Martin Gebser und Matthäus Hirsch im Gespräch

„Geben und Nehmen sind das Fruchtbare an der Zusammenarbeit.“

Matthäus Hirsch, Leiter der Technik & Supply Chain der HIRSCH Armbänder GmbH, ist einer der Stifter der Stiftungsprofessur Industrie 4.0: Adaptive und Vernetzte Produktionssysteme. Im Gespräch mit dem Lehrstuhlinhaber Martin Gebser zeigen die beiden Methoden der Künstlichen Intelligenz in der Produktion auf.

Herr Hirsch, Sie sind einer der zehn Stifter der 2018 eingerichteten Stiftungsprofessur Industrie 4.0. Was war Ihr Interesse, sich daran zu beteiligen?

Matthäus Hirsch: Die Firma HIRSCH ist schon sehr lange mit der Universität Klagenfurt verbunden. Wir sind ein traditionelles Familienunternehmen in vierter Generation, und schon mein Großvater hat mit der Universität zusammengearbeitet und zahlreiche Praxis- und Ausbildungsplätze für Studierende in den letzten 40 Jahren zur Verfügung gestellt. Industrie 4.0 ist ein wichtiges Kernelement in unserer Produktion. Und hier einen Partner in unmittelbarer Nähe zum Produktionsstandort zu haben, sehen wir als einen großen Vorteil. Unser Ziel ist es, basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Grundlagen eine Produktion der Zukunft zu gestalten.

Herr Gebser, inwieweit unterstützt die Wissenschaft dabei, die Produktion der Zukunft zu gestalten?

Martin Gebser: Die Produktion selbst wollen wir gar nicht ersetzen, das ist nicht unser Ziel und unsere Aufgabe. Eine Automatisierung hilft dort, wo große Datenmengen im Spiel sind. Nehmen wir als Beispiel HIRSCH Armbänder: Viele unterschiedliche Bestellungen von Armbändern kommen aus der ganzen Welt in die Zentrale. Dann ist es schwierig zu entscheiden, wann und was produziert wird. Es liegen große Auftragsmengen und Geschäftsdaten vor, und es gilt, die Produktion effizient zu organisieren, aber zugleich die Auftragslage stets im Auge zu behalten. Die Modellierung der Abläufe und die Optimierung der Produktionssysteme sollen Entscheidungen in der Produktion unterstützen. Es geht darum, in kürzer werdenden Zeiträumen Entscheidungen zu treffen.

Wie können die Praxis und die Wissenschaft voneinander lernen?

Hirsch: Wir unterstützen uns gegenseitig, und das Zusammenspiel von Wissenschaft und Praxis macht ein Ganzes aus. Die Wissenschaft ist sozusagen der Grundstein für alles. Das eine funktioniert nicht ohne das andere.

Gebser: Meine Erfahrung zeigt, dass es unbedingt notwendig ist, sich den Herausforderungen aus den Bereichen Produktion, Logistik und Management zu stellen – diese ergeben sich einfach aus der Praxis. Viele Probleme, Wünsche und Fragestellungen sieht man gar nicht, wenn man nur an Modellen und am Computer arbeitet. Der Praxistest und der Realitätsabgleich sind immer entscheidend dafür, ob Erkenntnisse aus der Wissenschaft in der Praxis überlebbar und brauchbar sind. Alles, was nicht verwendet wird und keine Anwendung findet, verschwindet wieder. Um Technologien zu entwickeln, die in der Praxis nützlich sind, benötigt es eine Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen, wie es bei der Stiftungsprofessur Industrie 4.0 der Fall ist, die gemeinsam von der Universität Klagenfurt und TU Graz eingerichtet wurde. Ein Geben und Nehmen sind das Fruchtbare an der Zusammenarbeit.

Ist die Fabrik 4.0 menschenleer? Wo stehen wir derzeit, oder sind wir davon noch weit entfernt?

Hirsch: Ich denke nicht, dass in Zukunft die Produktionshallen menschenleer sein werden. Die Automatisierung macht auch bei uns nicht halt, jedoch gehen wir immer vom Menschen zuerst aus. Wir automatisieren nur gewisse Arbeitsschritte, wo die menschliche Arbeit nicht alle ihre fünf Sinne benötigt und die Produktionsabläufe dadurch wesentlich erleichtert werden. Die Produktion von Uhrenarmbändern erfordert Feingefühl und Präzision in der Fertigung. Pro Armband sind zwischen 30 und 60 Arbeitsschritte notwendig, vieles wird von Hand gefertigt, daher kann ich mir eine Produktion ohne menschlichen Eingriff einfach nicht vorstellen.

Gebser: Das sehe ich genauso. Dort, wo Geschicklichkeit und Feinarbeit in der Produktion erforderlich sind, wird man noch lange auf Menschen angewiesen sein. Wiederkehrende und standardisierte Abläufe werden sehr wohl automatisiert.

Ist ein Roboter bei HIRSCH Armbänder schon im Einsatz?

Hirsch: Ja, und zwar seit letztem Jahr. Der Roboter übernimmt gewisse Arbeiten für uns selbstständig. Er bedruckt die Produktverpackungen mit allen wichtigen Informationen und der korrekten Auszeichnung zum Armband wie beispielsweise Barcode, Farbe, Preis oder Währung.

Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft in der Produktion aus?

Hirsch: Zukünftig wird es wichtig sein, dass Menschen eine Arbeit machen, die sie erfüllt und wo sie ihre Sinne einsetzen können. Gewisse Tätigkeiten in der Produktion wird es nicht mehr geben, aber dafür werden sich neue Berufsbilder entwickeln. Wer hätte schon beispielsweise vor zehn Jahren daran gedacht, dass sich der Beruf Influencer etablieren wird. Der Mensch wird viel mehr Möglichkeiten haben, genau in dem Bereich zu arbeiten, was er tatsächlich möchte und worin er gut ist.

Gebser: Tätigkeiten bzw. Berufe am Leben zu halten, die autonom von Maschinen erledigt werden können, das wird schwer zu rechtfertigen sein. Es wird neue Herausforderungen für die Technik geben, da sie sich nicht von allein kontrolliert und entwickelt. Durch diesen Schritt entstehen wieder genauso viele Arbeitsplätze, jedoch mit anderen Qualifikationen.

Welche Chance bietet sich durch den Einsatz der Künstlichen Intelligenz für die Zukunft?

Gebser: Die Komplexität der Produktions- und Entscheidungsprozesse wird immer differenzierter, und dafür benötigen wir eine maschinelle Unterstützung. Alles, was durch Sensorik an Daten generiert wird und in die Prozesse einfließt, kann nicht mehr vom Menschen verarbeitet werden. Und da setzt die Künstliche Intelligenz an. Sie ermöglicht uns, mit der Datenkomplexität umzugehen.

Hirsch: Wir leben in einer sehr schnelllebigen Welt und müssen als Unternehmen auf Trends permanent und rasch reagieren. Industrieunternehmen versuchen zu automatisieren, um noch schneller und effizienter arbeiten zu können, beispielsweise um Produktionsdurchlaufzeiten zu reduzieren oder um eine optimale Routenplanung für den Außendienst zusammenzustellen. Das wären Bereiche, wo die Künstliche Intelligenz den Menschen unterstützt.

Die Stiftungsprofessur ist für die nächsten fünf Jahre ausgerichtet und durchfinanziert. Was sind Ihre Pläne?

Gebser: Die Kooperation mit den Industrieunternehmen ist eine wunderbare Sache. Wir wollen ein Forschungsund Lehrzentrum zum Thema Industrie 4.0 im Süden Österreichs gemeinsam mit der TU Graz aufbauen. Wir unterstützen die Unternehmen dabei, neue Methoden der Künstlichen Intelligenz gezielt zu entwickeln und mit industriellen Partnern in die Praxis zu überführen. Viele Projekte mit der Wirtschaft sind schon fixiert.

Hirsch: Bei unserem Anforderungsprofil geht es um eine agile Fertigungssteuerung und Produktionsplanung. Das ist ein großes Thema, bei dem wir mit der Universität zusammenarbeiten.

 

für ad astra: Lydia Krömer