All alone. The focus being on the upset little boy feeling lonely and looking sadly at the camera while his parents sitting on the couch and quarrelling in the background.

Psychisch gesunde Kinder werden eher gesunde Erwachsene

Fast die Hälfte aller psychischen Erkrankungen hat ihre Ursprünge im frühen Alter der Betroffenen. Daraus entstehen im Erwachsenenalter häufig chronische Krankheiten mit negativen Auswirkungen auf Sozialleben, ökonomische Produktivität und Lebensqualität der Betroffenen.

Frau Foran, welche Probleme haben die Kinder, auf die das Interventionsprogramm „Parenting for Lifelong Health“ fokussiert?
Für unsere Datenerhebung haben wir Eltern mit 2- bis 9-jährigen Kindern interviewt. Der Fokus liegt auf sozialen Verhaltensstörungen wie der Störung mit oppositionellem Trotzverhalten. Diese Kinder wachsen – vorgegeben durch ihr Umfeld – mit einem gewissen Risiko auf und sind häufig bereits auffällig geworden. Diese Schwierigkeiten lösen verständlicherweise Stress bei den Eltern aus. Der Zugang des Programms ist es, positiv mit Familien zu arbeiten: Die Eltern erwerben so Entspannungskompetenzen, Stressmanagementskills, kommunikative Tools und dergleichen.

Welche Idee liegt dem Programm zugrunde?
Es gibt viele Interventionen, die versuchen, mittels Elternarbeit für ein psychisch gesundes Aufwachsen vorzusorgen. Das Problem dabei: Viele solche Programme haben komplexe Lizenzbestimmungen, die oft mit hohen Kosten einhergehen. Die WHO hat daher gemeinsam mit zahlreichen Universitäten wie Oxford oder Kapstadt an einer Alternative gearbeitet, die speziell in so genannten low-and-middle-income-Ländern zum Einsatz kommen kann. Man wollte damit mehr Menschen – auch in den ländlichen, ärmeren Regionen – erreichen, als dies mit anderen Programmen möglich war. Die Intervention wurde nun in Mazedonien, Moldawien und Rumänien als Pilotprojekt gestartet.

Was ist Ihre Rolle dabei?
Wir übernehmen die Begleitforschung. Gemeinsam mit Partnern sind wir für das Datenmanagement und die Datenanalyse verantwortlich. Uns geht es dabei vorwiegend darum herauszufinden, ob diese Intervention nachhaltig wirksam ist. Außerdem wollen wir wissen, in welchem Ausmaß sie (noch) effizient wirkt. Besonders in solchen Ländern sind die Kosten ein entscheidender Faktor, und da macht es einen Unterschied, ob fünf oder zehn Gruppensitzungen angeboten werden müssen, um Wirkungen zu erzielen.

Sind die involvierten Eltern offen für Interventionen wie diese? Immerhin geht es dabei ja häufig um sehr private Problemfelder.
Das ist für mich eine wichtige Frage, betrifft sie doch viele solcher Interventionen. Wir haben eine Kluft zwischen dem, was an Bedarf da wäre, und der Reichweite, die solche Programme erreichen. In diesem Programm haben wir festgestellt, dass die Rekrutierung von Familien nicht schwierig war. Grundsätzlich wollen die meisten Eltern ja gute Eltern sein. Wenn sie dann vor Schwierigkeiten stehen, nehmen sie Hilfe häufig an. Dabei müssen die Unterstützungssysteme aber so gebaut sein, dass sie auch annehmbar sind: Sie dürfen nicht bevormunden, sie dürfen nicht stigmatisieren und sie müssen in die Lebenswelt der Betroffenen passen.

Der Aufbau von Vertrauen spielt eine wichtige Rolle, oder?
Ja, dies trifft besonders auf die Länder zu, in denen dieses Programm angeboten wird. Rumänien hat eine unheilvolle Geschichte, was die Fremdunterbringung von Kindern betrifft. Hier war es besonders wichtig, den Eltern zu vermitteln, dass die Arbeit im Programm auf „sicherem“ Boden passiert. Unsere Daten zeigen uns, dass viele Eltern vor der Intervention des Programms noch nie Gelegenheit hatten, in annähernd professionellen Umfeldern über die Konflikte und Schwierigkeiten in ihren Familien zu sprechen.

Abseits von dem konkreten Programm: Wie steht es generell und international betrachtet um die Vorsorge und die Erhebung von Risikofaktoren in Bezug auf psychologische Symptome bei Kindern?
Wir wissen, dass die integrierte Zusammenarbeit zwischen Haus- und KinderärztInnen, SchulpsychologInnen und anderen psychologischen Versorgungsdiensten wesentlich ist, um gute Präventionserfolge zu erzielen. Je mehr an Beratung und Unterstützung für Familien angeboten wird, desto mehr spätere Probleme können damit verhindert werden. Für das Gesundheitssystem ist auch wichtig, dass im Kindes- und Jugendalter später ansetzende Interventionen teurer ausfallen. Grundsätzlich screenen wir meiner Wahrnehmung nach auch hierzulande zu wenig diverse Risikofaktoren – Alkoholprobleme, Depressionen bei Eltern etc. –, um frühzeitig entsprechende Angebote zu machen.

Das in Südosteuropa pilotmäßig erprobte Programm wirkt derzeit noch räumlich beschränkt. Ist es möglich, es umfassender auszurollen?
Ziel unserer Begleitforschung ist es, Daten für die Weiterentwicklung des Programms zu generieren, damit es auch anderswo – vielleicht noch effizienter – zur Anwendung kommen kann. Dazu nehmen wir auch den Implementierungsprozess genau unter die Lupe.

Zur Person

Heather Foran studierte Klinische Psychologie an der Stony Brook University, New York. Vor ihrer Berufung an die Universität Klagenfurt (erstmals schon 2016 auf eine befristete Professur) war sie DFG-geförderte Projektleiterin an der Technischen Universität Braunschweig. Von 2014 bis 2015 war sie als Vertretungsprofessorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Ulm tätig. Heather Foran ist approbierte „Psychologische Psychotherapeutin“ in Deutschland und den USA. Sie forscht zu Familie und Gesundheit, Gewalt in Familien, Erziehung, gesunde Partnerschaften, Depression, Verhaltensinterventionen und Public Health.

Heather Foran | Foto: photo riccio

Programm für psychische Gesundheit von Kindern in Südosteuropa

Das von EU-H2020 geförderte Projekt mit 9 Kooperationspartnern aus 8 Ländern bemüht sich um die Prävention psychischer Erkrankungen im Kindesalter. RISE (Prevention of child mental health problems in Southeastern Europe – Adapt, Optimize, Test, and Extend Parenting for Lifelong Health) will einen systematischen empirischen Prozess auf die Beine stellen, der die Implementierung, Verbreitung und Nachhaltigkeit des Elternberatungsprogramms untersucht.

Basis ist das Interventionsprogramm „Parenting for Lifelong Health“ (PLH), das für Rahmenbedingungen mit beschränkten Ressourcen entwickelt wurde und das bereits in anderen Ländern mit „low and middle income“ getestet wurde. Das Forschungsteam wird Forschungen dazu in drei der ärmsten Länder Europas in dessen Südosten durchführen.

Das Klagenfurter Team übernimmt den Schwerpunkt „Assessment und Data Analysis“. Gemeinsam mit den Partnern der TU Braunschweig und der Universität Oxford wird das Klagenfurter Team das Projektmanagement unterstützen.