Hans Smoliner & Carmen Mertlitsch

Die Suche nach den richtigen Worten

Zukunftsängste, Präsentationsängste oder Schreibprobleme: Was kann man tun, um die finale wissenschaftliche Arbeit doch noch zum Abschluss zu bringen? ad astra hat mit dem Psychologen Hans Smoliner und der Sprachwissenschaftlerin Carmen Mertlitsch darüber gesprochen, wie man mit Leistungs- und Zeitdruck im Studium am besten umgeht.

Das Ende des Studiums ist in greifbarer Nähe, und doch scheint es für viele Studierende schwierig, diesen letzten Schritt zu gehen. Diese Phase ist oft von Prokrastination geprägt. Warum ist das so?

Hans Smoliner: Die Ursachen des Aufschiebens sind sehr unterschiedlich. In den Beratungen haben wir festgestellt, dass es oftmals an der notwendigen Schreibkompetenz mangelt, um die Abschlussarbeit zu schreiben. Viele prokrastinieren unter dem Vorwand des Recherchierens und andere schieben alles bis zum letzten Termin auf. Die Studierenden sind aber auch mit Zukunftsängsten konfrontiert, die sie oft beim Fertigwerden blockieren. Wird man vom Elternhaus noch unterstützt, so befindet man sich sozusagen in einem sicheren Hafen.
Carmen Mertlitsch: Es ist interessant zu beobachten, dass gegen Ende des Studiums die Studierenden ein bisschen zum Prokrastinieren anfangen, da sie unsicher sind, was nun als Nächstes auf sie zukommen wird. Man kann sich das so vorstellen: Sie verlassen ihr gewohntes soziales Umfeld und beginnen etwas Neues. Wie stark dieses Hinausschieben ist, hängt auch davon ab, in welchem sozialen Umfeld man sich bewegt und welche Arbeits- und soziale Erfahrungen bereits gemacht wurden. Es ist auch wesentlich, welche Textroutine im Hinblick auf Lesen und Schreiben bereits vorliegt bzw. ob die bisherigen Schreibprozesse an der Universität erfolgreich waren.

Immer mehr Studierende leiden unter Leistungsdruck und psychischen Problemen. Haben Sie das Gefühl, dass dies in den letzten Jahren zugenommen hat?
Smoliner: Durch den Bologna-Prozess ist der Druck massiv angestiegen. Die Beratungsgespräche mit den Studierenden haben sich seitdem erhöht. Die neuen Strukturen bringen mit sich, dass eine kleine Prüfung nach der anderen folgt. Es bleibt kaum mehr Zeit zum „Ausschnaufen“. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die psychischen Belastungen der Studierenden, die uns in der Beratungsstelle aufsuchen, größer sind als vor zehn Jahren. Im Hintergrund stehen oft existenzielle Ängste und Probleme. Wenn die Existenz nicht gesichert ist, so entstehen einfach Ängste.

Macht nicht auch der Zeitdruck den Studierenden zu schaffen?
Mertlitsch: Natürlich. Die Studierenden haben sozusagen ein virtuelles Zeitfenster, um das Studium zu beenden. Wenn sie es innerhalb dieser Zeit nicht schaffen, haben sie „gefühlt“ am freien Arbeitsmarkt keine Chance mehr. Viele Studierende müssen nebenbei arbeiten, um sich ihr Leben während des Studiums zu finanzieren. Das war zwar schon immer so, aber früher hatten die Studierenden einfach mehr Zeit. Unterstützung in Form von Gesprächen ist hier unbedingt notwendig. Sie brauchen einfach Zeit, um ihre akademische Sprache im Laufe des Studiums zu entwickeln, sowie Zeit, um sich in die wissenschaftlichen und fachspezifischen Denkweisen hineinzuarbeiten.

Gibt es die Freiheit des Studierendenlebens noch?
Smoliner: Ich glaube, die Studierenden nehmen sich diese Freiheiten in ihrer Freizeit. Sie sind noch da, aber nicht mehr in dieser Form, wie wir sie kannten.

Wie viele nehmen die psychologische Studierendenberatung in Anspruch?
Smoliner: Jährlich sind es rund 350 Erstkontakte. Wir beginnen schon in den Schulen im Rahmen des Projekts 18plus, wo wir Schülerinnen und Schüler bei der Studienwahl beraten. Damit wollen wir einem späteren Studienwechsel entgegenwirken. Aber in erster Linie beraten wir Studierende bei der Bewältigung ihres Studiums. Meist ist ihnen schon mit zeitlich begrenzten Einzel- oder Gruppentherapien geholfen, insbesondere, wenn es um Prüfungs- und Präsentationsängste geht. Wir haben ein tolles Team an klinischen Psychologinnen und Gesundheitspsychologinnen, die mit den Studierenden gemeinsam Bewältigungsstrategien finden. Bei klinisch-psychologischen Problemen sind langfristige Therapien notwendig, wo wir an Psychotherapeuten weitervermitteln.

Herr Smoliner, Sie arbeiten seit Jahren mit dem SchreibCenter zusammen. Worin liegen die Gemeinsamkeiten?
Smoliner: Ich habe immer wieder festgestellt, dass die Studierenden in Wahrheit keinen Psychologen benötigen, sondern eher jemanden, der ihnen die notwendige Schreibkompetenz vermitteln kann. Und so ist die Kooperation mit dem Schreib- Center entstanden.
Mertlitsch: Das stimmt, wir sind ins Gespräch gekommen und haben gemeinsam Angebote entwickelt. Dazu zählen etwa die Schreibreise und die offene Schreibgruppe, bei der jeden Mittwochvormittag Studierende an ihren Schreibprojekten arbeiten, ihre Schreibprozesse reflektieren, diskutieren und sich gegenseitig motivieren.

Fehlende Motivation, fehlendes Zeitmanagement und sich in die Recherche verlieren. Was sind ihre Erfahrungen damit?
Smoliner: Bei der Formulierung „fehlende Motivation“ schwingt so etwas Negatives für mich mit. Ich denke, es gibt keine faulen Studierenden. Woran es aber mangelt, ist der innere Antrieb, und diesen gilt es wiederzufinden. In den Gesprächen mit den Studierenden versuchen wir zu erörtern, was sie bewegt und welche Motive und Ziele sie haben.
Mertlitsch: Die fehlende Motivation war in den 90er-Jahren größer als heute. Das Studium ist in kleine Schritte eingeteilt und die Studierenden bleiben so leichter dran. Vielmehr ist bei einigen eher eine geistige und körperliche Erschöpfung bemerkbar und eine fehlende Konzentration auf das notwendige wissenschaftliche Lesen.

Wie findet man zur wissenschaftlichen Schreibweise?
Mertlitsch: Das hängt davon ab, wie viel im Studium geschrieben wird und welche Rückmeldungen von den Lehrenden die Studierenden auf ihre wissenschaftlichen Texte erhalten. Je klarer und präziser diese sind, desto eher bekommt man eine Sicherheit beim Schreiben. Dies ist ein Entwicklungsprozess und dauert in der Regel drei bis fünf Jahre, bis ein höheres Niveau erreicht wird und sich eine gewisse Schreibroutine einstellt. Ich denke, es ist wichtig, sich viel Zeit für das genaue Lesen und kondensierte Wiedergeben der Grundlagenliteratur zu nehmen. Das ist eine sehr wertvolle Zeit, um sich die Fachsprache und die spezifische wissenschaftliche Denkweise in ihren Tiefenstrukturen anzueignen. Studierende sollen sich schon frühzeitig mit sehr guten Vorbildtexten vertraut machen und diese wissenschaftlichen Arbeiten im Hinblick auf Struktur, Argumentation und Wortschatz analysieren. Dadurch erkennen sie leichter die Varietäten in diesen Texten und wissen, wie eine eigene Arbeit gestaltet werden könnte. Es geht beim wissenschaftlichen Schreiben nicht darum, wie einige Studierende vielleicht annehmen, einen Text Satz für Satz zu paraphrasieren oder wörtlich zu zitieren. Vielmehr liegt der eigentliche wissenschaftliche Prozess oder die Denkleistung darin, die passenden Literaturstellen zu finden, die Kerngedanken der Lektüre zusammenzufassen, darauf das eigene Denken aufzubauen und diese eigenen Gedankengänge argumentativ zu verschriftlichen. Für diese Art des Schreibens ist es essenziell, methodisches Wissen mitzubringen und zu wissen, was mache ich da eigentlich in meinem Text.

Kann man Schreiben lernen?
Mertlitsch: Ja. Das ist wie mit dem Klavierspielen: Durch konsequentes Üben stellt sich eine gewisse Routine ein, komplexe Aufgabenstellungen lassen sich immer leichter und eleganter bewältigen.

Wie geht man am besten mit dem Zeitmanagement um?
Mertlitsch: Für das Verfassen eines längeren Textes ist es Voraussetzung, dass man dafür ein Zeitfenster von 10 bis 15 Stunden pro Woche einplant. Wenn ich diese Stunden nicht regelmäßig zur Verfügung habe, dann bricht mein Prozess zwischendurch immer wieder ab.
Smoliner: Es fällt mir nicht ganz leicht, hier eine allgemeine Empfehlung zu geben. Die Studierenden kennen meist die Methoden des Zeitmanagements, wie etwa die ABC-Analyse. Es hängt vielmehr davon ab, welcher Persönlichkeitstyp man ist. Manche können ihre Aufgaben parallel bewältigen und andere wieder arbeiten chaotisch, bringen aber trotzdem immer alles zeitgerecht zustande. Wichtig sind Pausen zum Energietanken, wenn möglich keine Unterbrechungen von außen, und dann wieder konzentriert weiterschreiben.

Was ist das Besondere an den Schreibreisen?
Mertlitsch: Wir fahren mit unseren Schreibberaterinnen, Hans Smoliner und den Studierenden an schöne und abgelegene Schreiborte, wo sie Zeit für das freie Schreiben, für Gespräche über das Schreibprojekt und den Schreibprozess haben. Wir wählen bewusst Orte aus, die eine gewisse Ruhe ausstrahlen und genügend Raum zur Inspiration geben. 2018 waren wir in Piran und heuer fahren wir nach St. Paul im Lavanttal. Der Wechsel der Schreiborte ist besonders wichtig für Menschen, die zu Hause viele Verpflichtungen haben und sich einen Schreiburlaub nehmen, sodass sie mit dem Schreiben beginnen können, weiterkommen und abschließen oder damit sie etwas Neues ausprobieren können. Dies betrifft auch literarisches oder kreatives Schreiben. Das ist eine Art „Learning by doing, improving and reflecting“. Die Gruppe unterstützt, stärkt und motiviert sich gegenseitig.
Smoliner: Mit den Schreibreisen verbinde ich viele positive Erlebnisse. Es ist ein schönes Gefühl, Studierende während des Schreibprozesses ein Stück des Weges begleitet zu haben. Wir führen viele Gespräche, probieren Neues aus und unterstützen sie dabei, in ihre Texte hineinzufinden.

Was möchten Sie den Studierenden mit auf den Weg geben?
Mertlitsch: Sich die Zeit nehmen, die sie für das Studium brauchen. Sich mit Vorbildtexten vertraut machen und viel lesen, vor allem gute wissenschaftliche Publikationen des jeweiligen Studienfachs.
Smoliner: Ich möchte sie gerne ermuntern, das zu studieren bzw. sich mit den Themen auseinanderzusetzen, wo das Herzblut und das Interesse liegen. Grundsätzlich muss ich sagen: Wenn jemand etwas macht, was er gerne tut, so wird er darin auch gut sein.

für ad astra: Lydia Krömer

SchreibCenter

Das SchreibCenter an der Universität Klagenfurt war das erste seiner Art an einer österreichischen Universität. Das Angebot richtet sich sowohl an Studierende, Lehrende, Forschende, MitarbeiterInnen als auch an SchülerInnen und reicht von Lehrveranstaltungen, didaktischer Beratung, Tutorien, Schreibgruppen, Schreib- und Textberatung, Schreibreisen, Schreibwerkstätten bis hin zur Langen Nacht des Schreibens. Die Einrichtung bildet zudem wissenschaftliche SchreibberaterInnen aus.

Carmen Mertlitsch ist Senior Scientist und seit 2004 operative Leiterin des SchreibCenters. Sie studierte Germanistik, Psychologie und Sprachwissenschaft an den Universitäten Wien und Klagenfurt.

www.aau.at/sc

Carmen Mertlitsch

Hans Smoliner

Psychologische Studierendenberatung

Die Psychologische Studierendenberatung ist eine Service-Einrichtung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung zur Unterstützung von Studierenden und StudienwerberInnen durch psychologische und psychotherapeutische Methoden. Ein Team von PsychologInnen am Standort Klagenfurt hilft kostenlos und vertraulich bei studienbezogenen und persönlichen Problemen und unterstützt bei der Studienwahl.

Hans Smoliner, Psychologe und Psychotherapeut, leitet seit 2013 die Psychologische Studierendenberatung in Klagenfurt. Zuvor war er 27 Jahre als Schulpsychologe in Kärnten tätig.

www.studierendenberatung.at