Was ist der Mensch – und was unterscheidet ihn vom „biologischen Roboter“? Wie die Künstliche Intelligenz zum großen Fragensteller der Gegenwart werden kann
Der Rechtswissenschaftler und Philosoph Andrej Zwitter ortet eine Sinnfindungskrise, mit der viele Menschen in unseren Breiten zu kämpfen haben. Lösungsansätze finden sich im Konzept des human flourishing, das zentrale Fragen nach dem Sinn des Lebens in den Blick nimmt. Doch wie fügen sich neue Technologien wie Künstliche Intelligenz in dieses Spannungsfeld ein und was können sie überhaupt für uns leisten, wenn es darum geht, das Gedeihen der Menschheit voranzubringen?
Wie kommt es, dass sich Forschende mit dem Gedeihen der Menschheit, also human flourishing, beschäftigen, in einer Welt, in der viele aktuell wenig Aufblühendes um sich herum wahrnehmen?
Wir sehen, dass es heute häufig zu etwas kommt, das ich als Sinnfindungskrise bezeichnen würde. Dies betrifft vor allem Jugendliche, aber auch Erwachsene. Diese Sinnfindungskrise scheint tatsächlich auch ganz konkrete psychologische Effekte zu haben, beispielsweise in Form von einer Zunahme von Depressionen. Schon vor einigen Jahren habe ich damit begonnen, mich zu fragen, wie man dem entgegensteuern kann. Ein Weg oder eine Perspektive, um das zu beleuchten, ist die Idee des menschlichen Gedeihens. In einem Projekt in Hamburg haben wir uns damit beschäftigt, wie die Sustainable Development Goals mit dem zu tun haben, wie es den Menschen geht. Wir haben dann bemerkt: Selbst wenn alle diese Ziele – Nahrung, Gesundheitsversorgung, Bildung, Umwelt etc. – erfüllt sind, bleiben die grundlegenden Fragen des Menschen ungelöst.
Was sind das für grundlegende Fragen und was kann das Konzept von human flourishing dazu beitragen?
Die Grundfragen beschäftigen uns schon sehr lange: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist der Mensch? Das Konzept des human flourishing kommt aus der griechischen Philosophie, genauer aus der Tugendethik, in der es darum geht, dass der Sinn des Daseins des Menschen dadurch unterstützt wird, indem man spezielle Tugenden pflegt, die einem helfen, ein gutes Leben zu führen.
Seit wann ist der Mensch denn in der attestierten Sinnfindungskrise?
Die Sinnfrage tauchte zu dem Zeitpunkt auf, zu dem sich in unserer westlichen Gesellschaft eine gewisse Säkularisierungstendenz breitmachte. Die Sinnfindungskrise ist also ein relativ neues Phänomen, das sich auch in Publikationen bemerkbar macht: In den 1930er Jahren hat Carl Gustav Jung sein Buch „Modern Man in Search of a Soul“ veröffentlicht; Viktor Frankl hat dann in der Nachkriegszeit sein Buch „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“ veröffentlicht. Jetzt möchte ich damit nicht sagen, dass Religion die Antwort ist, aber es ist zu beobachten, dass der Fokus auf das Materielle die Frage eröffnet: Was passiert mit dem Menschen? Wofür ist der Mensch denn gut? Das grundlegende Problem hat in der Folge Effekte – psychologischer, ökonomischer, gesellschaftlicher und auch gesundheitlicher Natur.
Betrachten Sie diese Frage in Ihrer Rolle als Rechtswissenschaftler oder als Philosoph?
Ich trenne diesbezüglich nicht zwischen Recht und Philosophie. Die Philosophie ermöglicht es uns, teleologische Fragen zu stellen: Was ist unsere Ausrichtung? Wohin zielen wir? Mit der juristischen Perspektive kann ich die Frage einbringen: Wie regeln wir dieses Ziel? Beide müssen zusammenkommen. Wenn das Ziel nicht definiert ist, wohin wir als Gesellschaft und als Individuen gemeinsam gehen, ist die juristische Arbeit nur ein Managen des Alltagsgeschehens. In der modernen Politik sehen wir darauf basierend viele weitere Fragen: Wie gehen wir auf dieses Ziel zu? Machen wir das, indem wir einfach alle in eine Richtung zwingen? Oder machen wir das, indem wir doch versuchen, das Individuum und seinen Wunsch und Willen mit einzubeziehen? Wir müssen individualistische und kollektivistische Tendenzen vereinen. Dabei gilt stets: Der Weg ist auch das Ziel. Wie wir dorthin kommen, ist genauso wichtig, wie die Frage, wohin wir gehen.
Ihr Buch trägt den Titel „Human Flourishing Across Cultures and Disciplines“. Über die Disziplinen haben wir nun bereits gesprochen. Nun frage ich Sie also zu den Kulturen: Gibt es Kulturen, die es leichter als wir haben, die Sinnfrage zu klären?
Ich glaube, wir müssen das auf drei Ebenen betrachten: Wie alt ist diese Entwicklung der Sinnfindungskrise überhaupt? Auf welcher Ebene passiert sie und wie weit sehen wir Parallelen zu anderen Kulturen? Zu den ersten beiden Fragen: Ein materialistisches oder physikalisch-reduktionistisches Weltbild, wie es oft gesehen wird, ist ein im globalen Kontext relativ kleines Phänomen, das sich erst in den letzten 100 Jahren etabliert hat. Wir sehen in der westlichen Wissenschaft nun aber auch Tendenzen, wo der physikalische Reduktionismus an seine Grenzen kommt, beispielsweise, wenn es darum geht, erschöpfend zu erklären, was das Bewusstsein ist. Im Bereich der conciousness studies werden nun auch hinduistische und buddhistische Modelle herangezogen, um sich dem Begriff neu anzunähern. Wir sehen also, dass die populärwissenschaftliche, materialistische Sichtweise an ihre Grenzen stößt. In diesem Sinne haben wir in unserer Publikation nun versucht, die Frage rund um das menschliche Ideal aus der Perspektive verschiedener Kulturen zu beleuchten. Da sehen wir durchaus Unterschiede.
Gibt es auch gemeinsame Nenner, die Sie dabei gefunden haben?
Ja, die gibt es! Eine erste Gemeinsamkeit ist, dass wir mehr und mehr erkennen – auch hier im Westen – dass wir Menschen nicht isolierte, atomare Einzelprodukte sind, sondern in einem ökologischen Geflecht verankert sind. Der Mensch ist Teil eines Ganzen und kann sich nicht herausnehmen. Zweitens sehen wir auch, dass eine auf kurzfristigen Endpunkt-orientierte Denkweise des Menschen auf Dauer nicht förderlich ist. Unser Dasein als Prozess der Entwicklung und Sinnfindung zu verstehen, ist diesbezüglich viel hilfreicher. Drittens können wir auch in vielen Gesellschaften beobachten, dass das, was wir gemeinhin als Erfolg messen, wenig mit dem zu tun hat, was den Menschen wirklich bewegt.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Das Konzept des pursuit of happiness, des Strebens nach Glück, geht auf die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung zurück. Dahinter steht wiederum die Idee von John Locke von property and estate, die grob zusammengefasst besagt: Wenn jemand genügend Eigentum und Geld hat, dann stellt sich auch das Gute des Lebens ein. Plötzlich wird also das Messinstrument zum eigentlichen Ziel.
Mit den Instrumenten wie dem Bruttoinlandsprodukt lässt sich also nicht das Glück des Menschen messen?
Nein, das haben wir in unserer Forschung auch speziell kritisiert. Worum geht es dem Menschen eigentlich? Fragen wir das, stoßen wir häufig auf die Freude. Doch: Wie misst man die Freude eines Kindes? Indem man zählt, wie oft oder wie laut es am Tag lacht? Mit quantitativen Methoden können wir die qualitativen Effekte, auf die wir streben, sehr schwer einfangen. Wir brauchen also andere Messmethoden. Ein Beispiel, das wir auch in unserem Buch ausführen, das mit Kolleg:innen aus Bhutan entstanden ist, ist der Gross National Hapiness Index aus Bhutan.
Warum müssen wir das überhaupt messen?
Weil es trotzdem eine gewisse Rechtfertigungsnotwendigkeit des Staates gegenüber den Bürger:innen gibt zu zeigen, wie die Steuergelder verwendet werden. Wir brauchen die Matrix, um Transparenz zu schaffen, was mit unserer Arbeitsleistung passiert.
Sie haben bereits ausgeführt, dass der Mensch kein einzelnes Atom im Universum, sondern in größere Netzwerke eingebunden ist. In jüngster Vergangenheit kamen noch neue Player hinzu, nämlich Technologiekonzerne und die von ihnen geschaffenen Technologien, die auch in unserem Netzwerk eine Rolle spielen und von denen häufig angenommen wird, dass sie ebenbürtige oder gar übermächtige Teilnehmer in unseren Gesellschaften werden. Inwiefern spielen sie eine Rolle?
Wir müssen uns die großen Player ansehen und untersuchen, welche Rolle sie in unserer Gesellschaft erfüllen und welche Rolle ihre Technologien einnehmen. Ich sehe es so: Wie in den Feldern des Transports und der Telekommunikation werden diese Technologien public goods, also öffentliche Güter, sein, die allen zugutekommen sollten. Damit dies gelingt, müssen wir sie regulieren. Das muss auch mit der Künstlichen Intelligenz in kürzester Zeit passieren, weil wir derzeit sehen, welche Auswirkungen diese Technologien auf die Arbeitsmärkte haben. Wir müssen uns also fragen: Wie besteuert man KI, wenn sie Arbeitskräfte ersetzt? Die Technologieindustrie behauptet natürlich, dass – wie in jeder industriellen Revolution – Arbeitsplätze verloren gehen, aber neue geschaffen werden. Aber dabei wird häufig vergessen zu erwähnen, dass in der Vergangenheit in der Übergangsphase sehr viel Elend und Armut aufgetreten sind. Gleichzeitig kam es auch immer zu dem Phänomen, dass im Zuge dessen Kapital von der breiten Bevölkerung auf einzelne Player umgeschichtet wurde. Bei der KI-Revolution geht es nicht nur darum, dass wir – wie in den Sozialen Medien – zum Produkt werden, sondern dass unser Wissen, das wir gratis produzieren, dazu verwendet wird, um unsere kognitiven Kompetenzen zu ersetzen. Mit anderen Worten: Jetzt geht es nicht nur darum, unsere Daten zu verkaufen, sondern es geht darum, uns selbst zu ersetzen. Von einer Daten-Ökonomie zu einer Kognitiven-Ökonomie.
Es gibt doch viele Aufgaben, die wir als Menschen ungern selbst machen, und die wir gerne abgeben würden.
Ja, das ursprüngliche Versprechen von KI war, dass die KI die Arbeit machen wird, die wir nicht machen wollen. Ich warte jetzt aber noch immer darauf, dass es eine KI gibt, die die Wäsche wäscht und den Geschirrspüler ausräumt oder bügelt. In der Zwischenzeit ist sie aber drauf und dran, all das zu ersetzen, was uns Freude macht – also zum Beispiel kreative Arbeit, aber dies zum Teil sehr schlecht, weil das Menschliche fehlt. Ursprünglich gingen wir davon aus, dass die KI auf niedrigem kognitiven Niveau bleiben würde; jetzt sehen wir aber zunehmend, dass der Bereich der Wissensarbeiter:innen betroffen ist und deren Tätigkeiten ersetzt werden.
Ein Leben ohne Arbeit könnte doch auch ein reizvoller Gedanke sein – man müsste nur eine andere Art der Verteilung von Geld finden – , oder überwiegt Ihrer Wahrnehmung nach der sinnstiftende Charakter der Arbeit?
Den Traum von einem Leben ohne Arbeit gibt es, und er hat durchaus eine kulturelle Entwicklung hinter sich. Das Problem ist aber, dass wir uns in einer Gesellschaft, die stets individualistischer und materialistischer wird, oft auf hedonistische Glückserfüllung reduzieren. Wir fangen dann vielleicht an, intensiv Sport zu machen oder suchen andere Hobbys, um die Sinnfrage individuell zu klären. Für manche mag das funktionieren, für viele aber nicht.
Was wäre auf gesellschaftlicher Ebene sinnvoller?
Wir sind in unseren Breiten immer weniger dazu bereit, gegenüber unserer Gesellschaft und jenen, denen es nicht so gut geht, Verantwortung zu tragen. Wenn man sich aber als Einzelner und als Gemeinschaft fragen würde, was man für die Armen, Alten, Einsamen tun und dazu beitragen könnte, damit es allen gut geht, könnte man überrascht feststellen, wie glücklich man dabei wird.
Beim Soft-Launch des AIM – Centers for [Human and Data] Sciences, dem Sie nun vorstehen, wird der japanische Philosoph Yasuo Deguchi, der nun an der Kyoto University lehrt und forscht, einen Vortrag halten. Glauben Sie, dass es kollektivistischere Kulturen in Asien leichter haben, diesen Wert zu vermitteln?
In meiner Erfahrung der japanischen Gesellschaft hat das Individuum dann Wert, wenn es Sinnvolles für die Gesellschaft einbringt. Deshalb sehen wir beispielsweise dort auch sinnstiftende Arbeit, die jenen geboten wird, die gerade keine Arbeit haben oder die bereits in Pension sind. Das ist eine andere Sicht auf die Rolle des Individuums, die sich beispielsweise auch in mehr freiwilliger Arbeit äußert.
Zum Schluss noch die Frage: Gibt es etwas, auf das Sie sich in Hinblick auf aktuelle Technologieentwicklungen freuen?
Ich bin kein Technologie-Pessimist. Technologie muss man realistisch mit ihren positiven und negativen Seiten sehen. Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz wirft viele Fragen auf, mit denen es sich lohnt, sich zu beschäftigen: Hat KI Bewusstsein? Und da wir die Frage nach dem Bewusstsein noch nicht geklärt haben, führt sie uns wieder zurück zur Frage: Was ist der Mensch? Was macht uns zum Menschen? Dementsprechend fordert uns die KI heraus, uns wieder mehr mit uns selbst zu beschäftigen. KI trägt also dazu bei, philosophische, metaphysische und auch ethische Fragen wieder neu zu stellen, von denen wir meinten, sie abschließend geklärt zu haben. Im Materialismus ist die Antwort einfach: Der Mensch ist ein biologischer Roboter in einem sinnlosen Universum. Doch geben wir uns damit zufrieden? Die KI ist der große Fragensteller der derzeitigen Generation und alle, die uns herausfordern, selbstkritische Fragen zu stellen, sind mir willkommen.
Zur Person
Andrej J. Zwitter ist seit Februar 2026 Professor für Humanwissenschaft des Digitalen. Geboren 1982 in Klagenfurt, führte Andrej Zwitters akademischer Werdegang vom Magister- und Doktoratsstudium der Rechtswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz über die Ruhr-Universität Bochum an die Rijksuniversiteit Groningen in den Niederlanden. Internationale Perspektiven fließen durch Forschungstätigkeit am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) in Wien (2014/15), als Program Director am The New Institute in Hamburg (2023/24) sowie durch Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte unter anderem an der ETH Zürich, der Osaka University und der Columbia University in seine Arbeit ein. Zuletzt war er Gründungsdekan des University College Fryslân (Niederlande) sowie über mehrere Jahre Dekan der Faculty Campus Fryslân an der Universität Groningen. Zudem war er unter anderem Mitbegründer des regionalen Urban Data Center, Data Fryslân, Gründungsdirektor des Data Research Centers und Founding Board Member von Chapter Zero Netherlands, einer Initiative des World Economic Forum zur Einbindung von Governance- und Nachhaltigkeitsfragen in unternehmerische Entscheidungsprozesse.
Zum Buch
Zwitter, Andrej (Hrsg.) (2026). Human Flourishing Across Cultures and Disciplines. Dublin: Bloomsburry, open access: https://www.bloomsbury.com/uk/human-flourishing-across-cultures-and-disciplines-9781350547810/.
An international team of scholars, practitioners, wisdom keepers, and policymakers come together to construct alternative visions of what a flourishing life could encompass. Their inclusive approach integrates indigenous wisdom, happiness, care, and storytelling and broadens our ideas of what it means to flourish.
Where Western perspectives often emphasize individuality and wealth, here contributors look beyond individual achievement and material success as benchmarks of a successful life. Instead they foreground the intrinsic value of interpersonal relationships, community bonds, and spiritual fulfilment. Interweaving the threads of philosophical, scientific, indigenous, and political thought, they build a holistic understanding of human well-being and flourishing.
We see how spiritual and metaphysical beliefs can coexist with scientific validity and contribute meaningfully to our understanding of human aspiration. A foreword from former Secretary-General of the United Nations Ban Ki-moon lays the groundwork for new attainable utopias that will help shape future Sustainable Development Goals.
By encouraging us to rethink policies and our collective futures, this one-of-a-kind collection introduces us to a truly flourishing society where all dimensions of life are equally valued.
Zum Launch Event
Living with AI
Futuretalks
Humans & Technology
Keynote: Yasuo Deguchi (Kyoto University) „From the WE-turn to the Fellowhip Model“
Round Table:
- Tatsuhiko Inatani (Kyoto University)
- Elisabeth Steindl (LBI DHPS)
- Oskar J. Gstrein (Groningen University)
11. Juni 2026 | 16:00 Uhr | Hörsaal 3










Hoge Noorden/Jacob van Essen


