Heather Foran und Primar Wolfgang Wladika im Gespräch | Foto: aau/photo riccio

Sorge um die Versorgung

Die psychologische und psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist (nicht nur) hierzulande verbesserungsbedürftig, darin sind sich der Primar der Abteilung für Neurologie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters Wolfgang Wladika und die Professorin an der Abteilung für Gesundheitspsychologie Heather Foran einig.

Herr Wladika, inwiefern haben Sie bzw. Ihre Kolleginnen und Kollegen Zeit, um im Arbeitsalltag auch forschend tätig zu sein?

Wolfgang Wladika: Grundsätzlich ist uns die Ebene der Reflexion sehr wichtig. Zu objektiven Erkenntnissen über den Erfolg von Behandlungsmethoden zu kommen, ist in der Psychiatrie ganz allgemein sehr schwierig. Es gibt immer sehr viele Einflüsse, die auf das Befinden des Patienten oder der Patientin einwirken; da ist es häufig nicht möglich, auf einzelne Ursachen rückzuschließen. Wir haben außerdem keine biologischen Werte, die wir miteinander vergleichen können. Dennoch hat es in den letzten rund zwanzig Jahren epochale Entwicklungssprünge in meinem Fach gegeben, die vielfach aus der Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und praktisch Tätigen hervorgehen. In unserer derzeitigen Situation, mit dem sehr knappen Personalstand, sehe ich kaum Möglichkeiten, aus unserer eigenen Arbeit heraus Forschungsaktivitäten zu kreieren. Die alltägliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen und deren Familien beansprucht unsere völlige Aufmerksamkeit und Zeit.

Frau Foran, Ihre wissenschaftliche Arbeit ist stark an der Praxis orientiert. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Heather Foran: Ich kann Wolfgang Wladika zustimmen: Ja, in der Psychologie und in der Psychiatrie gab es viel Fortschritt. Aber es gibt nach wie
vor viel an wissenschaftlichen Erkenntnissen, die in der Praxis nicht genutzt werden oder nicht genutzt werden können. Wir machen umfassende Studien mit ausgewählten Stichproben, haben aber noch deutlich zu wenig Wissen darüber, wie wir unsere Erkenntnisse in der Behandlungsrealität für echte Menschen mit echten Problemen in all ihrer Breite nutzbar machen können. Dabei geht es vor allem um praktikable und gut funktionierende Modelle, die sowohl von PraktikerInnen als auch von den betroffenen Kindern und Jugendlichen bzw. deren Umfeld gut angenommen werden. Wir brauchen Methoden, die effektiv, aber auch kosteneffizient sind und vielen Menschen zugutekommen.

Wie ist die psychologische und psychiatrische Versorgungslage derzeit in Österreich?

Wladika: Mäßig. In den letzten Jahren wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, die stationäre Versorgung in den Kliniken halbwegs adäquat zu gestalten. Unser großes Problem ist aber die Betreuung außerhalb der Spitäler. So gibt es beispielsweise in Kärnten nur halb so viele Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater, wie wir eigentlich benötigen würden. Besonders drastisch ist die Situation außerhalb der Ballungszentren: Ich kann kein Kind dauerhaft wöchentlich von Wolfsberg nach Klagenfurt zur Psychotherapie bringen. Vor Ort gibt es aber
vielerorts nach wie vor so gut wie kein Angebot. Hier ist es bisher leider nicht gelungen, gegenüber der Politik und den Krankenkassen den Bedarf an psychiatrischer bzw. psychotherapeutischer Versorgung hinreichend zu forcieren.

Was sind denn die Folgen dieser mangelnden Versorgung?

Foran: Es ist ungemein wichtig, früh und umfassend zu intervenieren, um Kinder und Jugendliche davor zu bewahren, auch als Erwachsene langfristig mit psychischen Erkrankungen leben zu müssen. Wir sollten uns also fragen: Welche Maßnahmen können wissenschaftlich evident sinnvoll und überzeugend zum Einsatz gebracht werden? Letztlich lohnt sich das Engagement in die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auch für die Krankenkassen und die Politik, kann man Menschen so doch dabei unterstützen, eigenständig, straf- und suchtfrei, zur Gesellschaft beizutragen.

Wladika: Ökonomische Studien zeigen uns mittlerweile, dass es beispielsweise im Bereich der Störung des Sozialverhaltens bei den Interventionen
einen return on investment von 1:4 bis 1:7 geben kann. Wir können so Drogenkonsum, Straftaten oder Gefängnisaufenthalte häufig verhindern.

Frau Foran, Sie haben die Wirkungen von Interventionsprogrammen in Südosteuropa in einem EU-Projekt untersucht. Was haben Sie daraus gelernt?

Foran: Wir brauchen bei solchen Programmen die Einbindung aller Stakeholder: Politik, Versicherungen, Bildungsbehörden, Lehrkräfte, Eltern und viele andere müssen dazu beitragen, um Angebote zu entwickeln, die möglichst wenig Hürden aufweisen und viele ansprechen. Dabei spielen besonders die Familien eine große Rolle, die aus sozioökonomischen Gründen schwer für solche Programme zu gewinnen sind. Hier versuchen wir auf vielerlei Wegen, dem Stigma, das mit einer psychologischen oder psychiatrischen Betreuung einhergeht, zu begegnen. Außerdem gibt es besonders in Ländern, in denen viele Menschen arm sind, auch zahlreiche andere Hürden wie den Transport zu den Einrichtungen. Wir untersuchen auch, ob Anreize dazu beitragen können, Eltern dazu zu bringen, solche Angebote in Anspruch zu nehmen. Wenn wir herausfinden, was effizient – auch im Sinne der Kosten – ist, können wir andere Stakeholder leichter überzeugen.

Wladika: Die Studie „Mental Health in Austrian Teenagers (MHAT)“ hat uns gezeigt, dass wir zum Untersuchungszeitpunkt rund 24 Prozent psychisch auffällige Kinder in Österreich haben; in der Lebensspanne von 0 bis 18 Jahren sind knapp 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. Sichtbar sind allerdings nur 4-5 Prozent, die hoch akut sind durch Suizidalität, Selbstverletzung oder schwere Krankheiten. Wir erreichen also sehr viele nicht, die latent leiden. Einen wesentlichen und wichtigen Ansatzpunkt sehe ich wie Heather Foran im Blick auf jene, die durch ihre finanzielle und soziale Situation als Risikofamilien gelten. Denn wir wissen: Armut ist einer der Haupttreiber von Störungen im kinder- und
jugendpsychiatrischen Bereich.

Gibt es Krankheitsbilder, die heute häufiger auftreten als noch vor Jahrzehnten?

Wladika: Die großen epidemiologischen Studien lassen da nur wenige Vergleiche zu. Es gibt aber Sparten, die deutlich zunehmen: Essstörungen, Sucht – auch nicht-stofflich gebundene Süchte – und die bereits angesprochene Störung des Sozialverhaltens. Besonders im Bereich der Sucht stehen wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren vor großen Herausforderungen, weil Kinder heute schon sehr früh und umfassend mit suchtausgerichteten Spielen höchst gefährdet werden.

Was brauchen Kinder und Jugendliche für ein psychisch gesundes Aufwachsen?

Foran: Sie brauchen stabile Beziehungen zu ihren Bezugspersonen, seien das Mutter, Vater oder andere Personen im Familiensystem. Erwachsene sollten unterstützend agieren, weder psychisch noch physisch missbrauchen und genügend positive Gelegenheiten zum Lernen und Entdecken bieten. Außerdem braucht es Regeln und Grenzen, damit Kinder gut lernen, durch die Welt zu navigieren. Aber auch andere grundlegende Bedürfnisse müssen gestillt werden. So haben wir in unserer Studie auch untersucht, welche Zusammenhänge es zwischen Hunger und familiärer Gewalt gibt. Generell brauchen Familien auch unterstützende Strukturen, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Wladika: Ich stimme dem zu und ergänze: Wir brauchen Erwachsene in der Politik und in den entscheidungstragenden Institutionen, die den Mut haben, das Wissen, das wir haben, auch zur Umsetzung zu bringen. Wir wissen heute so viel darüber, wie Schulen funktionieren können, und machen so wenig daraus. Wir wissen so viel über psychische Erkrankungen und deren Prävention, und tun so wenig. Die Beschränkung liegt häufig im konservativen Denken der Alten. Mehr Mut zur Innovation täte uns allen gut.

für ad astra: Romy Müller