Neue Forschung zu Renaud de Montauban: Was uns ein rebellischer Ritter über Jahrhunderte europäischer Vorstellungskraft erzählt
Ein neues, vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt, widmet sich einer der faszinierendsten, aber bislang wenig erforschten Figuren der Ritterliteratur: Renaud de Montauban, Cousin Rolands und zentrale Gestalt des Matter of France-Zyklus. Giulia Zava, Postdoc-Forscherin am Institut für Romanistik an der Universität Klagenfurt, wird untersuchen, wie sich Renauds Gestalt im Laufe der Zeit über verschiedene Gattungen und kulturelle Kontexte hinweg verändert hat.
Zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert erscheint Renaud in französischen, italienischen und spanischen Texten und verkörpert dabei den unruhigen Geist der Rebellion, der ihn von anderen Karolingischen Helden unterscheidet. Renaud stammt aus den mittelalterlichen französischen Chansons de geste des Narbonne-Zyklus und gehört zum edlen Geschlecht der Garin de Monglane. Von Anfang an wird er als tapferer Ritter dargestellt, der sich im Kampf auskennt und äußerst unabhängig ist. In den frühesten Erzählungen kämpft er an der Seite seiner Brüder im Dienste Karls des Großen, doch im Laufe der Zeit wird sein Charakter komplexer: Er ist einfallsreich, mutig und widersetzt sich manchmal offen der kaiserlichen Autorität. Als seine Legende in die italienische Tradition überging, wurde er als Herr von Montalbano und Cousin von Roland neu interpretiert und verkörperte eine Mischung aus Mut, Großzügigkeit, List und feurigem Temperament.
„Obwohl Renaud im berühmten Rolandslied nicht vorkommt, spielt er im karolingischen Zyklus eine bedeutende Rolle. Sein Widerstand gegen Autorität und seine wandelnden moralischen Werte bieten einen einzigartigen Blick auf die literarischen, kulturellen und ideologischen Transformationen des neuzeitlichen Europas“, so Giulia Zava, Leiterin des kürzlich genehmigten FWF-Projekts (DOI: 10.55776/ESP4887825). An ihrer Seite steht als Mentorin Angela Fabris. Auf folgende Fragen sollen, so erklärt sie, Antworten gefunden werden: „Warum erscheint Renaud manchmal als Held, dann wieder als Rebell oder als Gegenfigur zu Roland? Wie spiegeln diese Darstellungen die sozialen und politischen Fragen der jeweiligen Epochen wider? Und was verraten sie über die sich wandelnden Vorstellungen von Rittertum, Macht und Identität?“
Die Studie verbindet klassische literaturwissenschaftliche Analyse mit digitalen Methoden, um die Themen und Beziehungen rund um Renauds Figur zu kartieren. Ziel ist es, eine Datenbank zu erstellen, die nachzeichnet, wie Figuren und Ereignisse sich über Jahrhunderte und Regionen hinweg entwickeln. Die Ergebnisse werden auf einer interaktiven Online-Plattform zugänglich gemacht, die es Nutzer:innen ermöglicht, Renauds erzählerische Welt durch dynamische Visualisierungen zu erkunden. Giulia Zava fasst zusammen: „Indem wir Renauds Weg durch Zeit und Raum verfolgen, wollen wir neue Perspektiven für Literaturkritik, Vergleichende Literaturwissenschaft, Digitale Geisteswissenschaften, Kulturgeschichte und Gender Studies eröffnen. Schließlich wollen wir zeigen, wie ein rebellischer Ritter Jahrhunderte europäischer Vorstellungskraft erhellen kann.“










aau/Müller

