Krankheit und Arbeit

Warum gehen Menschen krank zur Arbeit?

„Präsentismus“ bezeichnet das Verhalten von berufstätigen Menschen, die trotz Krankheit arbeiten gehen. Dieses weit verbreitete Phänomen hat weitreichende Folgen, nicht nur für die Menschen selbst, sondern auch für die Unternehmen und in Summe für die gesamte Volkswirtschaft. Heiko Breitsohl verschafft dem unliebsamen Thema stärkere Bekanntheit.

Regelmäßig schlagen Arbeitnehmervertretungen Alarm, weil es viel zu häufig vorkommt, dass   Menschen krank zur Arbeit gehen. Die deutsche Felix-Burda-Stiftung hat einen daraus resultierenden Wertschöpfungsausfall von neun Prozent des deutschen BIB errechnet, umgelegt auf Österreich wären das 30 Milliarden Euro pro Jahr. Laut aktuellem AK-Arbeitsgesundheitsmonitor (ifes-Befragung 2017 für Oberösterreich) gehen hierzulande 33 Prozent der ArbeitnehmerInnen zeitweise auch im kranken Zustand arbeiten. Die seit 2008 zweimal jährlich durchgeführte Umfrage unter 4.000 Personen zeigt auch, dass dieser Wert zur Wirtschaftskrise um das Jahr 2010 wesentlich höher war und bis zu 45 Prozent betrug.

„Diese und andere Studien zeigen, dass insgesamt die volkswirtschaftlichen Kosten für Präsentismus wesentlich höher sind als für Absentismus, dem Fernbleiben aufgrund von Krankheit“, bestätigt Breitsohl. Mit diesem, oft gut gemeinten Verhalten wird großer Schaden angerichtet. „Die kranken Menschen können nicht so viel leisten und machen mehr Fehler. Dann merken sie, dass sie doch für einige Tage zuhause bleiben müssen. Zuerst entsteht der Produktivitätsverlust durch die Krankheit, dann durch die Abwesenheit. In manchen Krankheitsfällen kommen später überlange Behandlungen dazu. Wenn Menschen infektiös sind, können sie Kolleginnen und Kunden anstecken. In der Gastronomie oder im Lebensmittelbereich können sie Speisen und Lebensmittel kontaminieren usw.“

Für die Organisationen ist Präsentismus mit Produktivitätsverlusten und damit entstehenden Kosten verbunden, da ArbeitnehmerInnen, die krank zur Arbeit gehen, nicht ihre normale Produktivität aufrechterhalten können. Auf individueller Ebene führt Präsentismus zu einer Verschlechterung der Gesundheit und zu darauffolgenden längeren Ausfallzeiten.

Was führt zum Präsentismus?

Breitsohl verweist auf ein breites Bündel an Faktoren. Präsentismus kann mit der engen Bindung der Person zum Unternehmen zusammenhängen. Diese Haltung hat zwar viele positive Seiten, kann aber auch negative Konsequenzen haben, wie eine (freiwillige) Verschlechterung der Work-Life-Balance oder die (bewusste) Fehleinschätzung von Krankheitszuständen. Ein Grundproblem beim Präsentismus ist, dass zuerst nur der Arbeitnehmer/die Arbeitnehmerin merkt, dass er/sie krank ist und diese individuelle Entscheidung für sich fällt: „Man steht morgens auf, hat eindeutige Symptome und weiß, dass man eigentlich zuhause bleiben sollte. Dennoch geht man zur Arbeit.“ Der Arbeitgeber wiederum hat meist keine klaren Regeln, nach denen er den kranken Mitarbeiter nach Hause schicken kann. Er versucht einzuschätzen, wieviel Arbeit vorhanden ist und ob die Person genau jetzt ersetzbar ist. Umgekehrt aber gibt es in den meisten Unternehmen strenge Regeln, warum Abwesenheit nicht erlaubt ist. Breitsohl weiß aus seinen Untersuchungen, dass das Phänomen Präsentismus überall auftritt: „Den Betrieb, in dem niemand krank zur Arbeit kommt, gibt es nicht. Es muss auch nicht in jedem Fall ein Problem sein, aber in der Masse wirkt es sich aus – das wissen die Gewerkschaften und Sozialversicherungsträger.“

Wer trägt die Verantwortung?

Breitsohl attestiert, dass sich auf der Arbeitgeberseite noch zu wenige mit dem Anwesenheitsthema auseinandersetzen oder es auch explizit nicht wollen. Er berichtet von einem Gesundheitsgroßbetrieb in Deutschland, dem er eine Studie zur Problematik vorgeschlagen hatte: „Sie wollten schlicht nicht darüber reden mit dem Argument, Präsentismus ist bei uns kein Thema. Das Problem existiert also nicht, solange man sich nicht damit auseinandersetzt.“ Oder es werden falsche Anreize gegeben, wie etwa Boni für wenige Krankenstandstage. Daten dazu sind laut Breitsohl kaum erfragbar, weil sie wie Betriebsgeheimnisse gehütet werden. Unternehmen wollen in erster Linie Gewinne machen und sind der Meinung, dass dies mit möglichst wenigen Krankentagen erreicht werden könne. „Dass aber Absentismus gewinnbringender ist als Präsentismus, wollen die wenigsten glauben“, meint Breitsohl, „außerdem sind eine genaue Erhebung und eine Regelerstellung mit Arbeit verbunden. Da passiert auch Irrationales.“

Breitsohl weiß aber auch von Unternehmen, die sich schon mit dem Thema auseinandergesetzt haben und die größten Fehler nicht mehr machen. Doch meist entscheidet die herrschende Unternehmenskultur mit ihren informellen Regeln, ob jemand krank zur Arbeit geht oder nicht. Breitsohl: „Wenn es keine klaren Regeln gibt, aber das Zuhausebleiben nicht so gerne gesehen wird, befördert es dieses Verhalten, ohne dass es explizit gesagt wird.“

Wer beutet sich am stärksten aus?

Der häufigste Grund, krank zur Arbeit zu gehen, ist die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Das betrifft ZeitarbeiterInnen, Menschen in einem befristeten Arbeitsverhältnis oder mit Werkvertrag. Sie müssen ständig vollen Einsatz zeigen und tragen ein hohes Risiko. Breitsohl: „Wenn es kein sicheres arbeitsrechtliches und soziales Fundament gibt, dann führt die Entscheidung oft zum Präsentismus.“ Aber auch Menschen in relativ gesicherten Positionen wie Geschäftsführer oder Universitätsprofessorinnen pflegen häufig einen schlechten Umgang mit der eigenen Gesundheit. Geschäftsführer fühlen sich häufig für den Betrieb verantwortlich und nehmen Krankheit in Kauf. Im Wissenschaftsbetrieb dient die Forschung der eigenen Karriere, und diese wird oft unvernünftig betrieben. „Der Mensch handelt immer wieder irrational“, sagt Breitsohl.

Die Messungsproblematik

Absentismus ist viel leichter zu erfassen als Präsentismus: Die Person ist einfach nicht da. „Präsentismus zu messen ist viel komplizierter“, erklärt Breitsohl: „Ich muss herausfinden, in welchem Zustand sich die Person befindet und wie lange dieser schon anhält. Ohne offensichtliche Symptome kann ich es nicht wissen. Manchmal wirkt es so, als hätte man nur einen schlechten Tag. Manchmal versteckt man es. Präsentismus ist zum Teil ein unsichtbares Phänomen.“

Die technischen Zeiterfassungssysteme von Betrieben und Organisationen bilden nur die Abwesenheit ab, aber nicht die Anwesenheit trotz Krankheit. Reale Zahlen können nur in Studien direkt mit den ArbeitnehmerInnen erzielt werden und nicht über die ArbeitgeberInnen.

Ohne Zwang entscheiden können

Breitsohl mangelt es noch an der allseitigen Bewusstseinsbildung. Nachdem die erste Entscheidung individuell zu treffen ist, sollte die Krankheitskompetenz gestärkt werden. Was genau fehlt mir gerade, und was ist angemessen zu tun? „Die Menschen sollten lernen, sich selbst besser einzuschätzen, wann sie noch zur Arbeit gehen sollen und wann nicht. Mit Information und Weiterbildung ließe sich einiges erreichen“, resümiert Breitsohl. Außerdem wäre es ideal, „wenn die Menschen die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden und nicht getrieben sind oder unter Zwang entscheiden müssen. Unter Angst kann niemand eine vernünftige Entscheidung treffen.“

Für ad astra: Barbara Maier

Zur Person

Heiko Breitsohl, geboren 1978 in Stuttgart, ist seit Februar 2017 Universitätsprofessor für Organisation und Personalmanagement an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. Breitsohl studierte Betriebswirtschaftslehre und Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und an der University of Memphis, USA. Eine von Breitsohl organisierte Tagung in Klagenfurt wird im Juli 2018 Forscher und Forscherinnen aus der ganzen Welt zum Thema Anwesenheitsverhalten zusammenführen.

Heiko Breitsohl | Foto aau / Barbara Maier