Vom Rausch, sich herauszufordern, und dem Streben nach Gleichgewicht: Ehemalige Leistungssportlerin Lisa Habenicht arbeitet in Mikroökonomik-Projekt

Wie kann man die Kreislaufwirtschaft in ökonomische Modelle integrieren – dafür interessiert sich Lisa Habenicht, Projektmitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Volkswirtschaftslehre. Im Portrait spricht die ehemalige Langlauf-Leistungssportlerin darüber, welche Parallelen sie zwischen ihrer Sportkarriere und herausfordernden Mathematik-Kursen sieht und welche Rolle der Leistungsgedanke in ihrer Laufbahn, aber auch in unserer Gesellschaft spielt.

„Die Idee der Kreislaufwirtschaft bedeutet, mit vorhandenen Ressourcen bewusst und nachhaltig umzugehen und sie im Sinne des Kreislaufs wiederzuverwenden – also auch jene Produkte oder Reststoffe, die nach dem Konsum üblicherweise nicht mehr genutzt oder verloren gehen würden“, erklärt Lisa Habenicht am Beginn des Interviews. Welche ökonomische Bedeutung diese Idee nun hat und wie sie auch mit den ökonomischen Konzepten des dezentralen Wettbewerbs und des Privateigentums kombiniert werden kann, ist derzeit noch offen. Lisa Habenicht ist seit Anfang Oktober 2025 Teil eines Forschungsteams unter der Leitung von Paul Schweinzer (Institut für Volkswirtschaftslehre), dem es darum geht, den theoretischen Rahmen dieser Modelle zu erweitern, um Aussagen über die Effekte der Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen.

Mit einem effizienten Einsatz auch ihrer Ressourcen kennt sich Lisa Habenicht bestens aus. Ab ihrem vierten Lebensjahr stand sie auf Langlaufschiern. Viele Jahre war sie Profisportlerin. Viermal nahm sie an Weltmeisterschaften im Langlauf, zweimal an Olympischen Spielen teil. Sie ist 24-fache Österreichische Meisterin und konnte mehrere Top 30 Platzierungen im Weltcup für sich verbuchen. Noch während ihrer sportlichen Karriere absolvierte sie das Bachelor- und das Masterstudium der Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen. Für das Doktoratsstudium schrieb sie sich bereits 2022 an der Universität Klagenfurt ein, dabei wurde sie als Mitglied vom Projekt „Spitzensport und Studium“ bestens unterstützt. Und am Beginn ihres Studiums in Klagenfurt begann sie gleich damit, sich auf die Mathematik zu fokussieren, die das wichtigste Instrument der Mikroökonomik und Spieltheorie ist: „Ich bin in einem Sommersemester eingestiegen und mir wurde ein besonders herausfordernder Mathematikkurs empfohlen, der schon auf einem Kurs im vorangegangenen Semester aufbaute. Natürlich hatte ich auch schon vorher mit Wirtschaftsmathematik zu tun, aber das war eine andere Liga: Es ging nicht mehr darum, wie man Mathematik anwendet, sondern darum, warum man sie so anwenden darf, und wie man beweist, dass dieser Zugang zulässig ist.“ In den Osterferien ihres ersten Semesters hat Lisa Habenicht dann die Inhalte des Vorgängerkurses aus dem Wintersemester aufgeholt. „In diesen Phasen habe ich auch von meinen Erfahrungen aus dem Leistungssport profitiert: Hürden sind da, um gemeistert zu werden.“

Dass sie sich für die Mikroökonomik entschieden hat, erkläre sich auch aus ihrer persönlichen Prägung. „Als ich in der Volksschule war, wurde ich mal gefragt, was mein Hobby sei. Und ich antwortete damals: Rechnen“, erzählt sie. „Ich habe somit das gefunden, was mich besonders fasziniert: Die Mikroökonomik verbindet meine Leidenschaft für Wirtschaft und meine Freude an der Mathematik.“

Schon während ihres Bachelor- und Masterstudiums wurde ihr klar, dass sie in die Forschung gehen wolle. Und dabei war ihr auch wichtig, „dass ich mich dem Theoretischen und der Mathematik zuwende, dem also, was gemeinhin als schwieriger gilt. Schwierige Herausforderungen motivieren mich. Der Leistungsgedanke trägt mich schon so lange durch das Leben – insbesondere durch meine sportliche Karriere. Sich selbst herauszufordern, wird dabei auch ein bisschen zu einer Sucht. Und wahrscheinlich suche ich immer noch ein bisschen nach dem Rausch“, so Lisa Habenicht. Ihre Langlaufschi schnallt sie seit 2024, als ihre Tochter geboren wurde, nur noch zum privaten Vergnügen an. Seit Oktober 2025 ist sie im vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt am Institut für Volkswirtschaftslehre angestellt; schon davor war sie auch in der Lehre für Bachelorstudierende tätig. „Ich genieße es, meine Leidenschaft für das Fach zu teilen und auch andere zu inspirieren. Dabei kann ich auf meine Erfahrungen zurückgreifen und diese weitergeben.“

Lisa Habenicht ist nun 30 Jahre alt – und hat einen Großteil ihres Lebens härter an sich gearbeitet als dies gemeinhin üblich ist. Wir fragen also die Wirtschaftswissenschaftlerin: Wäre eine hypothetische Volkswirtschaft, die aus ähnlich leistungsorientierten Menschen wie sie bestehen würde, maximal erfolgreich? Sie antwortet: „Die Welt ist so schön, weil es so viele unterschiedliche Menschen gibt. Wenn es nur Menschen mit hohen Zielen und starken Leistungswillen gäbe, würde unsere Gesellschaft wohl nicht funktionieren. Sowohl in der Mikroökonomik als auch in unserer Gesellschaft ist eines sehr wichtig: das Gleichgewicht.“ Ihre Generation und die, die ihr folgen, würden Leistung häufig anders definieren: „Die Work-Life-Balance hat einen anderen Stellenwert erlangt. Das bedeutet nicht, dass man weniger motiviert wäre, etwas zu leisten, sondern dass man eben anders an Aufgaben herangeht. Ich bin davon überzeugt, dass wir Vertrauen darin haben sollen, dass diese Entwicklungen gut sind.“ Am Schluss bezieht sich Lisa Habenicht auch nochmals auf die Ressourcen, die auch in ihrem Forschungsprojekt eine so große Rolle spielen: „Wir sollten heute mehr denn je die Ressourcen betrachten, die wir haben, und damit versuchen, unseren Beitrag zu leisten. Das gilt auch für die Wirtschaft: Es geht nicht mehr darum, unendlich viele Bürostunden abzusitzen, sondern mit Werkzeugen – auch neuen Technologien – effizient zu hantieren, um das beste Ergebnis zu erzielen.“

Auf ein paar Worte mit … Lisa Habenicht



Wann haben Sie zuletzt mit jemandem außerhalb der Wissenschaft über Ihre Forschung gesprochen?
Als ich meiner Oma erklärt habe, dass ich nicht Mathematik studiere, was Volkswirtschaft eigentlich ist, wie ein Job in der Forschung funktioniert und woran ich arbeite.

Was machen Sie im Büro morgens als Erstes?
Meinen Radhelm verstauen und mein Setup einnehmen.

Was bringt Sie in Rage?
Ungerechtigkeit

Und was beruhigt Sie?
Zeit mit meiner Familie, gemeinsamer Sport

Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an Ihre Arbeit zu denken?
Ich mache auch Urlaub, ohne zu arbeiten. Aber gute Ideen haben manchmal ihren eigenen Zeitplan 😉

Wovor fürchten Sie sich?
Ich hatte lange Zeit Angst davor, Fehler zu machen, weil es oft mit Scheitern und dem „Verlieren im Wettkampf“ gleichgesetzt wurde. Inzwischen versuche ich, dieses Denkmuster zu verändern – denn Fehler sind auch Chancen, die wir nutzen können. Wir lernen aus ihnen am meisten und sie machen uns letztlich stärker.

Worauf freuen Sie sich?
Fehler zu machen und daraus zu lernen 😉