Vergessene Kriegsgefangene: Neue Forschung zu sowjetischen Soldat:innen im Zweiten Weltkrieg
Millionen sowjetischer Soldat:innen gerieten im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft – mehr als die Hälfte starb an Hunger, Gewalt und den katastrophalen Lagerbedingungen. Die Historikerin Alexandra Pulvermacher spricht im Interview über das Schicksal der sowjetischen Rotarmist:innen in der besetzten Ukraine und erklärt dabei, warum dieses Thema bis heute nur unzureichend erforscht ist.
Frau Pulvermacher, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit den sowjetischen Kriegsgefangenen am Gebiet der besetzten Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Wann und aus welchen Gründen gerieten diese in so großer Anzahl in Gefangenschaft?
Im Juni 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion ein, wovon diese völlig überrascht wurde. Stalin, der mit Hitler 1939 einen Pakt eingegangen war, hatte erst zu einem späteren Zeitpunkt mit einem deutschen Angriff gerechnet. Für die Sowjetunion lief es insbesondere in den ersten Kriegsmonaten katastrophal – in den großen Kesselschlachten im Spätsommer und Herbst 1941 gerieten Hunderttausende Soldat:innen der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft. Allein bei Kyiv belief sich ihre Zahl auf über 600.000.
Welche Pläne verfolgten die NS-Führung und die Wehrmacht in Bezug auf die sowjetischen Kriegsgefangenen?
Die Wehrmacht plante, den überwiegenden Teil der Kriegsgefangenen sofort in das Deutsche Reich zu deportieren, um sie als Zwangsarbeiter:innen in der Kriegsindustrie einzusetzen. Hitler stoppte dies jedoch, da er eine „bolschewistische Kontamination“ der „Volksgemeinschaft“ befürchtete. Laut Völkerrecht wäre die Wehrmacht verpflichtet gewesen, die Kriegsgefangenen wie die eigenen Soldaten zu behandeln. Da die Sowjetunion die Genfer Konvention nicht unterschrieben hatte, beschloss auch die NS-Führung, diese zu ignorieren. Das Kriegsgefangenenlagersystem wurde in den besetzten Gebieten daher nur provisorisch vorbereitet: Die mobilen Durchgangslager, so genannte Dulags, bestanden oft nur aus einem abgesteckten Feld, auf dem mehrere tausend Soldaten festgehalten wurden, ohne jegliche Infrastruktur. Doch auch in den Stammlagern, den Stalags, waren die Bedingungen kaum besser. Die Gefangenen, die bereits seit Tagen hungerten und nicht selten verwundet waren, wurden in 30-40 km langen Tagesmärschen in weiter westlich gelegene Lager überstellt. All jene, die zu erschöpft waren, um weiterzumarschieren, wurden kurzerhand erschossen.
Dienten auch Frauen in der Roten Armee?
Ja, über 800.000 – der Großteil davon war in der Logistik, in der Verwaltung, als Übersetzerinnen, im medizinischen Bereich etc. tätig. Die Rote Armee war ein denkbar ungünstiges Umfeld für Frauen. Es mangelte an passenden Uniformen, Schuhwerk, Ausrüstung, Unterwäsche und Hygieneartikeln. Zudem sahen die Offiziere der Roten Armee die Soldatinnen als Freiwild an – sexuelle Nötigung war weit verbreitet.
Mehrere Zehntausende Rotarmistinnen waren direkt oder indirekt an den Kämpfen an der Front beteiligt, etwa als Scharfschützinnen, Panzerfahrerinnen, Pilotinnen, Radiooperateurinnen, Ärztinnen und Krankenschwestern. Sanitäterinnen versorgten und bargen ihre verwundeten Kamerad:innen von der Front. Dabei trugen sie häufig Waffen, um sich selbst und die Verwundeten verteidigen zu können. In der deutschen Propaganda wurden die Rotarmistinnen als Amazonen und abartige Bestien dargestellt. Kämpfende Frauen ließen sich nicht mit der NS-Geschlechterordnung vereinbaren. In mehreren Wehrmachtsdirektiven wurde daher die Erschießung sogenannter „bolschewistischer Flintenweiber“ befohlen. Als Konsequenz wurden insbesondere in den ersten Kriegsmonaten sowjetische Soldatinnen unmittelbar nach der Gefangennahme erschossen, auch vorhergehende Vergewaltigungen waren keine Seltenheit.
Wie viele Kriegsgefangene gab es denn insgesamt?
In der gesamten Sowjetunion gerieten im Zweiten Weltkrieg 5,3 Millionen Soldat:innen der Roten Armee sowie Angehörige des NKVD, aber auch Eisenbahner, in Kriegsgefangenschaft, etwa 2 Millionen davon auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Die größte ethnische Gruppe davon waren Russ:innen, gefolgt von Ukrainer:innen, Weißruss:innen, Lett:innen, Georgier:innen und zahlreiche weiteren Ethnien aus dem gesamten Gebiet der Sowjetunion. In der Roten Armee dienten auch etwa 480.000 Juden und Jüdinnen, von denen etwa 50.000 bis 80.000 in Gefangenschaft gerieten.
Welchen konkreten Forschungsfragen gehen Sie dabei nach?
Wir wissen immer noch wenig über die Kriegsgefangenenlager in den besetzten Gebieten, die von zehntausenden Kriegsgefangenen durchlaufen wurden. Es stellt sich die Frage, wo diese Lager errichtet wurden. Viele befanden sich in der Nähe oder unmittelbar in Städten. Häufig nutzte die Wehrmacht dafür bereits bestehende Kasernen, Fabriksgebäude, Lager, aber auch Klöster. In Uman wurde das Stalag 349 in einer riesigen Lehmgrube untergebracht, als Unterkünfte dienten die Gebäude der aufgelassenen Ziegelbrennerei und einer Hühnerfarm. Diese waren unbeheizt und unzureichend – der Großteil der Gefangenen musste die Nächte unter freiem Himmel verbringen.
Eine wichtige Frage ist, warum gerade im ersten Winter so viele Kriegsgefangene verhungerten. In der deutschen Historiographie wurde lange ein apologetischer Ansatz verfolgt – die Wehrmacht hätte aufgrund einer sachzwangsbedingten logistischen Überforderung die Kriegsgefangenen nicht ausreichend ernähren können. Dies ist unzutreffend. Die Ernte fiel in der Ukraine 1941 sehr gut aus. Die deutschen Besatzer transportierten jedoch große Mengen an Nahrungsmitteln ins Dritte Reich ab. Jenen Kriegsgefangenen, die als nicht arbeitsfähig galten, wurden die ohnehin zu niedrigen Rationen um weitere 27% reduziert. Gleichzeitig wurde die lokale Bevölkerung daran gehindert, die Gefangenen mit Nahrung zu versorgen. Einzelne Personen, auch Kinder, wurden sogar erschossen, wenn sie versuchten, den in Kolonnen vorbeimarschierenden Kriegsgefangenen Brot zu geben. Allein bis zum Frühsommer 1942 waren 1,5 Millionen Kriegsgefangene verhungert oder an Kälte und den schlechten Lebensbedingungen zugrunde gegangen.
Wie sehr gehen Sie mit Ihren Forschungsarbeiten dabei ins Detail?
Mich interessiert auch der Lageralltag: Welchem Prozedere wurden die Gefangenen bei ihrer Ankunft unterzogen? Hierbei stellt sich auch die Frage, wie die deutschen Besatzer die unterschiedlichen Ethnien behandelten. Jüdische Kriegsgefangene und politische Funktionäre wurden ausgesondert und ermordet – beruhend auf dem sogenannten „Kommissarbefehl“. Jüdische männliche Kriegsgefangene hatten nur geringe Chancen, die Gefangenschaft zu überleben – aufgrund der Beschneidung ihrer Geschlechtsorgane waren sie leicht identifizierbar. Erheblich höher standen die Überlebenschancen für Ukrainer, denn sie wurden in der Anfangsphase zu zehntausenden aus den Lagern entlassen oder als Hilfspolizisten und Lagerwachen rekrutiert.
Was geschah gegen Ende des Kriegs mit den Gefangenen?
Auch diese Phase ist Teil des Projekts. Ich gehe der Frage nach, wie Kriegsgefangene die Endphase des Krieges, die Befreiung sowie die Nachkriegszeit erlebten und welche Rolle sie in der Erinnerungskultur spielten. Mit der Befreiung nahm der Leidensweg für die meisten Kriegsgefangenen kein Ende – denn aus Stalins Sicht stellten sie Verräter dar, die möglicherweise mit dem Feind kollaboriert hatten. Die ehemaligen Kriegsgefangenen wurden nach ihrer Befreiung einem monatelangen Filtrationsprozess unterzogen, während dem sie meist nachts stundenlang verhört wurden. Etwa 15 % wurden entweder hingerichtet oder in den Gulag deportiert. Bis zum Ende der Sowjetunion wurden ehemalige Kriegsgefangene sowohl von Seiten des Staates wie auch der Gesellschaft diskriminiert – bei jüdischen und weiblichen Kriegsgefangenen ergänzt durch Antisemitismus und Sexismus. In der offiziellen Erinnerungskultur spielten Kriegsgefangene kaum eine Rolle.
Welche Dokumente stehen Ihnen denn für Ihre Forschung zur Verfügung? Wo stoßen Sie denn auf Informationen dazu?
Es gibt internationale Forschungsliteratur in zumindest fünf Sprachen, die mehr oder weniger stark auf mein Thema eingeht, diese gilt es zu synthetisieren. Zudem liegen Quellenbestände in deutschen, post-sowjetischen, israelischen und US-Archiven, in denen Aktensplitter zum Thema sowjetische Kriegsgefangene enthalten sind. Das muss man sich wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen vorstellen. Für mich relevant sind die Aktenbestände der Wehrmacht in der Militärabteilung des Bundesarchivs in Freiburg im Breisgau, die Akten der Verfahren wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen im Bundesarchiv Ludwigsburg. Im Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem befinden sich Kopien aus postsowjetischen Archiven, wie z.B. die Akten der außerordentlichen Staatskommission. Diese war 1943 in der Sowjetunion gegründet worden, um die NS-Verbrechen zu dokumentieren. Letztes Jahr konnte ich als Stipendiatin in Yad Vashem recherchieren. Dabei fand ich auch relevante Berichte, Memoiren, Erinnerungen und Interviews von ehemaligen Kriegsgefangenen.
Es stehen noch weitere Archivreisen an: Neben Israel müsste ich auch nach Kyiv – ob dies möglich ist, hängt von der weiteren Entwicklung des Krieges ab. Auch in den USA warten noch größere Archivbestände auf mich – erfreulicherweise habe ich für nächstes Jahr ein vier-monatiges Fellowship am US Holocaust Memorial Museum zugesagt bekommen.
Was lernen Sie aus diesen Forschungen für die Gegenwart?
Mir wird daraus vor allem klar, was Krieg für die einzelnen Menschen, aber auch für ganze Gesellschaften bedeutet. Im Fall der Ukraine ergibt sich hier eine Kontinuität von Krieg, Gewalt und Terror seit dem Ersten Weltkrieg. Nach der Oktoberrevolution versank das Land in einem blutigen Bürgerkrieg. Anfang der 1930er Jahre war die Ukraine Schauplatz des sogenannten Holodomor – mehrere Millionen Ukrainer:innen verhungerten als Folge von Kollektivierung und schlechter Ernten. Auch die weiteren 1930er Jahre waren geprägt von Massendeportationen und den Massenmorden im Rahmen des Großen Terrors. Ab Juni 1941 wurde die Ukraine zu einem der Hauptschauplätze des deutschen Vernichtungskrieges – der Ermordung der jüdischen Bevölkerung, von Massenhunger, der Zwangsrekrutierung von Arbeiter:innen für das Reich und vor Ort. Die ukrainische Bevölkerung litt noch lange nach 1945 unter den Folgen der „verbrannten Erde“, die die Wehrmacht bei ihren Rückzügen hinterlassen hatte.
Auch später hat sich die Situation kaum beruhigt, oder?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte eine schwierige Übergangsphase. Seit Putin Russland regiert, versucht er, auf die Ukraine Einfluss zu nehmen und sie zu destabilisieren. Seit 2014 und insbesondere seit dem 24. Februar 2022 ist die ukrainische Bevölkerung wiederum mit Gewalt, Krieg und Terror konfrontiert. Als ich im September 2025 das Stadtmuseum in Chernivtsi besuchte, fand ich in einem Ausstellungsraum unzählige Portraits und Biographien von vermissten ukrainischen Soldat:innen aus der Region. Das hat mich sehr berührt. Die Familien wissen nicht, ob ihre seit Monaten oder gar schon seit Jahren vermissten Angehörigen überhaupt noch leben. So wie die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg missachten auch die Russen das Völkerrecht – auch was die Behandlung Kriegsgefangener betrifft.
Lernen wir irgendetwas aus der Geschichte?
Nein, leider gar nicht. Spätestens am 24. Februar 2022 hätten wir verstehen müssen, dass Beschwichtigungen und Zugeständnisse gegenüber Russland nicht die richtige Strategie sind. Genauso wenig war schon die Appeasement-Politik Frankreichs und Großbritanniens gegenüber dem Dritten Reich 1938 ein Garant für einen langfristigen Frieden.
Was mich sehr beunruhigt: Auch vier Jahre nach der Ausweitung des russischen Angriffskrieges ist Europa nicht in der Lage, die Ukraine bei der Luftabwehr und dem Schutz seiner Infrastruktur hinreichend zu unterstützen – mit gravierenden Folgen für die ukrainische Bevölkerung. In Europa und insbesondere in Österreich scheint man noch immer nicht verstanden zu haben, dass es in diesem Krieg nicht nur um die Ukraine geht. Es geht um die Zukunft unserer Freiheit und Demokratien in Europa, die ich durch die russische Desinformation massiv bedroht sehe.
Zur Person
Alexandra Pulvermacher ist Projektmitarbeiterin am Institut für Geschichte der Universität Klagenfurt. Sie hat die Masterstudien Geschichte sowie Slawistik in Klagenfurt absolviert. 2020 war sie Fellow am Zentrum für Holocauststudien am Institut für Zeitgeschichte in München, sowie 2025 am Forschungsinstitut der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. 2023 schloss sie ihr Doktoratsstudium der Geschichte mit einem Vergleich der sowjetischen und deutschen Gegnerverfolgung im besetzten Polen (September 1939 – Juni 1941) ab. Die Dissertation wird 2026/27 in englischer Sprache bei Vienna University Press erscheinen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in Ost- und Ostmitteleuropa mit einem Fokus auf den Zweiten Weltkrieg.










aau/Müller

