Über alle hinweg sehen wir in Trackingstudien, die Menschen nach ihrer Zustimmung im Internet passiv folgen, dass Menschen recht wenige Nachrichten konsumieren. Wir liegen hier zwischen drei und fünf Prozent der gesamten Internetnutzung. Wobei wir hierzu auch bedenken müssen, dass die Abgrenzung von Nachrichteninhalten gegenüber anderen Inhalten zunehmend schwieriger wird. Ja, vieles von dem, was Menschen online machen, ist nicht das Konsumieren von Nachrichten. Gleichzeitig gilt aber auch: Vieles von dem, was wir im Alltag machen, hat auch nichts mit Informationsverhalten zu tun. Und man kann Nachrichtenkonsum da wie dort vermeiden, sei es, wenn man die Tageszeitung nicht mehr aufschlägt oder sich auf Social-Media-Plattformen nicht mehr dort aufhält, wo einem Nachrichten begegnen könnten.
Ist das vorwiegend ein Problem junger Menschen?
Das möchte ich bestreiten. Der Dramatisierung, dass sich junge Menschen aktuell falsch oder gar nicht informieren, kann ich nichts abgewinnen. Uns fehlt vielmehr – altersunabhängig – genügend Medienkompetenz, um Inhalte beurteilen zu können, denen wir online und offline begegnen.
Das geplante Social-Media-Verbot bis 14 Jahren soll viele Probleme lösen.
Ich glaube, es bringt wenig, den Einstieg um ein paar Jahre nach hinten zu verschieben, wenn es nicht andere begleitende Maßnahmen in Hinblick auf Medienkompetenz gibt. Man sieht auch am Beispiel Australien, dass es immer gelingen wird, Kontrollmechanismen zu umgehen.
Brauchen wir weiterhin den Berufsstand der gut ausgebildeten Journalist:in?
Ich finde es gut und wichtig, dass es den klassischen Journalismus mit seinen Standards und Routinen gibt. Gleichzeitig übernehmen auch andere handelnde Personen Aufgaben, die den Zweck erfüllen, Menschen zu informieren. Das sehen wir beispielsweise in Krisensituationen, in denen Bürger:innen vor Ort selbst darüber berichten, was sich in ihrem Umfeld abspielt.
Wie hält man diese Akteur:innen in der Forschung auseinander?
Das ist nicht mehr so einfach. Wir sprechen in der Forschung über periphere Akteur:innen, die nicht einfach über ihre Zugehörigkeit zu einem klassischen Nachrichtenmedium identifizierbar sind, sondern die sozusagen von außen auf den Journalismus treffen. Ein Beispiel dafür sind Influencer:innen, aber auch Personen, die als Social-Media-Manager:innen in Nachrichtenorganisationen arbeiten und auch journalistische Inhalte verbreiten. Das ist auch gut so, weil wir dadurch neue Perspektiven bekommen. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich die Frage: Wem können wir vertrauen?
Der Einfluss der Big-Tech-Unternehmen auf unsere westlichen, liberalen Demokratien wird äußerst kritisch betrachtet. Wie sehen Sie diese Effekte?
Ja, es gibt problematische Angriffe auf unsere Demokratien und ja, es ist problematisch, dass diese Kommunikationsinfrastruktur fast ausschließlich großen Tech-Konzernen gehört. Ich teile die Sorge, dass viel Macht in der öffentlichen Meinungsbildung durch Big Tech monopolisiert wird. Ich möchte aber gleichzeitig in Erinnerung rufen, dass wir vor rund zehn Jahren eine andere moralisierende Panik zu Videospielen hatten, in der das bedrohliche Szenario durchgespielt wurde, dass junge Männer, die Videospiele nutzen, gewalttätig und mitunter zu Attentätern werden. Auch das hat sich nicht bewahrheitet. Ich glaube, wir finden uns immer wieder in diesen Debatten, denen wir aber nicht mit dem einen alles lösenden Ansatz begegnen können, sondern wo wir auf einer Vielzahl von Ebenen ansetzen müssen. Wir brauchen Regulierung auf EU-Ebene und Kompetenzprogramme, aber auch den politischen Willen, das auch umzusetzen. Derzeit werden die Regulierungsbemühungen unterhöhlt.
Mit Ihren Methoden arbeiten sie stark mit Daten. Stehen Ihnen nun unbeschränkt viele Daten zur Mediennutzung zur Verfügung?
Nein, das ist nicht der Fall. Es gab zwar eine goldene Zeit des Big Data, in der man davon ausging, dass Daten das neue Öl seien. Heute sind aber viele Zugänge nicht mehr verfügbar. Für manche Plattformen gibt es noch Programmierschnittstellen und wir haben nach wie vor mehr Daten, als wir vor dem Internet hatten. Das heißt aber nicht, dass diese Daten deutlich besser sind als eine klassische Umfrage oder ein klassisches Instrument. Wir müssen die Methoden clever miteinander kombinieren, damit wir einen Mehrwert haben. In der Forschung haben wir auch die Verantwortung, mit Daten und Quellen verantwortungsvoll umzugehen.
Wie konsumieren Sie denn selbst Nachrichten?
Ich habe tatsächlich noch ein Zeitungsabo und lese damit zwar keine gedruckte Zeitung, aber ihre digitalen Inhalte. Und Podcasts sind ein Trend. Ich höre selbst auch viele Podcasts. Sie ermöglichen, dass man nebenher etwas anderes machen kann, zum Beispiel die Wohnung putzen oder spazieren gehen. Das verhältnismäßig lange Format bringt auch eine Art der Entschleunigung. Das entspricht dem slow journalism, mit dem man versucht, sich einem Thema intensiv zu widmen. Und man kann selbst auswählen, wann man wem wie lange zuhört. Die Kontrolle liegt beim Publikum und das macht das Angebot sehr attraktiv.
Zur Person
Valerie Hase ist seit November 2025 als Professorin für „Digital Media and Communication“ am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Fakultät für Sozialwissenschaften tätig und Leiterin des neu gegründeten Digital Media and Methods Lab. In ihrer Forschung befasst sie sich damit, wie digitale Medien öffentliche Meinungsbildung beeinflussen. Sie untersucht, wie Informationen über verschiedene Plattformen hinweg zirkulieren – etwa in der digitalen Nachrichtenwelt oder in Krisen- und Konfliktkontexten wie Terrorismus, digitaler Propaganda oder Klimawandelkommunikation. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Entwicklung und Verbesserung digitaler Forschungsmethoden an der Schnittstelle von Sozial- und Computerwissenschaften, vor allem im Bereich der automatisierten Inhaltsanalyse, digitaler Verhaltensdaten und Verzerrungen der Computational Social Science. Ihr Ein neues, vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt beschäftigt sich mit dem Einfluss von Big Tech und digitalen Plattformen auf Demokratien, indem es der Frage nachgeht: Machen digitale Plattformen Nachrichten vielfältiger oder bedrohen sie Meinungsvielfalt?










aau/Müller

