Bernhard: In hora mortis
Thomas Bernhard
In hora mortis
Quelle: Robert-Musil-Institut/Kärntner Literaturarchiv, Klagenfurt
Text: Anke Bosse
Thomas Bernhard ist berühmt für seine Prosa, seine Theaterstücke und seine autobiographischen Schriften. Doch der junge Bernhard begann mit Lyrik. Im Nachlass des Komponisten Gerhard Lampersberg fand man Gedichtentwürfe. Lampersberg und seine Frau Maja führten in ihrem Tonhof in Maria Saal in den 1950er und 1960er Jahren sommers eine Art Salon für noch unbekannte Autor:innen, darunter Christine Lavant, Peter Turrini und Thomas Bernhard. Die Blätter dieser Sammlung hat Bernhard mit zwei verschiedenen Schreibmaschinen beschriftet und mit blauer Tinte überarbeitet. Vermutlich sind diese Überarbeitungen in Maria Saal entstanden. Bernhard reiste ohne diese Blätter ab. Unter diesen Überarbeitungen sind vor allem Streichungen, einige gezackt und mit so viel Furor vorgenommen, dass die Schrift darunter unleserlich ist. Streichen als Auslöschen sollte Bernhards ‚Markenzeichen‘ werden.
Bei diesem Gedichtentwurf fügte Bernhard am Ende ganz neue Verse hinzu. Er sollte die Gedichte 1958 unter dem Titel In hora mortis veröffentlichen.[1] Schon dieser signalisiert eine religiöse Grundierung,[2] und so entpuppen sich die Gedichte als psalmartig,[3] meist als Klage eines Ich, das sich fast penetrant an ein Du wendet: Gott, den Herrn. Die Machtverhältnisse scheinen also klar. Doch Bernhards Überarbeitungen bringen sie ins Kippen: So wird am Anfang „Deine Stimme / erdrückt / mich Deine / Stimme“ zu „Deine Stimme / wird / meine / Stimme sein“. Das Ich eignet sich die Stimme Gottes an, um dann aber von dieser im weiteren Verlauf wieder „zerstört“, „erdrückt“ zu werden. Das steigert Bernhard noch in den neu hinzugefügten Versen zu einem erschreckenden Bild: „… ich verbrenn / im Feuer / Deines Zorns / der seinen / Stachel / treibt / in mein / Gehirn / aus / Blut.“
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