„Streichungen gibt es nur da, wo es schon etwas gibt.“ Internationale Tagung zu „Streichungen – Kreation aus Negation“

Das Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv lädt von 18. bis 20. Februar 2026 zur internationalen Tagung „Streichungen – Kreation aus Negation“. Im Rahmen der Tagung wird eine Ausstellung zu Streichungen im Zentralgebäude der Universität stattfinden.

Streichungen gibt es nur da, wo es schon etwas gibt. Keine Streichung kommt ex nihilo, keine ist voraussetzungslos. Die Streichung ist eine Negation, die Spuren legt ‚in Bezug auf‘. Sie kann der Anfang von etwas Neuem sein und von einem negativen in einen kreativen Akt umschla­gen. Die Streichung hat Aufforderungscharakter, sie ist affordance-in-interaction (N. Zillien und A. Bosse). Dies betrifft ihr Vorher, sie selbst und ihr Nachher, so die Beschreibung des Themas durch die Veranstalter:innen der Tagung unter der Leitung von Anke Bosse.

Streichungen als „Performance-Akte der Textwerdung“ (A. Grésillon) wurden bisher vor al­lem anhand literarischer Text- und Schreibprozesse untersucht. Darüber möchte diese Veranstaltung hinausge­hen.

Denn die Streichung ist ein mit Schreiben interagierender Akt, den alle Schreibenden alltäglich vollziehen – meist so routiniert, dass seine Vielfalt und seine kreativen Effekte unreflektiert bleiben: Lö­schen, Tilgen, Durchstreichen, Überschreiben, Übermalen, Einklammern, Korrigie­ren, Ersetzen oder Reakti­vieren des Gestrichenen und schließlich Auslösen von neuen Texttei­len, von ganzen Texten. Darüber hinaus entwickelt jede:r Schreibende je individuelle Formen der Streichung, die selbstadressiert und (oft unbewusst) Aufforderungen sind.

Streichungen finden in allen Schriftsprachen und in allen Textsorten statt, aber auch in teil­schriftlichen audio-visuellen Medien – von analog bis digital. Streichungen finden bereits beim Schreibenlernen statt, als Selbstkorrektur oder Kor­rektur durch Lehrpersonen, als Auslöser neuer Texte. Streichungen sind Teil eines dynamischen (Selbst-)Bildungs­pro­zesses. Streichun­gen finden als Verschiebungs-, Verdrängungs-, sogar Auslöschungsversuche in individuellen und kollektiven Erinnerungspro­zes­sen statt und können Um- und Neuschreibungen initiieren.

Da, wo die Streichung eine bedeutungsvolle, zu deutende materiale Spur hinterlässt, setzt die Tagung an. Denn die schriftbezogene materiale Spur ermöglicht uns, Strei­chungen und ihre Effekte konkret zu untersuchen.

Die Vorträge der Tagung orientieren sich an folgenden Leitlinien:

  • Ästhetik und Materialität der Streichung: Löschung, Radierung, Übermalung … Leer­stellen …
  • Streichungen im literarischen Schreibprozess und beim creative writing
  • Streichungen als Operation in kollektiven Produktionsprozessen: Buch/Lektorat, Zeit­schrift und Zeitung/Redaktion und in teilschriftlichen audio-visuellen Medien – bis hin zu Selbstzensur oder Zensur
  • Streichungen im digitalen Schreiben und digitale Forensik
  • Streichungen beim Schreibenlernen
  • Streichungen beim Übersetzen
  • Streichungen in individuellen und kollektiven Erinnerungsprozessen

Text: Anke Bosse, Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv

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