Zwischen Kopftuch und Gymnastikband: Wie Nilbar Güreş Sport, Politik und Ironie verknüpft
Die Künstlerin Nilbar Güreş bringt Sport, Religion und Politik in ungewöhnliche Bildwelten. In ihren Inszenierungen thematisiert sie Ambivalenzen, die sie in Bezug auf die Gegenwartsgesellschaft wahrnimmt, mit Parodie und Ironie. Fruchtbarkeitsbänder verwandeln sich in Gymnastikgurte und Haushaltsarbeiten in sportliche Übungen. Anna Schober, Professorin für Visuelle Kultur, hat sich mit ihrem Werk intensiv auseinandergesetzt.
Sie haben sich zuletzt intensiv mit dem künstlerischen Werk von Nilbar Güreş beschäftigt. Der Fokus lag dabei auf den Aneignungen von Praktiken des politisierten Sports. Welche Aspekte im Zusammenspiel von Politik, Sport und Körperinszenierungen haben Sie entdeckt?
Die Künstlerin Nilbar Güreş ist mir zuerst aufgefallen, weil sie auf sehr humorvolle Weise mit der Erscheinung von Frauen im öffentlichen Raum arbeitet – und zwar insbesondere mit Kopftuch tragenden Frauen. Ich habe sie entdeckt, als ich in den Medien eine Arbeit von ihr sah: Mehrere Frauen waren durch ein gemeinsames Kopftuch miteinander verbunden – eine verfremdende, parodistische Inszenierung. Mich interessiert schon länger die Frage nach der Inszenierung und Wahrnehmung von Differenz im öffentlichen Raum, von Körperlichkeit und der Sichtbarkeit von Religion. Über diesen Zugang bin ich auf Güreş Serie Unknown Sports – Public Space gestoßen. Das ist eine größere Werkreihe bestehend aus Performancekunst, Fotografie und Zeichnungen, die 2009 begann und sehr stark zeitgenössische Phänomene von Körperlichkeit, Personalisierung und Ambivalenz verhandelt.
Können Sie das beispielhaft beschreiben?
Nilbar Güreş arbeitet mit Elementen der Parodie und Ironie. Sie führt uns zum Beispiel Frauen vor, die im Kontext ihrer Haushaltsarbeiten Sport treiben. Das kann auch bis zu erotischen Interaktionen mit dem Bügelbrett reichen. Der Sport wird in der Öffentlichkeit hoch thematisiert, das ist auch in der Türkei der Fall. Unter Atatürk wurde Sport seit den 1920er Jahren als Symbol der Modernisierung verstanden. Frauen mussten für den Sport sogar ihr Kopftuch ablegen. Unter Erdoğan, einem Sportfan, der selbst auch sportlich aktiv ist, sehen wir eine starke Reinszenierung von Religiosität, die sich auch auf den Frauensport niederschlägt. Der türkische Präsident nutzt Sport auch häufig als Mittel der politischen Kommunikation. Das Verhältnis ist ambivalent: Einerseits werden sportliche Frauen in der Öffentlichkeit verspottet, andererseits wird Sport auch als Möglichkeit entdeckt, Transzendenz im Alltag zu leben. Sport ist eine Option, um körperliche Ganzheit zu bewahren. Wir sehen eine konservative Türkei unter Erdoğan, in der Frauen keine nackte Haut zeigen dürfen, aber im Sport ist wieder viel erlaubt. Unter der Regierung von Erdoğan wurden gezielt öffentliche Fitnessmöglichkeiten geschaffen, auch für kopftuchtragende Frauen. Es gibt gleichzeitig mehr geschlechtergetrennte Angebote, darunter „Women Only“-Fitnessstudios.
Wie wirkt sich Nilbar Güreş Biographie auf ihr künstlerisches Werk aus?
Güreş stammt aus der Türkei. Heute lebt sie mal da, mal dort, häufig auch in Wien, vor allem aber in der Türkei, Italien und in Österreich. Diese Vielfalt an Zugängen und Perspektiven, der sie sich damit aussetzt, wird auch in ihrem Werk sichtbar. Sie versucht in ihren Inszenierungen, sowohl real als auch imaginär Frauen aus unterschiedlichen sozialen Kreisen zusammen zu bringen. Ein Motiv, das in ihrer Arbeit immer wieder vorkommt, ist das rote Fruchtbarkeitsband. Das ist etwas, das Frauen in der Türkei traditionell tragen, um ihre Jungfräulichkeit zu zeigen. Bei ihr wird dann aus dem Fruchtbarkeitsband ein Gymnastikband, mit dem die Frauen alle möglichen Übungen machen.
Wie werden die Arbeiten von Nilbar Güreş rezensiert?
Das hängt vom Ort ab. In Österreich oder Deutschland geht man tendenziell davon aus, dass ihre Werke den Alltag der Frauen kritisch reflektieren würden. Sie stellt international schon lange erfolgreich aus und wurde auch mit Preisen ausgezeichnet. In der Türkei hat sie erst demnächst ihre erste große Solo-Ausstellung. Istanbul ist ein großes Zentrum zeitgenössischer Kunst. Die Stadt ist mit ihren modernen Aspekten eine Art Gateway und global bedeutsam. Wir sollten diese Ausstellung jetzt nicht als Zeichen werten, dass ihre Kunst in der Türkei breit akzeptiert ist, aber wir sehen: Die Ausstellung ist möglich. Das ist auch eine Anerkennung für sie als zeitgenössische Künstlerin in ihrem Herkunftskontext.
Was ist gestalterisch typisch für Nilbar Güreş?
Sie arbeitet beispielsweise sehr viel mit Stoffen – echten, gezeichneten, fotografierten. Diese verweisen oft auf ethnische Bedeutungszusammehänge, was in westlichen Kontexten zum Teil als exotisch wahrgenommen wird, in der Türkei aber nicht so sehr. Auch hier kommt wieder Ambivalenz zum Ausdruck. Sie spricht selbst oft davon, dass sie zwischen den Welten lebt und welche Spannungen damit einher gehen. Daraus zieht sie aber auch viel Energie für ihre Kunst.
Sie haben bereits den Zusammenhang zwischen Religion und Sport angesprochen. Wie erklären Sie sich die steigende Bedeutung von Sport bei sinkender Bedeutung von Religion?
Sport ist ein wichtiges Sinnangebot. Wir sind einem Markt von Sinnangeboten ausgesetzt. Es obliegt uns selbst, wo wir uns da am besten positionieren und womit wir uns von anderen differenzieren und mit wieder anderen verbinden. Religion ist im öffentlichen Raum der westlichen Welt sehr stark zurückgedrängt bzw. tritt folklorisiert auf, wird zum Teil aber auch auf neue Art sichtbar gemacht. Dagegen gibt es andere Arenen und Orte, wo Körperlichkeit in Verbindung mit Stärke und Kraft und öffentlicher Ereignishaftigkeit zelebriert wird. Sport ermöglicht uns Kollektiverfahrungen und Grenzerlebnisse. Mit Sport erleben wir Gleichheit und Ungleichheit. Das funktioniert sowohl aktiv als Sportler:in als auch passiv als Zuschauerin.
Warum ist der weibliche, sportelnde Körper so vieldiskutiert?
Sport zeigt, wie in unserer Gesellschaft der Körper sowohl verdinglicht als auch optimiert wird. Frauenkörper sind stärker reguliert, oft aufgrund von patriarchalen Traditionen. Das beschränkt sich aber nicht nur auf den Sport: Auch bei der Geschäftsfrau oder der Politikerin wird diskutiert, ob ihr Outfit adäquat ist. Sport ist eine Schaubühne der Gesellschaft im Kleinen; das wir dort auch eine Geschlechterdebatte ausleben, ist nicht weiter verwunderlich, da über das bezeichnete Geschlecht auch Normen, Hierarchien, Verbindungen und Abgrenzungen kommuniziert werden.
Inwiefern ist der Sport für eine Wissenschaftlerin, die sich mit Visueller Kultur beschäftigt, interessant?
Mich interessiert das ambivalente Verhältnis von gelebter Körperlichkeit und Entkörperlichung – etwa in Extremsportarten, die gleichzeitig körperlich fordernd,hochgradig medial inszeniert und oft Spione gesellschaftlicher Veränderungen sind. In diesem Zusammenhang ist das Bild, das wir davon zeichnen, besonders spannend: Wie stellen wir sportliche Höchstleistungen dar? Sind Schweiß, Blut und Tränen oder Verletzungen und Formen des Scheiterns zu sehen – und in welchen Zusammenhängen? Der wandernde Sebastian Kurz war auf den Wegen zu seinen Gipfeln immer mit mattiertem Teint zu sehen; bei den Iron Men trieft und tropft es auch auf den Fotos. Spannend sind hier auch die Themen Risiko und Sicherheit: Wie wird beispielsweise Free Climbing visuell inszeniert? Hier gibt es viele spannende Fragestellungen an der Schnittstelle zwischen Sport, Körper und Politik.
Bild: Nilbar Güreş, BALANCE BOARD, GIRL’S PARALLEL BAR and POMMEL HORSE (Performance in der Militärakademie in Istanbul) aus der Serie Unknown Sports. Public Space, 2009, © Nilbar Güreş, Dank an die Galerie Martin Janda in Wien.
Zur Person
Anna Schober-de Graaf ist Professorin für Visuelle Kultur am Institut für Kulturanalyse. Ihre Forschungsschwerpunkte sind populäre Bildmedien und Bildende Kunst der Moderne und der Gegenwart, Politische Ikonographie, Praktiken des Visuellen und Geschichte des Wahrnehmens, Ästhetik der Öffentlichkeit, Transnationalität und kulturelle Differenz sowie Methoden der Bild- und Kulturwissenschaften.
Schober, Anna. 2025. Visuelle Ironie und Kontingenz: Aneignungen von Praktiken des (politisierten) Sports im künstlerischen Werk von Nilbar Güreş. In: IMAGE Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaften 41 (1), 25–47.










Nilbar Güreş, BALANCE BOARD, GIRL’S PARALLEL BAR and POMMEL HORSE (Performance in der Militärakademie in Istanbul) aus der Serie Unknown Sports. Public Space, 2009, © Nilbar Güreş, Dank an die Galerie Martin Janda in Wien.

