Stille Nacht! Heilige Nacht! Warum wir (Weihnachts-)Rituale genießen

Ob für das gemeinsame Gebet, das große Schmausen oder die alljährliche Computerwartung bei der älteren Generation: Weihnachten ist das Fest der Rituale. Wir haben mit dem Historiker Christian Jaser über die Funktionen von Ritualen und ihre Wandelbarkeit gesprochen.

Christbaum, Mette, Geschenke und das große Essen: Wie erklären Sie sich, warum wir Weihnachten auf die immer gleiche Weise feiern?

Der Faktor des Familienfests ist für mich absolut essenziell. Wann kommen Familien heute überhaupt noch zusammen? Zu Weihnachten ist es üblich, dass Familienmitglieder, die auch weit verstreut leben, zusammenkommen. Das bietet die Gelegenheit zur Kommunikation. Die Rituale zu Weihnachten schaffen darüber hinaus Erwartungssicherheit: Ich weiß, dass die Mutter die Gans kocht, und dass am 25. Dezember der Cousin mit seiner Familie zu Besuch kommt. Weihnachten bietet Stabilität und Ordnung, die wir sonst in unserem Alltag nicht mehr in dieser Form erleben. Jeder weiß, was er zu tun hat und jeder weiß, wo der andere ist. Die Rituale schaffen ein Gemeinschaftserlebnis und befriedigen unsere Suche nach Halt in dieser turbulenten Zeit.

Besonders schwierig wird das aber, wenn Familien auseinanderbrechen oder Menschen verstorben sind, oder?

Ja, in solchen Situationen bekommen wir auch besonders schmerzlich zu spüren, wie wichtig das Ritual für uns ist. Wenn man nicht mehr weiß, wer die Gans kocht, wird das erste Weihnachtsfest oft zu einem biographischen Einschnitt. Oft möchte man dann auch nicht mehr in dem Haus feiern, und man muss andernorts neue Rituale schaffen.

Seit wann feiern wir Weihnachten in dieser Weise?

Viele denken, diese Rituale müssten bis ins Mittelalter zurückreichen, weil diese Epoche ja sehr stark christlich dominiert war. Wir wissen aber, dass die gegenwärtigen Rituale erst im 19. Jahrhundert formiert wurden. Im Mittelalter feierte und schenkte man eher zu St. Nikolaus; erst im Laufe der Jahrhunderte rückten diese Handlungen in Richtung der Weihnachtsfeiertage. Romane und Erzählungen trugen damals wie heute dazu bei, wie Rituale wie der Weihnachtsbaum oder das Schenken Festigkeit gewinnen. So zeichnet sich ein ähnlicher Weg in den meisten Familien ab.

Welche Medien verfestigen heute Rituale?

Oft sind es Hollywoodfilme, die unsere Rituale bei Hochzeitsfeiern prägen; das reicht bis zur Auswahl von Hochzeitsliedern. Auch das so genannte hypermourning ist ein Phänomen, das sich durch die hohe Konnektivität mit den Social Media ergeben hat, wo sich neue Praktiken im Umgang mit Trauer entwickelt haben.

Was ist überhaupt ein Ritual?

Es handelt sich um geregelte, sich wiederholende kulturelle Handlungen. In Abgrenzung zum Zähneputzen sind die Rituale, mit denen wir uns beschäftigen, häufig formalisiert und ästhetisiert. Sie sollen eine bestimmte symbolische Bedeutung hervorbringen. Es geht im politischen oder im religiösen Sinn um Ordnungs- und Gemeinschaftsstiftung.

Warum haben wir Menschen mit solchen Ritualen begonnen?

Das Bedürfnis nach Ordnungs- und Gemeinschaftsstiftung sehen wir in jeder menschlichen Vergemeinschaftungsform. Wir sind soziale Wesen, die sich mit anderen im Austausch befinden. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho hat einmal geschrieben, der Mensch sei ein zeremonielles Tier. Dass unser kommunikativer Alltag stark von Ritualen geprägt ist, hat eine große anthropologische Tiefe. Selbst bei den Neandertalern hat man in der Nähe von Gräbern Blütenspuren gefunden, die auf entsprechende Rituale hinweisen. Rituale hat es immer schon gegeben; die Form, wie sie sich anlassbezogen ausgestalten, ist jedoch kulturspezifisch und historisch wandelbar. Auch heute sehen wir, wie sich Rituale ständig verändern. Führen wir uns die Auswirkungen der Pandemie vor Augen. Sie hat vieles verändert: vom Handgeben bis zu unseren Online-Meetings.

Kommen wir zurück zum Weihnachtsfest: Vielen politischen Vertreter*innen ist es besonders wichtig, dass bei uns der Nikolaus und das Christkind kommen, wohingegen anderswo Santa Claus auf dem Rentier herbeischwebt oder der Weihnachtsmann über den Kamin in die Häuser rutscht.

Ich würde sehr vorsichtig damit sein, diese klassische Weihnacht, wie wir sie kennen, als kulturellen Code einer Region zu definieren. Der Christbaum und das Christkind stammen nicht aus einem germanischen Altertum. Die Nationalsozialisten haben mit der „deutschen Weihnacht‘“ versucht, eine historische Tiefe zu prägen, die Humbug ist. Heute wissen wir, dass sich unsere gegenwärtigen Rituale im 19. Jahrhundert entwickelt haben und aus Übernahmen aus vielen Kulturen bestehen. Das vermeintlich Eigene ist oft auch das Fremde. So stammt beispielsweise der New Yorker Santa Claus aus den Niederlanden.

Ähnliche Kritik wird auch immer zu Halloween laut.

Rituale unterhalten uns; sie sollen auch Spaß machen. Wenn nun auch bei uns Kinder zu Halloween die Süßigkeitsladen der Nachbarn leerräumen, entstehen neue Bedeutungen und Begegnungsräume in den jeweiligen Gemeinschaften. Man muss sich nicht als Importeur von fremden Kulturen fühlen, sondern kann ein Ritual, das aus den USA kommt, auch mit einem neuen Sinn erfüllen – und so auch am 31. Oktober etwas Spannendes und Spaßiges machen.

Die Weihnachtsrituale zeichnen sich durch eine hohe Beständigkeit aus. Gibt es in der Ritualgeschichte auch Ausreißer, die bewusst nicht mitmachen?

In der Geschichte der Rituale gab es immer auch die Geschichte der Ritualgegnerschaft und des Widerstands. Das Moment der Störung ist in der Bedeutung des Rituals immer inkludiert: Ich habe mich beispielsweise lange mit dem päpstlichen Zeremoniell beschäftigt. Dort schreiben Zeremonienmeister jeden Tag genau auf, was passiert ist und ob die Norm des Zeremoniells eingehalten werden konnte. Manchmal passiert dabei aber etwas Unvorgesehenes, zum Beispiel bläst ein Windhauch die Kopfbedeckung des Papstes weg. Das Bedeutungsschwangere des Rituals sorgt dafür, dass Komik aufkommt, sobald etwas nicht funktioniert. Wenn die Gans im Ofen verbrennt, muss man das auch gemeinsam weglachen.

Sind selbst die Hippies zu Weihnachten nach Hause gefahren, um dort die Gans zu essen?

Die Essenz der 68er sind die Generationskonflikte und innerfamiliären Auseinandersetzungen. Das hat wohl auch zu Weihnachten, wo man oft Übererwartungen an Harmonie hat, zu Konflikten geführt. In den 1970er Jahren gab es eine starke emanzipatorische und politische Aufladung, in der man sich gegen das Eingespanntsein, aber auch gegen die in den Ritualen manifestierte Hierarchie, auflehnte. Andere Gegner des Weihnachtsfests sind beispielsweise religiöse Gruppierungen wie die Zeugen Jehovas. Sie sehen Weihnachten, wie wir es heute feiern, nicht als christlich an, sondern als Äußerlichkeit, die auf das Weihnachtsfest aufgepropft wird.

Vielen Dank für diese Einsichten in die Geschichte des Weihnachtsrituals. Dürfen wir zum Schluss noch fragen: Wie feiern Sie Weihnachten?

Ich fahre mit meiner Frau zu meinen Schwiegereltern. Wir feiern dort ein sehr traditionelles Weihnachtsfest: Der Baum wird geschmückt, für das Kochen bin ich zuständig. Wir machen Gans oder Truthahn. Wir spielen auch Brettspiele. Die nächsten Tage sind durch wechselseitige Besuche recht dicht durchgeplant. Am 26. Dezember gibt es eine große Familienzusammenkunft, und dann ist leider schon wieder alles vorbei. Ich kann aber auch Menschen verstehen, die mit Weihnachten nicht viel anfangen können. Gerade in Großstädten gibt es viele, die die Anonymität genießen. Und auch die heile Welt kann ein bisschen nervig sein.

Zur Person



Christian Jaser studierte Mittelalterliche Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Humboldt-Universität zu Berlin. Er war zwischen 2003 und 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mittelalterliche Geschichte und später für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach seiner Promotion im Jahr 2011 arbeitete Jaser zunächst zwei Jahre am DFG-Projekt „Der mittelalterliche Zweikampf“ an der Technischen Universität Dresden und dann von 2013 bis 2020 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte II an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2017/2018 war er Junior Fellow am Historischen Kolleg in München. Seine Habilitation mit dem Titel „Palio und Scharlach. Städtische Sportkulturen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts am Beispiel italienischer und oberdeutscher Pferderennen“ wurde 2019 angenommen. Vor seiner Berufung an die Universität Klagenfurt im Jänner 2021 vertrat er von 2019 bis 2020 den Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Seine Forschungsschwerpunkte sind: Europäischen Geschichte des Früh-, Hoch- und Spätmittelalters, Transalpin vergleichende Stadtgeschichte, Kirchen- und Papstgeschichte, Sportgeschichte, Historische Ritualforschung, Wirtschaftsgeschichte und Mittelalterrezeption.



Christian Jaser | Foto: Walter Elsner