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Von Menschen, Fichten und Borkenkäfern

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Veranstaltungskategorie Vortrag

In österreichischen Wäldern herrscht Aufruhr: Klimakrise, unterschiedliche Nutzungskonzepte, zunehmende Schadereignisse, volatile Holzmärkte. Inmitten dieser Umwälzungen: der Buchdrucker (Ips typographus) – ein kleiner dunkelbrauner Käfer. Ein Insekt, das Fichte befällt, sich (unter gewissen Bedingungen) massenhaft vermehrt, dabei Waldlandschaften umgestaltet und nicht zuletzt Waldbesitzer*innen vor Herausforderungen stellt. Soweit die Forstökologie in der Erforschung der Faktoren für die zunehmende Intensität und Häufigkeit von Borkenkäfermassenvermehrungen gediehen ist, so fehlt es (in Österreich) bis dato an einer sozial- und kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Konfliktpotenzial von Borkenkäferausbrüchen, mit der Frage, welche Machtverhältnisse in die Beziehungen zwischen Mensch, Borkenkäfer, Fichte und anderen Lebewesen eingeschrieben sind.

Der Vortrag versucht diese Lücke zu füllen und zeigt aus einer mehr-als-menschlichen politisch-ökologischen Perspektive, dass sich Borkenkäferausbrüche nicht auf natürliche Störungen, ahistorische Katastrophen und unpolitische Managementprobleme reduzieren lassen, sondern als Zusammentreffen unterschiedlicher (und ungleich mächtiger) menschlicher wie nicht-menschlicher Akteursgruppen zu verstehen sind. Somit ist es ist nicht „der böse Käfer“, der Fichte dahinrafft und Menschen ruiniert, sondern eine spezifische Konstellation von Akteur*innen, Beziehungen, Praktiken, Geschichten und Ökologien, die erst nachvollziehen lässt, warum Borkenkäferausbrüche zu Verwerfungen führen, die aufzeigt, warum die dominanten Ansätze der Borkenkäferbekämpfung zu kurz greifen.

Basierend auf mehrjähriger ethnografischer Forschung in ober- und niederösterreichischen Schutz- und Wirtschaftswäldern vermittelt der Vortrag einen Eindruck, wie die unterschiedlichen Weltgestaltungs- bzw. „world-making“-Praktiken von Fichten, Menschen, Borkenkäfern und anderen Lebewesen Konflikte in, um und aufgrund von Wald prägen. Darüber hinaus wird thematisiert, mit welchen Herausforderungen eine sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung konfrontiert ist, die anthropozentrische Kategorien wie das „Kulturelle“, „Soziale“ und „Politische“ auf mehr-als-menschliche Lebewesen auszudehnen versucht. Entsprechend stellt sich auch die Frage, welche Rolle Sozial- und Kulturwissenschaftler*innen in naturwissenschaftlich dominierten Diskursen spielen dürfen (und sollen) und wie (in unserem konkreten Fall) sozialwissenschaftlich produziertes Wissen in die (Forst)-Praxis übersetzt werden kann.

Vortragende(r)

Martin Thalhammer, PhD (Wien)

Kontakt

Dr. Reinhard Bodner (reinhard [dot] bodner [at] aau [dot] at)