Winfried Müller und Barbara Wiegele im Gespräch | Foto: aau/photo riccio

Einst und Jetzt

Der Mathematiker Winfried Müller ist seit 1975 an der Universität Klagenfurt tätig und hat über vier Jahrzehnte die Universität mitgestaltet. Ein Gespräch mit Wissenschaftskollegin Angelika Wiegele über damals und heute.

 

Was bewegt die Universität seit 1975 bis heute?

Winfried Müller: Im Jahre 1975 bin ich von der TU Wien an die Universität Klagenfurt gekommen. Damals war unser Hauptproblem, das Ministerium und die Kärntner Bevölkerung davon zu überzeugen, dass eine Universität in Kärnten sinnvoll und wichtig ist. Wir setzten alles daran, die damaligen Schließungspläne bzw. die beabsichtigte Redimensionierung der Universität abzuwehren. Ziel war es, die Universität international und in der Region sichtbarer zu machen und die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass wir Dinge tun, die nützlich sind. Das ist uns mit Erfolg gelungen.

Angelika Wiegele: Ja, und heute merken wir in allen Bereichen, dass unsere Studierenden am Arbeitsmarkt sehr gefragt sind und gebraucht werden. Heute beschäftigen wir uns mit den Studierendenzahlen. Gerade in der Mathematik überlegen wir uns laufend neue Konzepte, wie wir junge Menschen für die Mathematik begeistern können.

Müller: Man merkt schon, dass bei den Studierenden der Druck von außen zugenommen hat, ein Studium zügig zu beenden. Die Langzeitstudierenden, die manchmal schon fast liebe Kolleginnen und Kollegen geworden sind, die gibt es nicht mehr. Wer jetzt zehn bis 15 Jahre an der Universität verbringt, weil er nebenbei berufstätig ist, wird nicht mehr so hochgeschätzt wie vor 40 Jahren.

Haben sich die wissenschaftlichen Fragestellungen in Ihrem Fach im Zeitablauf verändert?

Wiegele: Natürlich. Die Computer werden immer leistungsfähiger, und daher werden laufend neue Algorithmen in der Mathematik entwickelt, die vor einigen Jahren noch nicht anwendbar gewesen wären. In meinem Forschungsbereich, der Optimierung, haben sich hier viele neue Forschungsfragen aufgetan.

Müller: Damals wie heute standen mit der Einführung von Computern die Sicherheitsüberlegungen im Vordergrund. Kryptographie und Datensicherheit wurden wichtige Themen. Wir waren schon damals in der Lage – dies gilt auch heute noch –, international bei den Sicherheitsstandards mitzuhalten.

Wiegele: Einen weiteren Benefit sehe ich in der räumlichen Anbindung an den Lakeside Park, der einen stärkeren Anwendungsbezug ermöglicht und die Wirtschaft auch dadurch offener gegenüber unseren Studierenden und Praktika geworden ist.

Ist es für den wissenschaftlichen Nachwuchs leichter geworden?

Müller: Eher nicht. Die Zeiten, als ich Jungwissenschaftler war, habe ich sehr geschätzt. Wenn man sich mit seinem Vorgesetzten gut verstand, regelmäßig publiziert und sich auch in der Lehre engagiert hat, so konnte man sicher sein, an der Universität eine Karriere fortsetzen zu können. Heute ist dies fast unmöglich geworden, denn wie will sich jemand mit einem Dreijahresvertrag eine Existenz aufbauen? Natürlich muss es immer so genannte Mobilitätsposten geben, aber es muss auch einem Teil der jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine gewisse Sicherheit gegeben werden.

Wiegele: Für Jungwissenschaftler ist es sehr schwierig geworden. Da braucht es schon sehr viel Enthusiasmus für die Forschung, wenn man erst mit ca. 40 Jahren das erste Mal eine unbefristete Anstellung in der Wissenschaft bekommt. Die Zeit, eine Dissertation zu verfassen, und die Ergebnisse dann auch in einem guten Journal zu publizieren, wird immer kürzer. Der Druck ist vorhanden, dass alles immer schneller gehen muss. Daher wird es auch zunehmend herausfordernder, wissenschaftlichen Nachwuchs für befristete Stellen zu finden, da junge Menschen eher eine Anstellung in der Wirtschaft vorziehen. Im Sinne der Internationalität und Konkurrenzfähigkeit hat aber die Mobilität zugenommen. Ich würde mir ein System mit mehr Flexibilität wünschen, das guten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglicht, nicht gehen zu müssen.

Müller: Als kleine Universität haben wir die Chance, hier einiges zu bewegen und mitzugestalten. Das schätze ich so an Klagenfurt.

Wiegele: Einen Aspekt möchte ich hier noch ergänzen. Durch das vermehrte Einbringen von Drittmitteln haben wir viel mehr ProjektmitarbeiterInnen aus der ganzen Welt. Das sehe ich als eine sehr erfreuliche Entwicklung. Wir sind dadurch internationaler geworden und haben die Welt mehr zu uns geholt.

Wie erleben Sie die heutigen Studierenden?

 Wiegele: Der frühe Einstieg in das Berufsleben ist deutlich merkbar. Die Studierenden verspüren mehr Druck, das Studium rasch und mit möglichst guten Noten zu beenden. Ein Auslandssemester hat dabei kaum mehr Platz.

Müller: Das sind auch meine Beobachtungen. Eine neue Chance hat sich jedoch durch die Umstellung auf das Bologna- System aufgetan: Man wechselt nach dem Bachelorstudium die Universität und beginnt den Master anderswo.

Wiegele: Die Studierenden sind aber durchaus zielstre biger und selbstbewusster als früher. Sie kommen offener an die Universität und finden auch schneller in das Universitätssystem hinein. Ein gewisses Start-up-Denken macht sich ebenfalls bemerkbar. Sie tauschen sich mit Kolleginnen aus und initiieren im kleinen Kreise neue Ideen.

Die Gesellschaft hat sich verändert. Wie wirkt sich das auf die Universitätslandschaft aus?

Müller: Ich erinnere mich an die 90er Jahre zurück, als die Uni-Kindergruppe eingerichtet wurde. Dies ging mit unzähligen Diskussionen über die Notwendigkeit dieser Einrichtung einher, und es wäre doch sinnvoller – hieß es uni-intern –, dass das Geld in die Institute fließen sollte. Eine Diskussion, die heute unvorstellbar wäre. Die Notwendigkeit eines Familienservice an der Universität ist heute eine Selbstverständlichkeit. Wiegele: Das Thema „Gender“ hat es ebenfalls in dieser Form nicht gegeben. Es ist gut, dass es heute Gremien und Regelungen gibt, die darauf achten, dass unter anderem bei Personaleinstellungen auf die Gleichbehandlung der Geschlechter geachtet wird.

Müller: Selbst in meinem Rektorat von 1999 bis 2003 gab es noch keinerlei Vorschrift über die Zusammensetzung des Rektoratsteams.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Universität in den letzten Jahren?

Wiegele: Vieles hat sich in die richtige Richtung entwickelt, und darauf bin ich sehr stolz. Es freut mich besonders, dass die Bemühungen der Universität in Richtung Nachhaltigkeit gehen. Ich bin der Meinung, dass die Universität eine gute Größe erreicht hat und nicht mehr zu sehr wachsen muss. Wir sind auch internationaler geworden und viele Studien wurden auf Englisch umgestellt.

Müller: Ich denke, eine Universität sollte ihren eigenständigen Weg gehen, eine gewisse Sicherheit für gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bieten und „Modetrends“ nicht unbedingt versuchen mitzumachen. Wir haben in der Vergangenheit schon einiges im Zusammenleben mit den einzelnen Sprachgruppen geleistet und stets über den Tellerrand geblickt. Die Universität ist Ansprechpartner für viele Unternehmen in Kärnten – weit über die Grenzen hinaus – und im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Der moderne und grüne Campus macht es lebenswert, hier zu arbeiten und zu studieren.

 

für ad astra: Lydia Krömer