Die Menschen sind zombiisiert.

Die Slawistin Magdalena Kaltseis untersucht Talkshows im russischen Staatsfernsehen. Ihre Analysen reichen bis in das Jahr 2014 zurück, dem Jahr der russischen Krim-Annexion und des Kriegsausbruchs im Donbas, und ergeben damit ein sehr umfassendes Bild russischer Meinungsbildungsstrategien gegen die Ukraine. 

Russische Fernsehsender stehen schon lange in der Kritik, gezielt Desinformation und Propaganda zu verbreiten. Vom Kreml finanzierte Sender wie Russia Today wurden deshalb in der EU bald nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine Ende Februar 2022 verboten.

Wie steht es aber mit den Fernsehsendern in Russland selbst? Magdalena Kaltseis beschäftigt sich schon seit dem Jahr 2017 mit dem Themengebiet antiukrainischer Propaganda im russischen Fernsehen. Ganz gezielt hat sie dabei russische Talkshows untersucht; ein Forschungsfeld, das bis dahin – im Gegensatz zu Nachrichtensendungen – nahezu unerforscht war.

Sendungen, in denen die Größe und Macht Russlands gefeiert und Gegner* innen diffamiert und abgewertet werden, sind im russischen Fernsehen an der Tagesordnung. Antiukrainische Propaganda ist deshalb im russischen Staatsfernsehen schon seit Jahren ein fester Bestandteil vieler Sendungen. Seit 2014, dem zentralen Untersuchungsjahr in Kaltseis Dissertation, hat das Ausmaß gezielter Desinformation stetig zugenommen – ausgehend von einem schon sehr hohen Niveau.

„Die Bevölkerung, für die das staatliche Fernsehen das Hauptinformationsmedium ist, glaubt keinen anderen Informationen.“ (Magdalena Kaltseis)

Für viele Menschen in Russland ist das Fernsehen seit jeher das wichtigste Informationsmedium. Diejenige Bevölkerungsschicht, die fernsieht, ist davon überzeugt, dass es sich beim Fernsehen um ein sehr vertrauenswürdiges Medium handelt. Die Fernsehprogramme erreichen vor allem ältere Personen, die ein besonders hohes Vertrauen in die Wahrhaftigkeit der Informationen haben, die das russische Staatsfernsehen verbreitet. Somit glauben viele der Konsument*innen den immer wiederkehrenden Narrativen, die darin verbreitet werden – daher auch der Begriff des „Zombikastens“, wie das Fernsehen umgangssprachlich auf Russisch genannt wird.

Bis zur Verschärfung des russischen Mediengesetzes direkt nach Kriegsbeginn existierten in Russland noch einige alternative Informationsmedien zu der vorwiegend staatlich kontrollierten Medienlandschaft. Diejenige Bevölkerungsschicht, für die das staatliche Fernsehen das Hauptinformationsmedium ist, glaubt jedoch häufig keinen anderen Informationen, da ihnen, so Kaltseis, vom Fernsehen gesagt wird, dass alle anderen Quellen „Fakes“ verbreiten würden. Durch die Gesetzesverschärfung drohen Journalist*innen nun bis zu 15 Jahre Haft, wenn sie von der staatlichen Position abweichende Informationen publizieren – dadurch ist kritischer Journalismus in Russland quasi völlig zum Erliegen gekommen. Über Virtual Private Networks (VPN) hat die russische Bevölkerung jedoch nach wie vor Zugang zu alternativen Medien, was vor allem von einer jungen, urbanen Bevölkerungsschicht genutzt wird. Wichtig ist Kaltseis deshalb vor allem eine differenzierte Sichtweise: Es gibt in Russland eine Vielzahl von Personen, die versuchen, sich über den Krieg zu informieren und dagegen zu protestieren – und dabei ihr Leben riskieren.

Magdalena Kaltseis hat sich schon in ihrer Dissertation mit Propagandastrategien in Talkshows beschäftigt. Dabei hat sie bis in das Jahr 2014 zurückgeblickt und die Talkshow-Ausstrahlungen auf den zwei wichtigsten Sendern des russischen Staatsfernsehens verfolgt. Besonders populär ist in Russland das Format der politischen Talkshow.

In ihren Untersuchungen konnte Kaltseis quantitativ nachweisen, dass die Anzahl der Talkshow-Sendungen mit einem Bezug zur Ukraine im Zeitverlauf sehr stark angestiegen ist: Während die Anzahl an Talkshow-Sendungen anlässlich der Krim-Annexion und des Kriegs in der Ostukraine im Jahr 2014 auf den zwei Fernsehkanälen auf 46 Sendungen pro Monat, die sich ausschließlich mit der Ukraine beschäftigt haben, angestiegen ist, sind es heute weit über 190 Talkshowsendungen im Monat, in denen die Ukraine gezielt diffamiert wird – und das auf einem einzigen Sender.

„Die Ukraine wird im russischen Staatsfernsehen regelrecht dämonisiert.“ (Magdalena Kaltseis)

Deutlich wird durch die Analyse von Kaltseis auch, dass die russische Regierung die Strategie von Diffamierung und Propaganda seit langer Zeit sehr gezielt einsetzt. Propaganda lebt von der immerwährenden und häufigen Wiederholung derselben Narrative. Kaltseis dazu: „Die Ukraine wird seit 2014 im russischen Staatsfernsehen ausschließlich negativ dargestellt und regelrecht dämonisiert.“

Kaltseis beschreibt in ihrer Dissertation detailliert, wie die Talkshows als manipulatives Instrument verwendet werden. Eine sehr wesentliche Rolle dabei spielen die Moderator*innen. Als Beispiel nennt sie den kremltreuen Wladimir Solowjow. In den meisten Talkshows ist der Name des Moderators bereits im Titel der Show enthalten („Abend mit Wladimir Solowjow“). Die Moderator*innen lenken und leiten die Diskussionen in die gewünschte, also antiukrainische Richtung. Sie verhalten sich nicht, so wie wir es gewöhnt sind, neutral und objektiv, sondern geben ihre Meinung explizit preis. Zusätzlich zu ihrer hohen sprachlichen Versiertheit kennen sie keinerlei Tabus. Personen, die eine differierende Meinung zu den Moderator*innen haben, werden verbal gedemütigt, oft sogar physisch angegriffen und aus dem Studio geworfen. Handgreiflichkeiten sind keine Seltenheit.

Oft folgen die Talkshows einer genauen Inszenierung bis hin zur erwünschten Kulmination. Meist treten regimetreue – und auch immer wieder die gleichen – Personen auf. Viele Talkshow-Gäste kommen aus der Regierungspartei „Einiges Russland“ oder sind Mitglieder der Duma. Die wenigen Gäste, die divergierende Meinungen vertreten, werden – wie alle Teilnehmer*innen – gut dafür bezahlt, in den Talkshows aufzutreten.

„Reale Bilder und Gegebenheiten werden als manipuliert dargestellt.“ (Magdalena Kaltseis)

Neben verbalen Mitteln werden auch Bilder zum Zwecke der Diffamierung verwendet. Kaltseis führt aus: „Text und Bild ergänzen sich gegenseitig. Das, was nicht bildlich gezeigt werden kann, wird verbal ergänzt. Ein prägnantes Beispiel dafür sind stark verpixelte Bilder, auf denen angeblich tote Personen abgebildet sind. Das, was vermeintlich auf den Bildern zu sehen bzw. mit den Personen geschehen ist, wird in grausamen Details beschrieben. Das ist eine Strategie, die 2014 sehr populär war und jetzt 2022 wieder benutzt wird.“

Ganz neu ist hingegen das Zeigen von unverpixelten Bildern, die in den Shows als „Fakes“ beziehungsweise Computeranimationen bezeichnet werden. Im Falle des Massakers von Butcha wurden Bilder von Leichen mit dem Hinweis gezeigt, dass diese als Attrappen dort platziert worden seien. Bei Aufnahmen von Wohnhausexplosionen wurde behauptet, dass es sich um Aufnahmen aus 2017 handelt. In diesem Fall wird das Prinzip der „Fakes“ ins genaue Gegenteil verkehrt. Reale Bilder und Gegebenheiten werden als manipuliert dargestellt. Ziel dieses Narrativs ist, dass jegliche Information, die aus dem Westen kommt, falsch ist bzw. geändert wurde, um Russland in einem negativen Licht dastehen zu lassen.
Magdalena Kaltseis wird ihre Forschungen an dieser Thematik fortsetzen, weitere Publikationen sind geplant.

für ad astra: Annegret Landes

Zur Person


Magdalena Kaltseis ist Universitätsassistentin am Institut für Slawistik. In ihrer Dissertation untersuchte sie, wie der Ukraine-Russland-Konflikt (2014) in den russischen Fernsehtalkshows dargestellt wurde. Sie absolvierte 2022 ein Postdoc-Fellowship an der University of Alabama (Kanada) am Department of Modern Languages and Cultural Studies.



Magdalena Kaltseis | Portraitfoto