Alte Frau stützt ihren Kopf mit den Händen | Foto: De Visu/Fotolia.com

Mehr Orientierung für Menschen mit Demenz

130.000 Menschen mit Demenz leben aktuell in Österreich. In vielen Fällen ist die außerhäusliche Mobilität zwar motorisch möglich, aber aufgrund der Orientierungsschwäche problematisch. Elisabeth Reitinger erarbeitet Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich öffentlicher Verkehr.

Die Wiener Linien sind im internationalen Vergleich bereits Vorzeigeunternehmen für die Unterstützung von Menschen mit Behinderung, jedoch vornehmlich für jene mit körperlichen  Einschränkungen. Weniger Aufmerksamkeit liegt derzeit auf Personen mit Lernschwierigkeiten oder kognitiven Einschränkungen. „Hier ist noch wenig Wissen vorhanden, und dementsprechend fehlen technische und soziale Anpassungen sowie Handlungsempfehlungen für Beschäftigte im öffentlichen Verkehr“, so Elisabeth Reitinger.

Den Kern der Forschung bilden narrative Interviews mit den Betroffenen. In Österreich steht die Partizipation von Menschen mit Demenz erst am Beginn, zumeist werden nur die Angehörigen  befragt. Für die direkte Befragung musste die Zustimmung der Ethikkommission eingeholt werden. Die Validationsexpertinnen Maria Hoppe aus Klagenfurt und Petra Fercher aus Wien  unterstützen das Team.

In einem zweiten Schritt folgen Begehungsstudien. Welche Entscheidungshilfen bieten etwa beim Gang zum Lebensmittelgeschäft Orientierung? Danach folgt die Prüfung von technischen Unterstützungssystemen wie GPS auf deren Tauglichkeit. Die Thinking-Aloud-Methode hat sich dabei bewährt. Menschensprechen während der Bedienung von technischem Gerät alles laut aus, was ihnen in den Sinn kommt. Schließlich werden Fokusgruppen mit Angehörigen gebildet, um die Art der Schwierigkeiten bei Orientierungsverlusten herauszufiltern.

„Möglicherweise ist technisch gar nicht viel Hilfestellung möglich“, vermutet Reitinger, „dafür aber mehr im sozialen Bereich“, und schildert eine häufige Situation am Fahrkartenautomaten: Hier werde recht rasch geholfen, wenn sich wer nicht auskennt. Aber wie sieht es aus, wenn sich jemand mit dem Bus nach Sankt Nirgendwo aufmacht? „Der Busfahrer auf dem Land kennt seine Fahrgäste schon und chauffiert desorientierte Personen einfach zurück ins Altenheim. Oder die Dorfpolizistin, die eine verirrte Person wieder nach Hause bringt“, weiß Reitinger, „im städtischen Raum ließe sich einiges anregen. Es geht aber vor allem um mehr Wissen über Demenz und Bewusstseinsfragen.“ Noch herrsche nach einer Demenzdiagnose eine zu große Scham.

Das Projekt richtet sich auch an eine größere Öffentlichkeit: „Menschen sollen zum Nachdenken gebracht werden, damit sie auf Personen, die nicht sofort eine Fahrkarte entwerten können, nicht gleich mit Feindseligkeit oder Spott re-agieren.“ Methodisch helfe generell die Validationsmethode: Die Entwicklung einer Grundhaltung, Menschen mit einer tiefen Wertschätzung zu begegnen und zunächst einmal die Realität, in der die Person ist, ernst zu nehmen, sie anzuerkennen und damit der Person Sicherheit zu geben. Reitinger: „Demenzielle Veränderungen werden immer häufiger. Genau aus diesem Grund wäre es für alle Menschen gut, im Erkennen und Wahrnehmen von Demenz sensibler zu werden.“

für ad astra: Barbara Maier

„Demenz in Bewegung“ nennt sich das von FFG und bm:vit im Rahmen des Programms „Mobilität der Zukunft“ geförderte Projekt, das Elisabeth Reitinger vom Institut für Palliative Care und OrganisationsEthik gemeinsam mit mehreren Projektpartnern (Büro für nachhaltige Kompetenz, b-nk, CS – Caritas Socialis, Wiener Linien) derzeit durchführt.

Interessierte an Thema oder Projekt sind eingeladen, sich mit Elisabeth Reitinger in Verbindung zu setzen: Elisabeth.Reitinger [at] aau.at

Elisabeth Reitinger | Foto: Ingo Folie