Perspektivenwechsel verändert nicht nur die Wahrnehmung des Anderen, sondern auch das eigene Ich

Wie nehmen wir einander wahr, wenn wir vermeintlich fremd sind? Das ist eines der Leitthemen, das Cornelia Muschet in ihrer literaturwissenschaftlichen Arbeit in den Graphic Novels von Takua Ben Mohamed aufgespürt hat. Die Doktorandin in den Italian Studies kam in ihrer Arbeit zu einer versöhnlichen Conclusio: Oft nehmen Ben Mohameds Figuren Vorurteile von kulturell Anderen als gegeben an, die aber gar nicht bestehen. Die Autorin sieht sich selbst oft als fremd, sie wird als anders wahrgenommen. Hier kommen Themen wie die identitäre Frage der Kleidung, die Wirkung von Fremdbildern, Stereotypen und Vorurteilen in der interkulturellen Kommunikation und das Konzept des „Othering“ zum Ausdruck. Im Oktober 2024 hat sie ihre Dissertation mit der Defensio an der Università Ca’Foscari in Venedig abgeschlossen.

Takoua Ben Mohamed, geboren 1991 in Tunesien, kam mit neun Jahren nach Rom, wo sie in einem multikulturellen Umfeld aufwuchs. Heute ist sie Autorin von Graphic Novels, Illustratorin und Filmemacherin. Ihr Werk steht im Mittelpunkt der Dissertation von Cornelia Muschet, die ihr Doktoratsstudium im Programm „Italian Studies“ absolvierte, das die Universität Klagenfurt im Rahmen einer strategischen Partnerschaft mit der Università Ca’Foscari anbietet. Im Oktober 2024 schloss sie als erste Studentin aus Klagenfurt in dem Programm ab, im Jahr davor gab es schon einen Absolventen der Università Ca’Foscari.

Insgesamt 5 Graphic Novels von Takua Ben Mohamed hat Cornelia Muschet in ihrer Doktorarbeit genau beleuchtet. Sie beschäftigt sich damit mit einem modernen literarischen Genre, das in den Literaturwissenschaften noch wenig beleuchtet ist. Danach gefragt, was Graphic Novels ausmacht, erläutert sie: „Erzählerische und bildnerische Sprache ergänzen einander. Graphic Novels greifen im Gegensatz zu Comics auch ernste Themen auf und machen es dem Publikum leichter, zu solchen Stoffen einen Zugang zu finden.“ Für Cornelia Muschet war besonders interessant, wie Takua Ben Mohamed Themen rund um Migration und Transkulturalität zur Sprache – oder eben nicht zur Sprache – bringt: „Das Zusammenspiel von Bild und Text macht die literaturwissenschaftliche Arbeit an Graphic Novels besonders spannend. Mal werden Inhalte detailreich illustriert, mal setzt die Autorin nur auf einen schwarzen Kasten mit weißer Schrift.“ Für das Leseerlebnis bieten Graphic Novels neue Perspektiven: Der Blick schweift schon beim Umblättern über die Bilder und bleibt auch schon mal vorweg an einer späteren Stelle hängen. Durch die Bebilderung wird vermeintlich etwas vorweggenommen, das sonst nur mit der Vorstellungskraft der Leser:in in deren Kopf entstehen würde, gleichzeitig ergeben sich aber auch in Graphic Novels Lücken, die sich durch die Interpretation der Leser:innen erschließen. „Die Autorin trifft eine Entscheidung darüber, was sie uns zeigen möchte. Manches wird nur als Fragment angedeutet, manches ist so schrecklich, das es unbebildert bleibt“, führt Cornelia Muschet aus.

Im speziellen Fall von Takoua Ben Mohamed kommt noch hinzu, dass sich die Autorin auch ihrer beiden Sprachen – dem Italienischen und dem Arabischen – bedient. Die Autorin schreibt auf Italienisch, das Arabische findet man nur auszugsweise beispielsweise auf Protestschildern oder bei der Abbildung von Briefen. Cornelia Muschet erklärt: „Begegnet man dann den Schriftzeichen des Arabischen, kommt für mich als Leserin noch eine weitere Dimension dazu: Das Unbekannte begegnet mir auch in der Sprache selbst.“ Damit ist untermalt, was ihren Figuren in ihren interkulturellen Begegnungen widerfährt und was die Autorin auch aus ihrer eigenen Biographie mitbringt: Wie fühlt es sich an, im katholischen Rom ein Kopftuch zu tragen? Wie integriert man seine eigene Familiengeschichte, die sich zwischen Kulturen abspielt, in sein südeuropäisches Leben? Welche Erfahrungen machen Jugendliche in Schulen? Über allem schwebt immer die Idee: Wie werde ich vom anderen wahrgenommen? Wie nehme ich selbst andere wahr? Begegnen mir andere mit Vorurteilen, oder nehme ich das nur an? Welche Vorurteile habe ich selbst? Weiters thematisiert sie in ihren zwei Graphic Reportagen auch die Migrationsgeschichten anderer (Kambodscha und Mosambik). Genauer untersucht wird hierbei die innere und äußere Erzählperspektive. Welche Unterschiede gibt es in der Darstellung des Ich und des Anderen in den unterschiedlichen Werken? Wenn die Autorin über sich selbst spricht, greift sie oft auf einen ironischen Ton zurück.

Cornelia Muschet hat ihr Doktoratsstudium grenzübergreifend in Italien und Österreich absolviert, auch wenn die Pandemie einen langen Aufenthalt in Italien verhindert hat und die Begegnungen oft nur online stattfanden. Als erste Studentin (auf Seiten der Universität Klagenfurt) in dem Programm waren auch bürokratische Hürden zu überwinden. In ihrer – da wie dort kulturell versierten – Betreuerin Angela Fabris (Institut für Romanistik), die das Programm „Italian Studies“ ins Leben gerufen hat, fand sie eine tatkräftige Unterstützerin. Das Doktorat ist nun abgeschlossen und seit einigen Monaten ist Cornelia Muschet, die schon während ihres Studiums als Lehrerin tätig war, nun als junge Mutter zuhause in Fürnitz, nur wenige Autominuten von der Grenze zu Italien entfernt. Interkulturelle Erfahrungen sind Cornelia Muschet nicht fremd: „Im Dreiländereck gibt es kaum Fremdheitsgefühle gegenüber jenen jenseits der Grenze. Es gibt schon seit langem viele Begegnungsräume wie Feste oder das Einkaufen im anderen Land. Für mich war auch in den Büchern von Takoua Ben Mohamed die Erkenntnis besonders spannend: Man glaubt oft, der andere begegnet einem mit Vorurteilen. Das ist aber oft gar nicht der Fall. Die Menschen sind wohl viel offener, als man annimmt.“