Dirndl für die Welt – Die Trachtenerneuerung im Kontext der Olympischen Spiele von 1972

Die Siegerehrungshostessen der Olympischen Spiele 1972 in München (und Kiel) trugen Dirndl. Der verantwortliche Designer der Spiele Otl Aicher hatte mit seinem klaren, modernen Konzept das Ziel, ein weltoffenes, farbenfrohes und zukunftsgewandtes Bild der Bundesrepublik Deutschland zu vermitteln; frei von nationalen Symbolen und traditionellen Formen. Umso bemerkenswerter ist, dass mit der Gestaltung der Dirndl die Rosenheimer Trachtenschneiderin Brigitte Bogenhauser-Thoma beauftragt wurde, deren Arbeit in der Tradition einer Trachtenerneuerung nach dem Vorbild der einstigen „Reichstrachtenbeauftragten“ Getrud Pesendorfer stand.
Der Vortrag untersucht die Entstehung und Gestaltung der Siegerehrungsdirndl im Spannungsfeld zwischen Aichers moderner Gestaltungsidee und Bogenhauser-Thomas konservativer Ästhetik. Anhand ausgewählter Entwürfe wird gezeigt, wie Bogenhauser-Thoma historische Vorbilder, regionale Bezüge und handwerkliche Traditionen in einer bewusst traditionellen Formensprache neu interpretierte und so ein textiles Bild von „Heimat“ schuf, das zwischen Repräsentation, Symbolpolitik und ästhetischem Widerspruch oszilliert. Die Olympia-Dirndl werden damit zu einem aufschlussreichen Beispiel für den Umgang mit Tradition in der Bundesrepublik der frühen 1970er Jahre, das bis heute Fragen nach Identität, Repräsentation und kultureller Kontinuität aufwirft.
Vortragende(r)
Lea Sophie Rodenberg, M.A. (München/Benediktbeuern)
Kontakt
Dr. Reinhard Bodner (reinhard [dot] bodner [at] aau [dot] at)












