Das Team rund um die Tagung "Zwischen Himmel und Alltag". Ass.Prof. Mag. Dr. Christian Domenig, Ass.-Prof. Dr. Angelika Kemper und Marion Stefanie Güldner.

Wissenswelten zwischen Himmel und Alltag: Internationale Mittelalter-Tagung in Klagenfurt

Angelika Kemper (Institut für Germanistik) und Christian Domenig (Institut für Geschichte) laden vom 7. bis 8. Juni 2018 Expertinnen und Experten aus aller Welt zur Tagung zum Thema „Zwischen Himmel und Alltag. Wissen und Gemeinschaft vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit“. Im Interview haben sie schon vorab erzählt, welche Bedeutung Wissen im Mittelalter hatte.

Wie wurde Wissen im Mittelalter weitergegeben?

Kemper: Wenn wir einen Blick in die verschiedenen Gesellschaftsbereiche – vom Klösterlich-klerikalen bis zu den Schulen und Universitäten – werfen, erkennen wir: Wissen wird in sozialen Zusammenhängen weitergegeben. Wissen ist generell wichtig für eine mittelalterliche Gesellschaft, die ihr Selbstverständnis und ihre ideellen Selbstbilder über Wissen transportiert. Wir wollen uns fragen: Welches Wissen ist notwendig? Und wer entscheidet darüber?

Domenig:  Schon im Mittelalter beschäftigte man sich stark mit Lernen. Was nimmt man mit? Was möchte man weitergeben? Wie lernt man?

 

 

Wer hatte im Mittelalter die Macht über den Lehrplan?

Kemper: Zunächst war dies der Klerus, der in Klosterschulen christlich geprägtes Wissen oder Wissensbestände weitergegeben hat. Im Hochmittelalter, so im 12. Jahrhundert, wurden die ersten Universitäten gegründet. Ab diesem Zeitpunkt gewann auch das „weltliche“ Wissen an Stellenwert.

Domenig: Zentral für die mittelalterliche Wissensvermittlung waren die Autoritäten. Schon aus der Antike hat man einen Grundkanon an Wissen übernommen. Dies waren die sieben freien Künste. In Enzyklopädien hat man die wichtigsten Schriften komprimiert. Solche Autoritäten sind Aristoteles, Platon, die Kirchenväter wie Augustinus, die Bibel selbst.

 

 

Ist Ihrer Wahrnehmung nach heute die Entscheidung darüber, welches Wissen erhalten bleibt, demokratischer?

Domenig: Ja, das ist meines Erachtens schon der Fall. Seit der „Revolution“ von 1968 sind viele Autoritäten weggebrochen – auch an den Universitäten. Allein das Prinzip der Autoritäten funktioniert heute nicht mehr, weil wir einen anderen Wahrheitsbegriff haben. Wahrheit wird heute als etwas Relatives oder Subjektives verstanden. Die mittelalterlichen Autoritäten hingegen sind die Wahrheit. Darin liegt der Unterschied.

 

 

Gab es auch damals andere Wahrnehmungen der Realität, die vielleicht nur nicht laut genug publiziert wurden?

Kemper: Ja, es gab natürlich auch sich widersprechende Autoritäten. Das wurde auch in der Scholastik diskutiert. Die „wichtigere“ Autorität, wenn Sie so wollen, setzte sich durch.

Domenig: Ein Paradebeispiel für den Wandel bei den Autoritäten im Mittelalter ist auch Aristoteles. Einen gewissen Teil seiner Arbeit kennt man seit dem Frühmittelalter. Dies betrifft vor allem den christlichen Part, in dem er sich stark mit dem Glauben beschäftigt. In dieser Zeit wurde Aristoteles als ein Proto-Christ gesehen, als einer der vor Christus schon viel vom Christentum erfasst hat. Eigentlich erklärt sich dies dadurch, weil die christliche Religion im griechisch-hellenistischen Umfeld entstanden ist. Im Hochmittelalter hat man dann auch den heidnischen Teil der Arbeit Aristoteles wiederentdeckt, was zu großen Problemen mit heftigen Gelehrtenstreiten an den Universitäten geführt hat. Das ging sogar so weit, dass an manchen Universitäten alle Werke von Aristoteles verboten wurden.

 

 

Warum haben Sie Ihrer Tagung den Titel „Zwischen Himmel und Alltag“ gegeben?

Kemper: Weil wir eben sehr verschiedene Aspekte abdecken wollen, zum einen die religiösen Bereiche, also den Himmel, das Transzendente. Zum anderen widmen wir uns auch dem nicht-religiösen Alltagswissen im Gemeinschaftsleben und den gebrauchsbezogenen Anwendungen von Wissen.

 

 

Sind Sie lieber jetzt WissenschaftlerIn, also professionell mit Wissen hantierend, oder wären Sie dies lieber im Mittealter gewesen?

Kemper: Im Mittelalter hätte ich als Frau gar nicht Wissenschaftlerin sein können, von daher bin ich gerne in der Gegenwart in diesem Beruf tätig.

Domenig: Das Wissen des Mittelalters ist natürlich überschaubarer, weil uns viel weniger Texte zur Verfügung stehen. Man konnte damals also noch universalgelehrt sein, was heute nicht mehr möglich ist. Aber: Ich möchte nicht im Mittelalter leben, und zwar aufgrund der hygienischen Umstände, der Ernährung, der Wohnsituation. Da bin ich lieber im komfortablen Heute.

 

 

Was wurde im Mittelalter an den Schulen gelehrt?

Kemper: Schwerpunkte waren Grammatik nach dem Elementarunterricht und Dialektik, im Hochmittelalter dann auch Logik. Das Lesen und Schreiben hat man am Lateinischen erlernt, nicht an der eigenen Sprache.

Domenig: Das mittelalterliche Bildungswesen war eher so etwas wie ein negatives Erziehungswesen. Viel davon lehnen wir heute – zurecht – ab: Prügel und Schläge, strenges Auswendiglernen.

 

 

Zum Wissenstransfer: Haben Wissenschaftler an den ersten Universitäten auch darüber nachgedacht, wie Wissen in der Gesellschaft wirksam werden kann?

Kemper: Solche Überlegungen begannen im Spätmittelalter. So gab es beispielsweise Quodlibet-Veranstaltungen, die ein Frage-Antwort-Format vorsahen und sich auch an ein städtisches Publikum außerhalb der Universitäten richteten. Dort wurden auch ganz praktische Fragen gestellt, z. B. ob eine Jubiläumswahlfahrt nach Rom notwendig sei, aber auch andere Themen wie Ökonomie wurden angeschnitten.

Domenig: Die Wissenschaftler des Mittelalters waren primär Theologen. Man nahm an: Alles ist Gott. Dies betrifft auch die Naturwissenschaften. Sich mit Wissenschaft zu beschäftigen, wurde auch als Weg zu Gott begriffen. Es war sehr bald klar, dass Gott nicht unmittelbar wirkt, wenn man etwas fallen lässt und die Gravitationskraft wirkt, aber man hat Gott hinter den Mechaniken und Naturgesetzen als so etwas wie „erster Beweger“ vermutet. Damit treffen sich die Welt und die Wissenschaft in einem sehr wichtigen Punkt.

 

 

Gibt es auch ein Projekt mit Kärnten-Bezug in Ihrem Programm?

Kemper: Ja, Birgit Müllner-Stieger wird über Vocabularius Ex quo der PA16 der Universitätsbibliothek Klagenfurt als didaktischer Text sprechen und Teilergebnisse eines Klagenfurter Forschungsprojekts vorstellen. Dabei geht es darum, eine digitale Wiedervereinigung der Texte zu ermöglichen, die im Benediktinerkloster in Millstatt einst vorhanden waren. Das Kloster wurde im Spätmittelalter aufgelöst, damit wurde auch dessen Bibliothek verstreut. Teile sind heute in unserer Universitätsbibliothek, andere in Graz und noch weiter verstreut. Ziel ist ein digitales Gesamtverzeichnis der Schriften dieser Bibliothek.

 

Zur Tagung

Die Tagung „Zwischen Himmel und Alltag. Wissen und Gemeinschaft vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit“ findet am 7. und 8. Juni an der Universität Klagenfurt (Stiftungssaal der Kärntner Sparkasse im Servicegebäude) statt. Das Programm bestreiten Forscherinnen und Forscher aus aller Welt, unter von der Harvard University und der Louisiana State University in Baton Rouge. Die Tagung wird von der Fritz Thyssen Stiftung, von der Stadt Klagenfurt und von der Fakultät für Kulturwissenschaften der AAU finanziell unterstützt.

Öffentlicher Vortrag

Susanne Rischpler (Bamberg): Ein Blick in den Spiegel? Prudentia in der bildenden Kunst des Spätmittelalters und der Renaissance (7. Juni 2018 | 19:45 Uhr | Universität, Servicegebäude, Stiftungssaal der Kärntner Sparkasse)